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so hat er mir doch immer die Musse verschafft, Dir in der ersten Wärme der Empfindung, die doch gewiss am ähnlichsten malt, die Scenen meines Morgens zu schildern. Zweitens lässt er mir auch Zeit mich abzukühlen, ehe ich in die vornehme Gesellschaft gehe, in die mich der Mittag einführen wird. Wohl gut, dass er in der grossen Welt drei Stunden später eintritt als in der physischen. Inzwischen, denke ich, sollen die Bilder, die jetzt noch so lebhaft mir vorschweben, ziemlich verblichen, und brauchbarere pour la belle conversation an ihre Stelle getreten sein. Denn welche Dame, ich bitte Dich, würde mir zuhören, wenn meine Erzählung zum ohnmächtig werden sie aus dem hellen Speisesaale in jene düstre Sklaven-Barake versetzen wollte? Eben so wenig würde ich Glück bei ihr machen, wenn ich mir einfallen liesse, während sie mich anlächelt oder die Zähne stochert, dem heldenmütigen Kapuziner eine Lobrede zu halten, und an ihrer Seite seiner funfzig, der bessern Zukunft geopferten Jahre, und der widernatürlichen Zufriedenheit zu huldigen, mit der er, ohne nur Einmal in ein schönes Auge geblickt zu haben, auf seinem heiligen Posten steht. Mit Dir, Eduard, ist es etwas andres. Du musstest mir wohl Ehren halber Stich halten, denn Du zählst Dich zu den philosophischen Köpfen. Doch diese, lieber Gott, sind mir heute selbst so zum Ekel geworden, dass es mich Wunder nimmt, wie ich mich noch im geringsten mit ihnen abgeben mag.

Ihr, denen Gott zum Mitgefühle

Des Seneka, des Antonin,

Weich ausgestopfte Rednerstühle

Und einen Doktorhut verliehn,

Bestürmt mich nicht mit euerm Wortgetöse

Von Menschenkraft und Seelengrösse,

Seit Fabers Glanz mich überschien!

Beredt, den Widerspruch zu scheiden,

Dass Freisinn in der Sklaverei

Wohl möglich, und im höchsten Leiden

Ein Weiser Herr des Schicksals sei,

Lauscht zwar mein Ohr auf euern Wohlklang: aber

Der Stoa Wahlspruch: Ich bin frei.

War es der Geist, der in der Schule

Des Zeno Stärkungen verschrieb,

Der ihn von seinem Weberstuhle

In diese Kluft des Jammers trieb,

Wo, von dem Glück der Freundschaft abgeschieden,

Wie von der Liebe, nur der Frieden

Mit sich allein ihm übrig blieb?

Nein, er ging auf dem dunkeln Pfade,

Den nur der Göttliche ihm brach,

Der für uns litt, frei und gerade

Der geistigen Belohnung nach:

Sein Herz bedurfte keiner Lehre;

Er rettete der Tugend Ehre;

Er hielt, was Seneka versprach.

Ein glänzender Mittag, Eduard, ein Gastmahl, wie es nicht jeder Intendant der königlichen Marine zu geben vermag, wenn er es nicht von Toulon ist, an dessen Küste die berühmten Dattelmuscheln zu haus sind, die ihm als ein ausschliessendes Vorrecht zukommen. Ich fand an diesem Beherrscher der Hölle, die ich heute Morgens bestieg, zu meiner Verwunderung einen sanften, liebreichen Mann in seinen besten Jahren. Er empfing mich als den Freund seines Freundes mit Güte und achtung. Unsere erste Zusprache inzwischenob sie gleich von beiden Teilen nur auf gemeine Höflichkeiten beschränkt warmisslang jedoch ein wenig; so sehr hat man selbst bei gleichgültigen Gesprächen es für ein Glück zu achten, wenn man in dem inneren des andern keine verborgene Saite berührt, die traurig oder widrig zurück tönt. Seine Worte kehrten mir immer eine Spitze zu, und meine Antworten? Du magst selbst urteilen, wie klug und artig sie ausfielen. Gleich seine Frage, wie mir das Arsenal gefallen, gab mir einen Stich in das Herz. Rot bis über die Ohren, dankte ich ihm bloss für seinen Erlaubnissschein, ohne meiner Unachtsamkeit zu gedenken, die ihn vereitelt hatte. Zu sehr Weltmann, um eine unbeantwortete Frage zu wiederholen, brachte er mich sehr ungesucht auf unsern König zu reden. Mein Lob, in das er herzlich mit einstimmte, wäre auch nicht übel gewesen, wenn ich nur nicht dabeiich weiss auch nicht wie mir wareinen Tadel seiner Vorliebe für die Franzosen mit eingewebt hätte; denn dazu war doch hier in der Tat der rechte Ort nicht. Von ihm ging er auf die Annehmlichkeiten Berlins, und zugleich auf die Energiewie er es ausdrückteder Deutschen Nation über, ohne nur im mindesten ihren Mangel an andern guten Eigenschaften zu erwähnen. Ich hätte mich gern im Namen aller dazu bekannt, um das Schmeichelhafte, das auch für mich in seinem allgemeinen Urteile lag, ein wenig zu mässigen; aber ich wusste in diesem Augenblicke vor lauter erregtem Patriotismus nichts an uns auszusetzen, was sich der Mühe verlohnte. – "Ich kenne zwar Ihr Vaterland nur aus einer nichts weniger als empfindsamen Reise, die ich im siebenjährigen Kriege dahin als Fähndrich tat, und von der ich als Oberster einer Brigade wieder zurück kam." – "Ew. Excellenz wohnten also wohl der schrecklichen Schlacht bei Minden mit bei?" – "Ja," antwortete er, "ich führte in derselben die Grenadiere von La Tour gegen Ihre Dragoner an." – Diese hingeworfenen wenigen Worten rissenist es glaublich? – eine alte, längst verharschte Wunde meines Herzens auf – "So ist denn," sagte ich heimlich zu mir, "über dieselbe Zunge, die jetzt so freundlich mit dir spricht, das Schreckenswort: Gebt Feuer! gegangen, das deinen armen Bruder zu Boden streckte!" Die Tränen meines Vaters, die Verzweifelung meiner Mutter und mein eigener kindischer Schmerz traten mir jetzt so lebhaft vor die Seele, dass ich diese traurige Erinnerung nicht