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für diesen Preis meine Ueberraschung der schönen Clitoris9 der damaligen Redoute hätte abtreten können, um sie über die teterrima belli causa, wie es der spitzige Horaz nennt, schamrot zu machen, durch die sie die Würde eines Hofmanns gegen einenHamsterträger aufs Spiel setzte. Du übernimmst wohl dieses Geschäft in meiner Abwesenheit, das Dir ohne Zweifel zu einem desto ungestörtem Triumph im jetzigen Karnaval verhelfen würde; könnte Dir mein Tagebuch nur zeitig genug diese wichtige Nachricht zufertigen.

Ohne meine gute Laune zu verlieren, die ich aus der Bude Deines Rivals mitnahm, fuhr ich in Einer Strecke nach Yvri. Hier warf ich mich aus eine steinharte Matratze und erwachteGott! – wie ich immer erwachen möchte! Ich fand meinen Wagen, als ich fort wollte, mit einer Menge bettelnder Kranken umgeben, die keinen bessern Zeitpunkt hätten treffen können, denn der Antrieb, wohl zu tun, brauste durch alle meine Adern. – Ein gemeines Almosen war mir in meinem weit umfassenden Gefühle zu klein. Ich öffnete den Sitz meines Wagens, und teilte, ohne mich zu bedenken, den ansehnlichen Vorrat meiner teuern Arzeneien unter diese Hülfsbedürftigen aus.

Ein Soldat mit einem hölzernen Arm erhielt zwanzig Portionen von dem Luftsätze des Freiherrn von Hirschen; achtzehn waren noch übrig, die ich unter eben so viel Kinder verteilte. Eine uralte Frau, die über nächtliche Anfechtung des Teufels und über Schlaflosigkeit klagte, beschenkte ich mit meinem Elixir aus Bruchsal nebst der Adresse. Unter den übrigen Hausen von Schwindsüchtigen und Bleichen teilte ich meine Magnettropfen, mein Glaubersalz und meinen Zwieback aus. Eine schlanke Gestalt mit einem Madonnengesichte befand sich unter den letzteren. Ihr würde vermutlich die Desorganisation sehr gute Dienste geleistet haben, hätte ich das Ding nur verstanden, oder Zeit und Lust gehabt, einen Rapport unter uns aufzusuchen. Ich gab ihr indess, bis ein Meister der Kunst auf sie trifft, eine noch unberührte Schachtel temperirenden Pulvers, der einzigen Arzenei, deren ich mich während meiner Reise nicht benötigt gefühlt hatte; und nun warf ich mich geschwind in den Wagen, um mich den Lobsprüchen und Danksagungen zu entziehen, mit denen mich dieser unglückliche Haufen von Menschen übertäubte. Mein Herz war erleichtert. Nicht so klein, die Kosten zu überrechnen, die ich mit diesem Geschenke weggab, ungeachtet sie gewiss mehr betrugen, als vielleicht der reichste Mann nicht bei so frühem Morgen unter arme verteilt, kam mir nicht einmal die Besorgniss in den Sinn, dass ich mich selbst durch meine unbegränzte Freigebigkeit, aus den Fall eigner Not, hülflos gelassen habe. Nur Betrachtungen des menschlichen Elends, nur belohnende Empfindungen der Gabe des Mitleids, die ich in Berlin nie in diesem hohen Grade würde gekannt haben, verkürzten mir den Weg. Gesegnet sei der Mann, der das Reisen erfand, und dreimal gesegnet der trefflichste meiner Freunde, der mich aus dem tödtenden Staube meiner Bücher hervorzog, und meine kleinsten Tugenden in Bewegung und in die glückliche Lage setzte, sie anzuwenden! Ich flog leicht wie ein Zugvogel über die Echellen. – Einige Stunden Schlaf, die ich zu Lyon im Vorbeigehen mitnahm, stärkten mich zu einer Rastlosigkeit, deren ich mich nie fähig geglaubt hätte, und die, mit dem herrlichsten Wege und der Tätigkeit der Posten verbunden, mich die folgende Nacht nach P a l u , und den Morgen daraufaber welch ein Morgen! – nach Nimes brachten, wo ich den artigen Pavillon bezog, den ich nun, nebst seinem daran stossenden Gärtchen, schon einige Wochen bewohne, ohne dass ich mich nach einem andern, als dem Dir gewidmeten Geschäfte umsah, mit meinem Tagebuch in gang zu kommen.

Ich bin es nun, teuerster Freundund schreibe dir in diesem Augenblicke unter der kleinen Wölbung zweier sich umarmenden fruchtvollen Granaten-Bäume, die mich doch kaum vor dem Eindringen der Sonne schützen. Aber wo soll ich Worte, ohne sie an allen Ecken zusammen zu suchen, hernehmen, dir das ganze Glück meiner bis jetzt gefühlten Existenz anschaulich zu machen? Welche Reize der Neuheit für einen Deutschen umflossen den lachenden Wintermorgen, an dem ich Besitz von meiner heimlichen wohnung nahm! Sie schwebten den Mittag um die Kost meines kleinen Kartäuser-Tischchens, um die jungen Erbsen, Erdbeeren und Feigen her, mit denen er besetzt wurde. Ein wolkenloser Abend, von dem Du keinen Begriff haben kannst, voller Hoffnung eines gleich schönen Morgens, zauberte mich in den friedlichsten Schlaf; und diesem Tage glichen alle die folgenden, die ich bis heute in diesem land verlebt habe. – Indess nun meine Seele, während dieses körperlichen Wohlbehagens, sich von dem Glücke ihrer teilnehmenden Empfindung belastet fühlt, sage, woher soll bei diesem Zusammenströmen geistigen und leiblichen Lebens, das vielleicht nie ein Gelehrter in dieser Verbindung gekannt hat, woher sollte unsere, für den Hausbedarf zwar notdürftig gebildetefür höhere Gefühle aber immer noch arme Sprache zu einem Kraftworte kommen, das die Seligkeit dieses Zustandes bezeichnet? Die Metallurgie hat eins für den Schimmer, den das durchglühte kochende Erz auf eine Sekunde von sich wirft, wann es, von allen beigemischten fremden Teilen gereinigt, den höchsten Grad der vollendeten Scheidung erreicht hatein Wort, das ich ihr mit Vergunst der Obern entlehne. Diesen Tag also mit seinem Anhange erlaube mir, lieber Eduard, den Silberblick meines Lebens zu nennen! Möchte er nicht auch, wie bei den edlen Metallen, nur ein Schimmerund der Uebergang zur Verkühlungnicht auch schon der Anfang seiner Verdunklung sein! Aber wie kann hienieden Reinigkeit mit