hätten sie nicht gewusst, dass am Eingange ihres Gefängnisses eine Seele noch Teilnahme für sie empfände, für sie betete, und auf ihr standhaftes Bezeigen Acht gäbe. Dort," – indem er auf ein Paket deutete – "hebe ich Briefe auf, wie sie gewiss kein Roman rührender darlegen wird – ächte Urkunden des menschlichen Herzens, und sprechende Beweise, dass an keinem zu verzweifeln ist, so lange es der Dankbarkeit noch Zugang verstattet. Je unverdorbener, desto empfänglicher für diesen Naturtrieb – je mehr es verdient geliebt zu werden, desto gefühlvoller wird es sich erwiedern. Da habe ich unter meinen der Kette entlassenen Korrespondenten besonders Einen, der es immer noch nicht vergessen kann, dass ich um seine Freundschaft als um ein Almosen bettelte, während er, nicht auf einer Prälaten- sondern auf der Ruderbank sass – ein Mann, mein Herr, den sonderbar genug! kein Verbrechen, vielmehr die Lauterkeit seiner hohen Seele diesen Schrecknissen preis gab – der sich als Jüngling allen sinnlichen Freuden entriss, um die Strafe unserer strengen gesetz für einen Schuldigen zu büssen, der – sein Vater war." – "Was?" unterbrach ich den Mönch, "sprechen Sie von dem edelmütigen Faber aus Ganges? Der hat auf dieser Galeere ..." und Tränen verhinderten mich fortzusprechen. – "Sie kennen also, wie ich sehe, einen teil seiner geschichte?" – "Nein, lieber Pater," schluchzte ich, "ich kenne sie g a n z , und habe auch den rechtschaffenen Mann selbst gesehen und gesprochen." – "G a n z ? " wiederholte der Mönch mein Wort; "o dessen, mein guter Herr, werden Sie Sich erst rühmen dürfen, wenn Sie" – hier öffnete er die Tür nach dem inneren des schiffes – "von daher zurück kommen." – Mein blick fuhr erschrocken über diess Grab der Verzweiflung, und der verpestete Luftstrom, der mir entgegen stiess, versetzte mir den Atem. Hätte Faber nicht Jahre lang hier gelitten ohne zu murren, ich wäre keinen Schritt weiter gegangen. – Der gutmütige Alte, wie er mich dazu entschlossen sah, ergriff meine Hand. – "Ich will Sie zwar, aus guten Gründen, von Ihrem Unternehmen nicht abhalten: Sie scheinen jedoch für solch eine Anstrengung des Körpers und Geistes kaum Kraft genug zu besitzen. Hier, lieber junger Herr, trinken Sie zuvor ein Glas Tinto, der mit einem Liquor gegen die Ansteckung versetzt ist, und nun gehen Sie in Gottes Namen. Diese Stunde der Wehmut stärke alle Ihre übrigen Tage zur Geduld, zum Erbarmen und zu einem schuldlosen Leben!" – Mir ward, indem ich trank, so bänglich zu Mute, als einem, der, durch das heilige Nachtmahl vorbereitet, ein tödtliches Wagstück zu bestehen im Begriff ist. Was für ein gang war das, Eduard! Ich mag noch so alt werden, ich vergesse ihn nie.
Sobald nur der hohle Schall meiner ersten Tritte auf das Zwischenverdeck des schiffes den unglücklichen Bewohnern desselben die Ankunft eines freien Mitmenschen verriet, bewillkommte mich ihr betäubendes Kettengerassel, das sich von einem Ende zum andern um die offene Seitenvertiefung herum zog, die unter mir ihre faulenden Körper bis an die Köpfe verbarg – und in dem Augenblicke streckten sie solche, wie Schildkröten aus ihren Schalen, hervor. Ich blieb, vor Schrecken gelähmt, eine Weile, wie die Bildsäule des Antonius, der den Fröschen predigt, auf dem Fussboden stehen, ehe ich Herz genug fassen konnte, zwischen den beiden Reihen dieser Gespenster durchzuschlüpfen ... Ach! welche tief gesunkene Menschen! Bei jedem Schritte, der mich bei ihnen vorbei führte, küssten sie mir die Füsse, erhoben sie, flehend um ein Almosen, ihre gefesselten hände, und sahen mit Augen voll Schwermut und Eifersucht mir auf dem folgenden nach, den ich zu dem Nachbar ihres Elends tat. – Atemlos gelangte ich an das Ende dieser schauderhaften Allee. Hier lehnte ich meinen rücken an die breterne Wand, und überblickte mit einem Herzen, das immer höher schlug, das ganze bewegliche, Grausen erregende Gemälde, hörte in erschütterndem Einklange die Wehklagen dieser lebendig Begrabenen aus ihrer gemeinschaftlichen Gruft zu mir herauf steigen, und erst nach einigen feierlichen Minuten, die ich stillstehend der schreckenvollsten Betrachtung weihte, überwand ich die Angst vor meinem Rückwege, und fühlte mich selbst stark genug, meiner Eile, meiner sehnsucht nach freier Luft zu gebieten, um – dem Elend, das hier weilte, noch einmal bedächtlicher in das hohle Auge zu sehen, und, ohne mein blutendes Herz zu schonen, ihm die Dolche noch tiefer einzudrücken, die es zerfleischten.
So gewiss auch von den beiden Gegenbildern – der menschlichen Würde und ihres Verfalls – der Glanz des ersten eine so schwarze Unterlage entbehren kann, so dienlich kann uns doch ihr Wiederschein in den übermütigen Stunden werden, wo das Gefühl unsrer Kultur uns mehr beweist, und uns höher setzt, als es sollte. Denn wer von uns, so behauptet Montaigne mit mehrern ehrlichen Rechtsgelehrten und Sittenrichtern, hat nicht Schritte getan, die ihn gerade auf die Galeere gebracht haben würden, wären ihm nicht glückliche, errettende Umstände noch zur rechten Zeit in den Weg getreten? – Diese und mehr andere Gedanken, die wohl noch spitziger ausfielen, begleiteten mich über das Verdeck zurück, und schienen mir von jeder um mein Ohr klirrenden Kette einen teil des Gewichts an die Füsse zu hängen. Hätte ich mich in beschaulicher Musse auf der