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! Können Sie mir wohl Bescheid geben ..." – "O ja," unterbrach er mich, "vollkommen." – "Wissen Sie doch noch nicht, worüber," fuhr ich ihn an. – "Vermutlich doch," versetzte er, "über den Tod des Gehenkten; denn heute wird nur davon gesprochen." – "Nichts weniger," gab ich zur Antwort; "was geht mich der Gehenkte an! Die Rede ist von der liebenswürdigen Tochter des Herrn Intendanten, deren Bekanntschaft ich heute gemacht habe." – "Läuft ziemlich auf Eins hinaus," kauderwälschte der betrunkene Kerl. "Nächster Tage wird fräulein Klärchen" – der Name gab mir einen Stich durch's Herz – "auch nicht viel besser als exekutirt sein." – "Herr!" polterte ich ihn an, "Sie sind nicht gescheidt, oder haben mich nicht verstanden. Um mich kurz zu fassen, wollte ich nur fragen, ob fräulein Klärchen das einzige Kind des Herrn von Saintaignan sei?" – "Seine einzige Tochter ist sie," – antwortete er mir jetzt besonnener. "Doch vergeben Sie, ich will nur einen blick auf meine untere Wirtschaft werfen, und bin sogleich wieder zu Ihren Diensten." Mit dieser Versicherung flog er, vor einer Stunde, zur stube hinaus, ohne sich weiter um mich zu bekümmern. –

Ach, mein Eduard! bis hierher hatte ich geschrieben, und da ich Dir nichts mehr zu erzählen hatte, war ich eben im Begriffe zu Bette zu gehen, als der Wirt sachte die tür öffnete, und, da er mich noch aufsah, herein trat. – "Endlich," hustete er mir entgegen, "ist es ruhig in meinem haus. Mein Tagewerk ist vollbracht, bis auf die Erklärung, die ich Ihnen von meiner vorigen Rede noch schuldig blieb. Sie erkundigten Sich nach fräulein Klärchen. Das schöne Mädchen scheint Eindruck auf Sie gemacht zu haben. Sie sind nicht der erste Fremde, dem das widerfährt. Exekutirtsagte ich? Nun das war nur scherzweise. Ich würde von der ganzen Sache nichts wissen: aber die Dame, die Sie bei ihr werden gesehen haben, und ihre Gouvernante von Jugend auf, ist meiner Frau Schwester; durch sie erfahren wir alles. Nächster tages, sagte ich? hören Sie nun wie ichs meine. Künftigen Sonntag, wird sein der vier und zwanzigste, feiert fräulein Klärchen ihren sechzehnten Geburtstag; aber wie? Sie setzt sich ganz früh mit meiner Schwägerin in einen zugemachten Wagen, in Begleitung eines Geistlichen, schneeweiss gekleidet, wie ein armer Sünder, steigt nicht weit von Marseille bei den Ursulinerinnen aus, lässt sich ihr langes Haar abschneiden, tritt ihr Probejahr an, und wird in einer Zelle begraben. Der Zirkel ihrer Freunde und Bekannten mit aller seiner Kultur trinkt dann, so gut als heute meine Gäste, ein Glas mehr als gewöhnlich. Sieht das nicht ganz wie eine Exekution aus, mein Herr?" – "Um Gottes willen," brach ich jetzt los, "um Jesus Barmherzigkeit willen, Herr Wirt, besinnen Sie Sich. Ich spreche von fräulein von Saintaignanvon der Tochter des hiesigen Herrn Intendanten." – "Und spreche ich denn von einer andern?" erwiderte er. – "Dieses herrliche geschöpf, sagen Sie, würde Nonne?" – "Ganz gewiss, mein Herr! Wundert Sie das?" – "Aber, bester Mann," trat ich ihm jetzt mit gefalteten Händen näher, "wäre es denn möglich, dass ein so verständiger Vater seine einzige Tochter, einen solchen Engel.." – "Vermutlich damit sie es bleiben soll," fiel mir der Wirt in die Rede, "bestimmte sienicht ihr Herr Vaterzum Klosterda tun Sie ihm Unrechtsondern die Mutter tat es vor zehn Jahren auf ihrem Sterbebette." – "Aber was, ich beschwöre Sie, was brachte denn diese aberwitzige Frau auf diesen barbarischen Einfall?" – "Ich will nicht mit Ihnen um Worte streiten," antwortete der Wirt; "aber wer kann das genau wissen?" "Was ich darüber habe schwatzen hören, will ich Ihnen mitteilen. Der Beichtvater, erzählen einige, habe es der Sterbenden zur Bedingung ihrer Seligkeit gemacht. Dawider wäre nichts einzuwenden. Es ist die Schuldigkeit dieser Herren; aber, ich glaube es nicht einmal. Meine Schwägerin auch nicht. Diese war bei der seligen Marquise bis zu ihrem Verscheiden, und hatte fräulein Klärchen auf dem Schoosse. Auf der andern Seite vor dem Bette knieete der Sohn, der um zehn Jahre älter als die Tochter, natürlich der Mutter auch zehnmal lieber war. Und in diesen bangen Minuten, wie sich meine Schwägerin ausdrückt, wurde das Schicksal der beiden Kinder für die Zukunft entschieden. Die Dame machte, was diesen Punkt betrifft, den Dominikaner, der sie einsegnete, durch eine förmliche Urkunde zum Exekutorda haben Sie's ja, – ihres letzten Willens, dessen Vollstreckung, wie gesagt, nächsten Sonntag seinen Anfang nimmt, und in Jahresfrist der Schwester den Schleier, dem Bruder die ganze mütterliche Erbschaft zuspricht. Er wird dadurch einer der reichsten Herren im land, und er verdient es. Ein wohlgebildeter, braver Officier, dem das Herz auf dem rechten Flecke sitzt." – "Wenn Sie wahr sprächen, Herr Wirt," schluchzte ich, "würde er