wieder los zu werden vermochte, ohne sie dem mitzuteilen, der sie unschuldiger Weise erregt hatte. – "Er stand," sagte ich, "unter demselben Regimente, das von dem Ihrigen so übel empfangen wurde, war der edelste beste Jüngling, erst achtzehn Jahr alt, als er blieb, und schon Adjudant." – "Schon Adjudant?" fing er meine Worte auf; "das will im Preussischen Dienste etwas sagen, und gibt allein schon einen hohen Begriff von seinen ausgezeichneten Talenten." – "Das nun eben nicht," glaubte ich bescheiden zu antworten; "die beiden Armeen arbeiteten in diesem blutigen Kriege nur zu gut für den Abgang, dass oft das ganze Verdienst, dem ein junger Officier seine schnelle Beförderung verdankte, bloss auf dem Umstande beruhte, aus einer Schlacht nach der andern gesund zurück zu kommen. Hätten meinem guten Bruder, statt selbst zu fallen, die Leichen seiner Kameraden als Stufen gedient, um so fortzusteigen wie er anfing, so zweifle ich nicht, er würde jetzt so gewiss als Ew. Excellenz ..." – Hier fasste mich der General lächelnd bei der Hand, ohne das Ende meiner Militärrechnung abzuwarten, und stellte mich der übrigen Gesellschaft vor.
Bald nachher setzten wir uns zur Tafel. Hier bekam ich meinen Platz neben zwei Damen, von denen mich sogleich die eine in ein Gespräch zu ziehen wusste, das jedem, der hungriger darnach gewesen wäre als ich, vollkommene Sättigung gewähren konnte; denn es gehörte als geistige Nahrung in die Klasse der Schüsseln, die man durch immer neuen Zusatz von Brühen so sehr verlängern kann als man will. War ihr weiss gemacht, dass ich ein Litterator sei, oder glaubte sie es meiner listigen Miene anzusehen; genug, ich hatte noch nicht drei Löffel von der Suppe genossen, als ich schon mit ihren zwei vorzüglichsten Lieblingen des vergangenen und des laufenden gelehrten Jahrhunderts, mit Molieren und Büffon, bekannt war. – "Niemand," sagte sie von dem ersten, "hat feiner unsre kleinen Blössen an das Licht gezogen, und die Schleichwege zu dem Labyrinte des weiblichen Herzens deutlicher angegeben, so dass man schwerlich jetzt einen derselben ohne Gefahr einschlagen könnte, von Männeraugen ertappt zu werden." – Sie blickte mir dabei so herzhaft in die meinen, dass ich sie niederschlug. – "Dadurch," fuhr sie fort, "ist ein gewisses Zutrauen unter beiden Geschlechtern entstanden, das vieles abkürzt, und desto anziehender ist, je steifer es sich auf die Kenntniss gegenseitiger Schwächen gründet." – Ich hätte gern der Dame mein Kompliment über den neuen Gesichtspunkt gemacht, aus welchem sie den Wert des Komikers beurteilte; aber sie liess mich noch nicht zum Worte. – "Er hat gewiss," entwickelte sie ihren Satz mit selbstgefälligem Tone, "als ein guter Bürger, der bessern Erziehung und dem natürlichern Gange unsers Jahrhunderts vorgearbeitet. Denn wer hat die Misantrope, die Tartüffe, die Précieuses ridicules aus unserm gesellschaftlichen Zirkel vertrieben als Er?" – "Ich dächte, Madam ..." – "Und der Zweite," fuhr sie fort ohne mich anzuhören, "wie hat er sein menschenfreundliches Herz, seine umfassenden Kenntnisse, und die Harmonie der Sprache benutzt, um uns in lauter Spaziergängen zu der Quelle der wahren natur zu führen, zu der wir ehedem höchst langweilige Umwege machen mussten! Sein Grundsatz von der Liebe, der jetzt allgemein angenommen wird, wie viel hat er nicht zur Ersparung unserer kostbarsten Zeit beigetragen!" – "Welcher, um Vergebung?" fiel ich ihr in die Rede. – "Dass in dieser leidenschaft," antwortete sie mit einer dogmatischen Miene, die ihr nicht so ganz übel anstand, "nichts gut sei, was nicht – um es kurz zu sagen – gerade zum Ziel führt. Alle unsere physischen und moralischen Handlungen standen längst unter dieser Regel: aber erst seit ihm gebietet sie auch der Liebe. Seit dem Ausspruche dieses grossen Naturforschers ist das ekle Romanhafte unter uns gänzlich verschwunden, und man wird jetzt selten ein so lächerliches Paar finden, das einander gefällt, und nicht auf Büffons Gefahr damit anfinge, wo die Grossältern aufhörten." – "Wirklich?" war das einzige Wort, das ich, während sie Atem holte, einschieben konnte. – "Was, mein Herr," überströmte mich jetzt der Fluss ihrer Beredsamkeit aufs neue, "was sagen Sie von seinem hinreissenden Style? Voltaire ist gewiss in seinen Gedichten ein rührender, melodischer Sänger: aber ich gestehe, dass ich in beiden Rücksichten die Prose unsers Büffon den schönsten Versen des Dichters vorziehe. Vergleichen Sie nur die Stelle, wo jener von den Schrecknissen der natur spricht, mit dem Voltairischen Gedichte über das Erdbeben von Lissabon. Wer von beiden hat hier das Grausen der menschlichen Seele bei solchen Vorfällen am besten geschildert?" – Indem wurde mir der Flügel einer Poularde mit Trüffeln gebracht. Der Duft davon reizte meine Zunge; aber ich liess sie unbefriedigt, um nur endlich der ihrigen Ruhe zu verschaffen. Es gelang mir vortrefflich. – "Solche Vergleichungen," begann ich mit einer klugen Miene, "machen unstreitig ein grosses Vergnügen; und derjenige unter den Schriftstellern, wie Madame sehr richtig bemerken, ist gewiss der grössere, der es am besten versteht, durch die Magie der Sprache unsere gesunkenen Empfindungen auf ihre erste Höhe zu treiben, und sie uns gleichsam, wie auf Noten gesetzt, zur Wiederholung des Spiels