annahm, mit der ich ihn zu Papier brachte; denn meine Zufriedenheit während dieser glücklichen Verhandlung war so ausschweifend lebhaft, dass, wenn Heinrich der Vierte, als er Paris belagerte, den Kommendanten der Bastille durch Bestechung gewonnen hätte, die seinige nicht grösser hätte sein können. Und ist es denn zu verwundern? Ueberlege nur selbst, Eduard; der Mann, der den stillen Herzensergiessungen so merkwürdiger Menschen, als wofür Staatsgefangene überall gelten, näher auf der Spur ist als kein andrer – dem jeder geheime Wunsch, den diese Unglücklichen gebären, und, gleich Findelkindern, auf diesen zerbrechlichen Fahrzeugen aussetzen, über lang oder kurz in die hände läuft – der selbst, so oft er will, über diejenigen, die dem Strudel der Zeit entrannen, sein Strandrecht ausüben kann – dieser Mann, sage ich, steht bei mir als Kabinetsminister in Eid und Pflicht – ein Titel, den ich ihm im umgekehrten Verhältnisse gegen manche Fürsten, die ihn austeilen, ernstafter beilegte, als er ihn annahm. Wie der gemeinste Glaser, bedachte er nur bescheiden sein Handwerk; ich hingegen würdigte ihn nach seinem gewaltigen Einflusse auf mein Kabinet, und konnte in dieser Beziehung ihn nicht genug ehren. Denn welch eine Ausbeute wird seine fleissige Hand nicht aus jenem bis jetzt unbenutzten Schachte der dort seit Jahrhunderten verhaltenen Klagestimmen zu Tage fördern! Welches Licht wird nicht mein glänzendes Museum über jene politischen Todesgewölbe verbreiten! Nicht nur die armen Eingesperrten werden durch Wegräumung der alten verblichenen Glasscherben heller sehen, sondern auch unsre blinden Geschichtsschreiber, die über den Seelenzustand eines Staatsverbrechers, über seine Empfindungen in der Einsamkeit des Gefängnisses, selten so viel zu sagen wissen als solch eine Fensterscheibe. Wäre es in der Mitternachtsstunde, die mir über den Hals gekommen ist ich weiss nicht wie, für den Spass nicht zu spät, einen Catalogue raisonné von diesen biographischen Bruchstücken zu fertigen, deren jedes sein eigenes Blatt verdient, so würdest Du in den freien, bittern und grossen Gedanken, mit welchen hier ein Montmorency, ein Retz, Richelieu, Fouquet und Voltaire ihren gepressten Herzen Luft schafften, schon erstaunenswürdige Belege meiner Angabe finden. Und doch sind selbst diese Denkmäler der Vorzeit für nichts in Vergleichung einer fast unglaublichen Urkunde zu achten, die in einer, wenn ich nicht irre, aus den Menechmen des Plautus genommenen Zeile das grösste geheimnis der vergangenen Zeit entüllt, mit der Unterschrift, statt des Namens, Vultus tyranni. Diese zwei mystischen Worte, dieser schlau gewählte Spruch des Dichters, zusammen gehalten mit der unbefangenen Aussage des Glasers, der diesen höchst merkwürdigen historischen Splitter aus dem Fenster eines seit hundert Jahren leer gelassenen Gefängnisses, in das ihm ein Schlossenwetter verhalf, genommen hat, verwandeln meine erstaunende Vermutung in eine Gewissheit, vor der jeder Geschichtsforscher seine Knie beugen sollte. Sie zeigen unwidersprechlich, dass sie nur von einem verheimlichten Menschen, verstossenen Bruder, vernichteten Fürsten, und von keinem andern als der Masque de fer herrühren können, und vermutlich auf der Oberfläche der Erde der einzige Nachlass dieses unbekannten Gefangenen sind. Was für Feste erwarten Dich, Eduard, wenn ich diese Schätze einmal vor Deinen Augen auspacken, wenn ich künftig bei jeder ankommenden Pariser Post Deinen Beistand anrufen werde, die eingelaufenen Dokumente zu ordnen und zu schichten! Wie mag sich nicht schon ihr Ertrag während meiner Reise angehäuft haben, den meine, Gott gebe, glückliche Zurückkunft sogleich flott machen wird! denn das war die letzte Verabredung mit meinem Minister. Seitdem ist kein Tag vergangen, wo ich nicht die Masse meines zunehmenden Reichtums mit kindischer Freude berechnet, mich nach dem Stapelorte, wo er anlanden wird, zurück gesehnt, und vor den schönen Mahagonischrank hingeträumt hätte, der ihn aufnehmen soll. – Allerliebst! Da verplaudere ich nun schon wieder einen Umstand, den ich Dir bis jetzt höflich versteckt hielt – den wahren Grund nämlich meines Heimwehs. Keine Vorwürfe, lieber Eduard. Freundschaft und Patriotism haben viele anziehende Kräfte, aber – was wollen wir es läugnen? – Liebhaberei hat deren noch mehr.
Als einen notwendigen Nachsatz zu meiner geschichte muss ich Dir doch noch sagen, dass, sobald ich mich mit meiner überlegung allein sah, ich die rechtliche Gültigkeit meines Traktats in genauere Untersuchung nahm, denn das fällt einem Sammler immer am letzten ein. Sie lief indessen ab wie ich wünschte. Mein Kabinetsminister steht zwar bereits als Glaser in königlichen Pflichten: da ihm aber h e r k ö m m l i c h – ein Wort, das wohl ganz andere Abweichungen entschuldigt – alle und jede alte Scheiben ohne Ausnahme, sobald er nur neue an deren Stelle einzieht, eigentümlich zufallen; so dürfte sich wohl unter allen Dienern des staates schwerlich Einer noch finden, der die Nebenvorteile seines Amts mit so gutem Gewissen rechtfertigen könnte als er; und da mir ohnehin diese Abfälle der Bastille mein bares Geld kosten, so ging ich damals so ruhig und zufrieden mit mir zu Bette – als heute.
Den 20sten Februar.
Das schauderhafteste Gemälde von B r e u g e l n , dem Kabinetsmaler der Hölle, kann kein so auffallendes Gegenstück zu einem C l a u d e - L o r r a i n , dessen Pinsel in die Sonne getaucht scheint, abgeben, als mein heutiger Morgen zu meinem gestrigen. SaintSauveur, der, wie ich es erst dadurch erfuhr, als ein vertrauter Freund des Intendanten, bei ihm einkehrt, so oft er hierher kommt, trat früh in mein Zimmer, brachte mir eine Einladung von ihm für den Mittag,