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von weitem ankündigt. Wie musste ich mein neugieriges Auge hüten, als wir dort ankamen, um nicht mehr als einen flüchtigen blick seitwärts zu tun, aus Furcht, die prachtvolle Façade des Arsenals möchte meinen Entschluss vereiteln, und mir die Lobrede abzwingen, auf die mein aufgeblasner Begleiter schon seine Ohren gespitzt hielt! Vielmehr drehte ich mich, wie ein eigensinniges Kind, gerade der Seite zu, die er am meisten bemüht war meiner Aufmerksamkeit zu entziehen. Dass doch ein vernünftiger Mann, ohne eben boshaft zu sein, sich den albernen Spass machen kann, den Stolz eines andern zu necken! – "Zu was," fragte ich mit verstellter Neugier, indem ich, statt seinen schlauen Winken zu gehorchen, den stinkenden Behälter der königlichen Galeeren ins Auge fasste, "zu was dienen denn die langen schmalen Schiffchen, die in diesem Sumpfe fest liegen?" – Zu Zuchtäusern für unsere Verbrecher, war seine kurze Antwort. – "Hat sie wohl Howard besucht?" – "Kann sein," erwiderte er, "ich weiss es nicht." – "Ich möchte wohl," äusserte ich, im Widerspruche meiner Neigung, den Wunsch, "mit Besichtigung ihrer den Anfang machen!" – "Das möchten Sie?" spöttelte der Invalide. "Viel Glück zur sentimentalischen Reise! Mir aber werden Sie vergönnen nicht mitzugehen, sondern Ihre Zurückkunft dort zu erwarten, wo ich hingehöre." – Er kehrte mir nach dieser Erklärung den rücken, und hinkte dem Portale des Zeughauses zu. Und ich? Gern hätte ich mein übereiltes Wort wieder zurück genommen; meine einfältige Laune stellte mir aber das Ding als eine Ehrensache vor, die ich gegen den Französischen Invaliden verfechten müsste, blieb in ihrer einmal genommenen Richtung, und zog mich wider Willen mit sich fort bis in die nächste Galeere.

Ich habe zwar schon manche öffentliche Anstalten für das gemeine Beste gesehen, die wenig Raum einnahmen, aber noch keine, wo der Platz so benutzt und die Ersparniss alles Ueberflüssigen so sichtbar war, als hier. Ein schwankendes Bret brachte mich zuerst in eine Kajütte, wo ein alter Kapuziner, zwischen einem Kruzifix und einer Arzneischachtel, die Rolle eines geistlichen und leiblichen Arztes zugleich spielte, und in seinen Bewegungen, ohne angekettet zu sein, keinen grösseren Zirkel beschreiben konnte, als den ich jetzt durch meine Dazwischenkunft ausfüllte. Seine feurigen Augen, die aus dem blassen verfallenen gesicht vorschimmerten, wie glimmende Kohlen in einem Aschenhaufen, sein langer, vor Alter gebleichter Bart, der ihm bis auf den Gürtel in krausen Wellen herab floss, und die trübe gefällige Miene, mit der er mir seinen hölzernen Sessel einräumte, machten schon einen starken Eindruck auf mein Gefühl: als ich aber von ihm vernahm, dass er, jung hierher versetzt, auf diesem Vereinigungspunkte der grössten physischen und moralischen Herabwürdigungen des Menschen grau geworden seials er einen blick voll hoher Ergebung gegen Himmel schlug, und mit rührender stimme bekannte, dass bloss der Gedanke an Gott und die Unsterblichkeit ihn so lange aufrecht erhalten habe; da beugte sich mein Geist mit so tiefer Ehrerbietung, als mir schwerlich je ein König durch den Höllenglanz seiner Zeughäuser abnötigen wird, freiwillig vor diesem edel denkenden, duldenden Greise. Ich wusste meiner Milzsucht, die mir doch allein das wehmütige Vergnügen seiner Bekanntschaft verschafft hatte, nicht freundlich genug dafür zu danken. Von keiner Kanzel, keinem Kateder ist mir die wundervollste aller Tugenden, die Tugend der Aufopferung, näher an das Herz gelegt worden, als an dieser mir heiligen Stäte. Das erhabene Beispiel dieses frommen Dulderswie gross und unverdächtig es auch sein mochtewurde jedoch – o dass ich nur nicht zu voreilig entscheide! – von einem vielleicht einzigen übertroffen, dessen zu erwähnen ihm der Verfolg seines Gesprächs gelegenheit gab. Er blickte mir sanft lächelnd in die feuchten Augen. – "Bemitleiden Sie mich nicht zu sehr," sagte er. "So lange mich noch jugendliche Wünsche bestürmten, ich die Sonne noch nicht vergessen konnte, die mich in dem kleinen Klostergärtchen beschien, ich noch an den Lindenbaum dachte, den ich dort gepflanzt und gepflegt hatte, und der jetzt einen Glücklichern als mich beschattetund ach, so lange sich noch mein Herz nach der Stille, der Ordnung und der Reinlichkeit" – das, Eduard, sagte ein Kapuziner – "meines Klosters zurück sehnte, drängten sich freilich wohl manche Seufzer des Unmuts aus meiner Brust; doch nach und nach, Gott sei gelobt! bin ich meiner strafbaren Ungeduld Herr geworden. Die Zeit kam, die uns kühl genug macht, alle irdische Freuden so nichtig und verächtlich zu finden, als sie es in Rücksicht ihres geschwinden Vorübergehens sind. Die Zeit kam, wo wir unsre schmeichelhaftesten Hoffnungen, unsere gelungensten Taten ungewiss anstaunen, und nach einer redlichen Untersuchung in denjenigen allein einen bleibenden Wert entdecken, die uns mit jener Welt in Verbindung setzen. Sie kam und brachte mir Trost. Ich habe sogar in meinem traurigen Wirkungskreise Blumen der Freude aufwachsen sehen, die so herzstärkend keinem andern entspriessen. Oft nur ein Trunk Wassers, den ich einem Verschmachtenden reichte, ein kurzes Trostwort, das einen Verzweifelnden aufhielt, erwarb mir das Zutrauen des Genesenen, die Liebe des Getrösteten, erhob mich zu ihrem Wohltäter, und machte mir den Posten lieb, auf den mich die Vorsehung gestellt hat. Gewiss würde das Entsetzen ihrer Strafe viele getödtet haben, die, dem Kreise ihrer Freunde wieder gegeben, jetzt frohe Tage geniessen,