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Astern abgesteckt, jene mir noch etwas über den Büffonschen Grundsatz zu sagen gehabt, und michGott erbarme sichzu ihrem Begleiter gewählt hätte? Dieses Bewusstsein entgangener Gefahr, wie musste es nicht den Genuss meines gegenwärtigen Glücks erhöhen! Meine Seele hing an den Lippen dieses Kindes, das in dem lautern Ergusse seiner Empfindungen mir tausendmal beredter vorkam, als die gräfliche Virtuosin in dem ungereinigten Ausflusse ihrer Gelehrsamkeit. Wenn ich Dir aber nun den gang der gespräche, die mich so anzogen, vorzeichnen, aus ihrem gefälligen Inhalte die Schönheit des Herzens, dem sie entflossen, an das Licht stellen willja, Freund, da entschlüpft mir die Feder. Solche feine Schattirungen der Rede sind ihr so unerreichbar, als nimmermehr dem Pinsel jenes äterische Farbenspiel sein kann, das unter unzähligen Abwechselungen dem anbrechenden Morgen voran geht. So viel kann ich Dir nur sagen, dass, nachdem ich die kleine Zauberin einige Stunden in der Orangenallee auf- und abgeführt hatte, ich mich unmerklich in eine Stimmung versetzt sah, die, der ihrigen nachgebildet, sehr verschieden von der fröhlichen Laune war, deren ich mich vorhin rühmte. Ihre Anfangs muntern Töne gingen, ganz ungleich dem Schlage der Nachtigall, die mit einem Adagio anfängt, mit einem Allegro endigt, nach und nach in immer rührendere Noten, immer schmelzendern Flötenlaut über, und hoben und trieben mein sympatetisches Gefühl bis zum Bedürfnisse der Tränen. Ich wollte ihr von unserm Könige erzählen; ich konnte nicht. Ich versuchte von meinem vaterland zu sprechen; aber die stimme versagte mir. Mir war, als ob ich in der Ferne Klagen der Unschuld, über den dunkelhellen Bergen her den Ruf der Ewigkeit hörte. Die trostarmen Vergessenen auf der Galeere erschienen mir in allem ihrem Jammer, und ich konnte der Aufforderung nicht länger widerstehen, dem Engel, der mir zuhörte, die Seelenleiden meines heutigen Morgens an das Herz zu legen. Wir hatten uns kurz vorher einem Blumenbeete gegenüber gesetzt, wohin sie einem Gärtnermädchen von ihrem Alter, das mit einem Handkörbchen dahin ging, gefolgt war. Sie nickte ihr schon im Vorbeigehen freundlich und bekannt zu, und bestimmte nun durch ihr Gutachten die Auswahl der Blumen, die jene einsammelte. Sobald mein Gespräch aber ihr Mitleiden erreichte, teilte sie nicht weiter ihre Aufmerksamkeit zwischen uns beiden. Sie verliess den Platz, als ob er zu buntfarbig für den Ernst ihrer jetzigen Empfindungen wäre, und führte mich, ohne ein Wort zu sagen, um keins der meinigen zu verlieren, nach einem dunkeln Bogengange, an den eine kleine versteckte Laube stiess. Hierwo der verschwiegene Mond nur durch die Blätter über dem grünen Rasensitze zitterte, auf den wir uns niederliessenin dieser nächtlichen Stilleallen Augen, ausser jenem, verborgen, das über uns schwebtehier, an der Seite einer weichen weiblichen Seele, denke selbst wie viel meine Erzählung unter diesen Umständen gewinnen musste. Das liebe Kind beehrte sie mit dem reinsten Beifall, und, "o mein armer Vater!" schluchzte sie am Ende derselben, "welch einer Haushaltung des Kummers bist du vorgesetzt!" – "Und welchen Wundern der Tugend zugleich!" fiel ich ihr ins Wort, und teilte ihr nun auch, durch ihr Mitgefühl noch mehr befeuert, die Trauergeschichte des frommen Kapuziners in Ausdrücken mit, die vielleicht nie über meine Lippen wärmer gegangen sind. Durch hülfe eines hellen Mondblicks sah ich, wie unter ihren blauen, gegen Himmel erhobenen Augen ein stilles Gebet auf ihrem rosigen mund schwebte. Ich glaubte eine Heilige in ihrer Verklärung zu sehen, und schwieg. Meine Brust war gepresst. Sie hörte mich seufzen, drückte mir die Hand, und der Strudel hoher Empfindungen schien mich in eine andere Welt zu versetzen.

Indem tönte die Gebetglocke eines nahen Nonnenkosters in unsere Stille herüber. "Ach! ist es schon so spät?" fuhr sie jetzt von der Rasenbank auf, und eilte durch den finstern Bogengang dem bunten Lustbeete zu, von welchem wir hergekommen waren. Ich folgte ihr, doch nur von weitem, nach, wie sie zu erwarten schien, sah, wie sie sich neben das Körbchen setzte, das die junge Gärtnerin indess mit Hyazinten, Maiblumen und Granatenblüten gefüllt und hingestellt hatte, und sah, als ich näher herbei kam, wie sie mit tränendem Auge eine einzelne geruchlose, eine Passionsblume, herausnahm, an ihre Brust steckte, die Hand sinken liess und sich in tiefes Nachdenken verlor. Ich lehnte mich zitternd an einen Orangenbaum in einer mässigen Entfernung von ihrem Sitze. drei feierliche Pulse der Klosterglocke weckten sie wie aus dem Schlafe. Sie sah sich erschrocken und noch erschrockner um, bis das Mädchen, das sie erwartete, aus dem Gewächshause gelaufen kam. – "Geschwind Marie," rief sie, und trug ihr das Körbchen einige Schritte entgegen, "noch ist die Pfortentüre nicht verriegelt, abereile." Indem ward sie meiner gewahr, kam auf mich zu, und da ihr meine grossen Augen nur zu deutlich verrieten, was in mir vorging, war diess dem lieben kind schon hinreichend, meine Neugier zu befriedigen.

"Meine Unruhe über das Körbchen ist Ihnen gewiss aufgefallen. – Es ist ein festgesetzter Tribut, den ich einer Freundin im Kloster übersende, so oft ich diesen Garten besuche. Sie ging hier gern und öfters mit mir spazieren, liebte das erste Grün des Frühlings, liebte die Blumen so sehr, und kann jetzt hinter den hohen Mauern nicht einmal mit einem Blicke das