1791_Thmmel_094_276.txt

wird, über den Wert oder die mögliche Auslegung jedes Worts, das gesprochen wird, nachzudenken. Bei dem Ueberfluss von Beiträgen, die zur Beförderung einer vergnügten Unterhaltung eingehen, wird es nicht geachtet, wenn auch einer davon nicht so ausgesucht und vollwichtig ist, als der andere.

Eine Stunde nach der Mahlzeit, die fröhlich verplaudert wurde, setzte sich ein teil der Anwesenden an den Spieltisch; der jüngere Zirkel, dem auch ich mich anschloss, vereinigte sich zu einem Spaziergange nach dem königlichen Garten. Jeder Herr bot einer seiner Nachbarinnen den Arm; da aber die Liebhaberin der natur die Karten meiner Unterhaltung im Mondscheine vorzog, und der schöne Busen, von dem die Dame, ehe sie ging, die Astern absteckte, dem Malteserritter zuwallte, so würde ich allein mitgeschlendert sein, hätte nicht ein glückliches ungefähr mir das grosse los verschafft, die Tochter vom haus zu führen. Indem wir nämlich die Treppe herab stiegen, kam ein Officier der Marine herauf, und hinter ihm ein Kommando, worunter ich auch den lahmen Gefreiten erblickte. Er zeigte mir im Vorbeigehen das wiedergefundene Einlassbillet, und ich hätte nicht umhin gekonnt ihm ein Wort darüber zu sagen, auf die Gefahr zehn tausend von ihm anzuhören, hätte mir nicht indem der Brigadier die Hand des schönen Kindes, das er führte, in den Arm gelegt, um dem Seeofficier, der ihn bei Seite winkte, zu folgen. Sie mussten etwas wichtiges mit einander abzutun haben, denn mein Freund liess sich den ganzen Abend nicht wieder sehen, und zum erstenmale vermisste ich ihn nicht. Die Gesellschaft, sobald sie in dem weitläuftigen Garten anlangte, verteilte sich in einzelnen Gruppen zu zwei oder mehrern Personen, die sich trennten, sich vertauschten, und wieder zusammen trafen, wie es der augenblicklichen Laune einer jeden gemäss war.

Ich wüsste nicht, was ich von meiner Organisation denken sollte, wenn das Zwanglose, Frohe und für mich ganz Neue dieses späten Spaziergangs seinen Zauber auf mein Herz verfehlt hätte. Es mag mir auch sonst noch so gewöhnlich sein, meine Empfindungen aus dem verlaufenen Tage am Schlusse desselben wiederzukäuen; diessmal schien es, das gegenwärtige Vergnügen würde eine solche Grille nicht aufkommen lassen. Mein Wohlbehagen verstattete mir zur Zeit nicht, weder an meinen verbluteten Bruder, noch an meine weitläuftigern Verwandten auf den Galeeren zu denken. Die Farben, die mir die Abendröte, die mir der Mond aufmischte, setzten alle andere Bilder meiner Seele in Schatten. Ach der herrliche Mond! In diesen kostbaren nächtlichen Stunden, wo sein Abglanz mir jeden auch noch so feinen Zug in dem lieblichen, reinen, unschuldigen Gesichtchen meiner Begleiterin vorführte, musste ich ihn wohl noch lieber gewinnen, als gestern, wo er zwar ein grosses, herrliches, aber doch immer nur lebloses Naturgemälde beschien.

Ich habe Dir zwar schon vorhin die Vorzüge des Engels an meinem arme mit einzelnen, dem Lobe geheiligten Worten angedeutet. Aber ich weiss schon, wie es mit solchen Worten geht. So gewählt sie auch sein mögen, gleiten sie doch über das Gehirn, wie die glänzenden Kügelchen des Quecksilbers über eine Glastafel, hinweg. Man muss sie erst auflösen und zu einer Unterlage verarbeiten, wenn man den Strahl, der uns blendet, auch in die Augen eines andern zu spielen gedenkt. Leider hat mein in Asche verwandeltes Tagebuch, an dem in dieser Rücksicht auch nichts verloren ist, bis zu der heutigen Mitternachtsstunde nur Schilderungen aus der weiblichen Welt sammeln können, die, wenn ich das Dosenstück einer gewissen Margot ausnehme, das ich Dir wohl gegönnt hätte, nicht wert waren das Kabinet eines ächten Liebhabers des schönen Geschlechts zu verzieren. Es tut mir daher recht wohl, dass ich einmal auf ein Profil gestossen bin, das selbst neben einer heiligen Familie von Raphael kein unebenes Seitenstück abgeben würde, hätte mir nur das Original lange genug sitzen können, um mehr als einen Schattenriss von ihm zu entwerfen. Diese unvollkommene Darstellung wird indess immer noch unendlich schätzbarer sein, als die ausgemaltesten Stücke meiner vorigen Sammlung. Es war schon ein Zug seltener Gutmütigkeit, dass die junge Schöne ohne Abnahme an Freundlichkeit ihre Hand aus dem arme eines bekannten Freundes in den meinigen legte; dass sie aber auch nachher, als ihr im Garten die Wahl eines andern Gesellschafters frei stand, sich mit einem Fremden begnügte, der weder über die Tagesgeschichte der Stadt mit ihr schwatzen, noch in der ihm ungewohnten Sprache durch leichte Scherze ihr Ohr reizen konnte, muss ich ihr schon höher anrechnen. Doch dass sie bei ihren sechzehn Jahren sich die Zeit nahm, ein Herz, das in der Nähe des ihrigen schlug, zu behorchen, dass sie verstand den verdeckten Wert desselben zu entwickeln, seine flatternden Faden aufzufangen, mit der zartesten Fühlbarkeit ihren Gehalt zu unterscheiden, und nur die bessern dem Gewebe ihrer schönen Seele anzuknüpfen, das, Eduard, war mir vollends eine so ungewöhnliche Erscheinung, als ich je eine erlebt habe.

Während mir an ihrer Seite so wohl war, brachte mich meine Erinnerungzum Glück nur ein einzigesmalauf meine Nachbarinnen von diesem Mittag. Es war ein krauser Gedanke. Sie hätten mir wohl zu keiner Zeit mehr zu ihrem Nachteile einfallen können. Was wäre aus mir und meinem herrlichen Abend geworden, wenn es meiner glücklichen Albernheit nicht gelungen wäre, beide von mir zu verscheuchen. – Was hätte ich anfangen wollen, wenn die eine so viel Geschmack an meiner Lehrbegierde, die andere an meinen sittsamen Augen gewonnen, diese zu einem empfindsamen Spaziergange mit mir ihre