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geringste Gräschen erreichen. über Ihre bewegliche geschichte, mein Herr, hätte ich mich beinahe mit meinem Geschenke verspätetich würde mir's nicht verziehen haben. Ich kann mir die Freude der guten Agate so lebhaft denken, wenn sie aus ihrem Betstuhle in ihre Zelle zurück kommt und meine Blumen findet, die ihr die Versicherung geben, dass ich in dem Garten bin, mich nach ihr sehne, und ihr so lange in der Nähe bleibe, bis sich keine Glocke mehr hören lässt. Das habe ich dem guten kind bei unsrer letzten Umarmung versprochen. In drei Wochen geht ihr Probejahr zu Ende – o wie zittre ich für sie! Denn ach! mein Herr, sie wählt das Klosterein schreckliches Unglück, wen es trifft! – nicht aus Neigung, sondern aus Not, weil sie keine Verwandte, kein Vermögen, und in der weiten Welt nur an mir eine Freundin hat, die ihr nicht helfen kann! Bald muss sie dem Andenken auch dieser feierlich entsagen; Gott wolle ihr beistehen, dass sie es willig tue!" Ein Tautropfen, der unter diesen Klagen der Freundschaft aus den Augen der schönen Beterin in den Kelch der Trauerblume an ihrem Busen herab fiel, erschütterte wie ein elektrischer Schlag meine Nerven. – "Ach! wenn meine Erzählung," konnte ich kaum in abgebrochenen Worten heraus bringen, "Ihr edles, teilnehmendes Herz gerührt hat, o wie haben Sie mir es wieder vergolten!" – Wir wussten beide vor Wehmut nicht wieder zur Sprache zu kommen, bis das dumpfe Geläut gänzlich verhallt war. Da erst kehrte ihre Fassung zurück; aber die meine blieb aus. – "Ich habe Sie, mein Herr," fing sie gelassener an, "bis in die Nacht aufgehalten, ohne daran zu denken, wie unbekannt mit meinem Kummer und wie fremd Sie mir sind. Aber eben darum waren Sie mir in dieser Feierstunde meiner Betrübniss kein überlästiger Zeuge. Lassen Sie uns jetzt gehen, mein Herr. Die Gesellschaft ist längst aus einander. Am Ende des Gartens erwartet mich, wie allemal, meine Gouvernante." – In stiller, andächtiger Ehrfurcht folgte ich nun diesem wundervollen Geschöpfe, das unter der Hülle hoher weiblicher Schönheit einen Geist besitzt, der mir so überirdisch vorkam, als müsse er schon vor ihrer Geburt in den Reihen der Seligen geglänzt haben. Halte diess nicht für eine schwülstige Phrase, Eduard; denn wahrlich ich wüsste Dir die Empfindungen meiner Seele nicht natürlicher und verständlicher auszudrücken.

Im Fortgehen kam uns in der Allee die ältliche Dame entgegen, die weniger das Ansehen hatte, Aufseherin des Fräuleins, als ihre ältere Freundin zu sein. Sie empfing ihre holde Vertraute, die mir die letzten Stunden des nun entflohenen Tages zu der unvergesslichsten Epoche meines Lebens erhoben hat, sie empfing sie mit schweigender, aber darum nicht weniger herzlichen Umarmung, in der gewiss schon alles lag, was zu ihrem gegenseitigen Verständnisse gehörte und keiner Worte bedurfte. Nur mir hatte sie etwas zu sagenaber was? Der Brigadier sei auf einen Augenblick da gewesen, und habe ihr, weil er nicht Zeit gehabt mich aufzusuchen, das Schnupftuch zugestellt, das mir diesen Morgen entkommen wäre. – – Wenn Du Dir einen Mann vorstellst, der unter bänglichem Gefühle des Lebens sich über den Erdball erhebt, seine Blicke in die Tiefen der Ewigkeit senkt, und an Gott und Unsterblichkeit sauget, und dem in diesen Augenblicken ein Weib in das Ohr schreit: Mein Herr, Sie haben ein Loch in dem Strumpfeso kannst Du ungefähr erraten, wie mir in der kostbaren Minute meiner vielleicht ewigen Trennung von dem erhabenen kind eine so gleichgültige Nachricht und der Anblick meines einfältigen, längst vergessenen Schnupftuchs gefallen musste. Ich steckte es mit weit mehr Aergerniss ein, als ich bei seinem Verlust hatte, machte der j ü n g e r n Dame im Geist und in der Wahrheit, der ä l t e r n hingegen bloss nach dem gewöhnlichen Schnitte, meine Verbeugung, und ging nun, die arme in einander geschlagen, langsamen Schritts meine Strasse.

Das wilde Lärmen, in welchem ich den goldenen Anker wiederfand, war mir nach meiner jetzigen Stimmung äusserst zuwider. Den Schlaf zwar konnte es mir nicht raubender floh meine Augenlider ohnehinaber es musste mich doch, wenn es anhielt, nicht wenig in dem ruhigen Ueberblicke meines verlebten Tages, und, worauf ich mich besonders freute, in der Wiederholung der vielen süssen Empfindungen stören, die ich aus der Geistesüberströmung meiner vortrefflichen Gesellschafterin habsüchtig nur zusammen getragen, und gleichsam in Masse und mit der Hoffnung nach haus gebracht hatte, sie dort mit aller Musse zu ordnen und zu zergliedern. Der Wirt, als er mir vorleuchtete, gab mir, als Ursache des Nachtgetümmels in seinem Gastofe, die Hinrichtung eines Delinquenten an. – "Bei solchen Gelegenheiten," setzte er hinzu, "gewinnt unser eins am meisten; denn kein Schauspiel macht und erhält das Volk munterer und durstiger als dieses." – "Der rohe Mensch ohne Kultur," warf ich zur Antwort hin, "gibt viele dergleichen Rätsel zu lösen." – "Tun Sie dem kultivirten Menschen nicht Unrecht," verhöhnte mich der Wirt; "einer ist wohl so unerklärbar als der andere: doch, mein Beruf ist es heute nicht zu philosophiren, sondern meinen Zechgästen Wein aufzutragen." – Er wollte nun gehen; ich vertrat ihm die Tür. – "Nur noch ein Wort, lieber Mann