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die Erbschaft nicht annehmen." – "Er sollte sie nicht annehmen?" schrie der Kerl, "sollte die schönen Güter in der Normandie, sollte die Plantagen in Saint-Domingo nicht annehmen? Ist denn der letzte Wille einer Mutter nicht unumstösslich? Wird denn das fräulein nicht Zeitlebens gut aufgehoben? und war ihr denn die Wahl des Klosters nicht frei gestellt?" – "Der letzte Unsinn einer schwachköpfigen, sterbenden Schwärmerin," beantwortete ich mit Bitterkeit seine gehäuften dummen fragen, "die niemanden darüber zu Rate zieht als einen Dominikaner, kann weder Kraft bei ihren Erben, noch Gültigkeit vor Gerichte haben." – "Um Vergebung," wendete der Wirt dagegen ein, "Frau von Saintaignan war nichts weniger als eine schwachköpfige, war vielmehr eine sehr kluge, rechtschaffene und empfindsame Dame, und das Vermögen, über das sie Verfügung traf, kam von ihr her. Ich sehe auch bei Gott nichts unkluges und nicht halb so viel unbilliges in so einem Testamente, als bei einem Majorate; denn jenes erhält die Familie nicht allein auf Erden, sondern auch im Himmel bei Ansehn." – "Gehen Sie, Herr Wirt," unterbrach ich ihn, "Sie haben vorhin sehr richtig über Ihren Beruf geurteilt; Philosophie liegt wirklich ganz ausser Ihrer Sphäre. Gehen Sie und schaffen Sie mir ein Glas Limonade." – Er ging; doch ehe ich mich noch im geringsten von meinem Schrekken erholt hatte, stand er mit seiner Bouteille und seinem Geschwätze wieder vor mir. – "Da Sie doch," sagte er, indem er mir einschenkte, "eine Flasche Limonade nötig haben, um über das Schicksal fräulein Klärchens Ihr Blut zu beruhigen, wie viel werden Sie nicht brauchen, wenn Sie erst die geschichte des Bruders erfahren!" – "Ich mag sie gar nicht wissen, Herr Wirt. Was so eine Seele angeht, ist mir ganz gleichgültig." – "Das wird es Ihnen nicht bleiben; lassen Sie mich nur erst erzählen. Dass fräulein von Saintaignan den Schleier annimmt, gereicht keinem Menschen zum Nachteile, so wenig als ihr selbst. Ihr Herz ist noch nicht vergeben, und das Kloster befreit sie von allen Nachstellungen. Wenn einem mann aber, wie dem jungen Marquis, des Heilands wegen eine Braut untreu wird, so ist diess wohl ein seltneres Unglück, und unserm jungen Herrn muss es noch viel schmerzhafter fallen, weil sein Schwesterchen vielleicht noch mehr Anteil daran hat als der Heiland." – Jetzt erst schenkte ich seiner Erzählung meine ganze Aufmerksamkeit. – "Die junge schöne Prinzessin von Montbasson," fuhr er fort, "wurde hier unter der Aufsicht meiner Schwägerin mit fräulein Klärchen zugleich erzogen. Erstere war von jeher dem Bruder bestimmt; dessen ungeachtet gewannen die beiden jungen Leute einander lieb, die Zeit verging, der Tag ihrer Vermählung war schon festgesetzt, und der Bräutigam wurde nächstens von der Armee erwartet. Dieser Zwischenraum, so kurz er war, warf alles über den Haufen. Die Freundschaft zur Schwester stritt schon lange in dem Herzen der Prinzessin mit der Liebe zum Bruder, und, was wohl noch nie erhört ist, sie siegte. Die schöne Verlobte entschloss sich kurz, schrieb ihrem Bräutigam einen betränten Abschiedsbrief, flüchtete, ehe sich meine Schwägerin dessen versah, in das Kloster, das ihre Gespielin gewählt hat, und erwartet dort nun schon seit acht Wochen die baldige Wiedervereinigung mit ihr auf Leben und Tod. Dergleichen heldenmütige Entschliessungen, mein Herr, dergleichen Freundschaft, Treue und Hingebung ist nur in unserer Religion möglich. Wenn auch sonst nichts ihre Göttlichkeit bewiese, solche Beispiele würden es allein tun. Der junge Herr, sagt man, soll untröstlich sein. Das ist begreiflich. Man wird freilich eine Schwester gelassener einkleiden sehen, von der man erbt, als eine geliebte Braut, die alles mitnimmt und dem Himmel aufhebt, was wir schon als uns zugehörig betrachteten, und das unserer Phantasie von unersetzlichem Werte scheint." – "Wer hart genug ist," antwortete ich, "eine solche Schwester dem Molochder Mönchswut zu opfern, verdient statt der Schmeichelei eines liebenden Auges die Umarmungen der Furien. Gott tröste und segne nur die beiden trefflichen Mädchenwas kümmert mich der unnatürliche Bruder!"

Der Wirt schlich während meines heftigen Ausfalls gähnend davon. Ich schlüpfte in meine kammeraber woher sollte mir der Schlaf kommen? – stürzte wieder heraus, setzte mich an meinen Schreibtisch, und sitze noch da, fluche der geistlichen Verräterei an der Menschheit, und zanke zur Abwechselung mit dem Schicksale. Ich kann mich nicht trösten über den Verlust, den Welt, Tugend und Freude durch die Mordtat an diesem unvergleichlichen Mädchen erleidet. Jetzt erst begreife ich ihre Erschütterung, als die Klosterglocken zum nächtlichen Gebete läuteten; jetzt erst fühle ich das ganze Gewicht der stillen Träne, die ihr über die Wange in den Kelch der Passionsblume rollte; erst jetzt wird mir es klar, warum ihre Bewunderung des ausduldenden Kapuziners sich in Beben und Gebet verlor, warum ihr Auge so gerührt über den Blumen hing, die sie ihrer eingekerkerten Agate darbrachte, und ich verstehe die Wehklage über ihr Unvermögen her verwaisten Armen zu helfen.

O du, deren melodisch tönende Trauerstimme mir das Herz jetzt schneidend durchdringt, wohl hattest du Recht: ich entdecke mit Stolz den Sinn deiner Rede, dass ich zwar unbekannt mit deinem Kummer, doch des Mitgenusses deiner Schwermut nicht ganz unwürdig sei. Hält mich auch der Nachschwung in die lichtvolle