Swift über einen Besenstiel." – Ich rufte jetzt nur noch den Wirt herein, und fragte ihn, ob er sich wohl des Mannes noch erinnere, der jenen Tag dieses Zimmer bewohnt habe. – "Warten Sie einen Augenblick," ich darf nur mein Kontobuch nachschlagen. – Hier habe ich das Blatt. Ach mein Herr! von diesem flüchtigen Passagier lässt sich nicht viel sagen. Es ist nicht der Mühe wert, was er in den paar Stunden verzehrt hat, die er hier war. Ich habe von seinem Gekritzel auf meiner Glastafel nichts gemerkt, sonst hätte ich sie ihm gewiss angerechnet: denn Sie müssen wissen, dass ich allen den schreibsüchtigen Herren, die, um ihren Namen glänzen zu sehen, meine Scheiben verdunkeln, eine verhältnissmässige Abgabe für künftige neue mit in Rechnung bringe." – "Das finde ich nicht mehr als billig," antwortete ich; "und damit Sie auf keine Weise zu kurz kommen, übernehme ich den schuldig gebliebenen Beitrag meines Landsmannes und das verdorbene Glas für ein neues auf meine Kosten." – Der Wirt – klug wie ein Professor – da er an der angefüllten Scheibe nichts mehr gewinnen konnte, war froh eine tabula rasa an ihrer Stelle zu sehen. Ich war es nicht weniger; und da kein Hanwerker geschwinder zu haben ist als ein Glaser, so sah ich mich schon nach zehn Minuten im Besitz des ganzen Namenregisters, aus welchem gemeinen Wuste ich die Handschrift unsers Freundes, in Form eines Oktavblatts, behutsam heraus schneiden liess. Es ist die vierhundert und ein und dreissigste Nummer meiner Sammlung, die n e u n e mitgerechnet, die ich – – da sehe man nur! Ich möchte mich auf's Maul schlagen – die ich Dir verheimlichen wollte, bis ich sie zu Berlin meinen herbei strömenden Freunden – Dich, als den neugierigsten, an ihrer Spitze – zur Schau vorlegen, und mich mit eigenen leiblichen Augen an euer aller Erstaunen ergetzen könnte. Ist denn aber ein Mensch, der von den Gegenständen seiner Liebhaberei spricht, Herr seiner Worte? Was kann ich nun tun als fortplaudern? Du würdest es sonst gewaltig übel, oder ich müsste einen andern Bogen und mich besser in Acht nehmen. Beides wäre der Mühe nicht wert. Erfahre denn meinetwegen die ganze weitläuftige geschichte.
Ich war, als ich durch Paris ging, noch keine Stunde daselbst, als der Wirt de quatre nations es schon weg hatte, zu welcher ich gehörte, und seinen Zuschnitt darnach machte. Er fing von weitem an von dem Charakter und dem Kunsttriebe der Deutschen und ihren mancherlei Kabinetten zu sprechen, und da liess ich mich denn nicht lange bitten, ihm das meinige zu beschreiben, hatte aber Mühe, ihm zuvor den Einfluss meiner gläsernen Urkunden auf Politik, Historie, Chronologie und Kenntniss des menschlichen Herzens begreiflich zu machen, ehe er den Nutzen einer solchen Sammlung einsah. Mit seiner überzeugung erwachte auch der Französische Diensteifer. Nachdenkend nahm er eine Prise Tabak um die andere, schlug dann die Dose mit dem Versprechen zu, sogleich stube für stube seine Fenster in Betrachtung zu ziehen. Es war nicht ganz umsonst. Der gute Mann brachte mir bald nachher die Handschriften dreier merkwürdigen Reisenden, die vormals hier eingekehrt waren, auf eben so viel wohl erhaltenen Scheiben. Schade nur dass ich keine verstehe; denn, ausser dem Namen eines Türkischen Gesandten auf der einen, entält die andere, wie es mir vorkommt, das Russische Einmal Eins, oder sonst eine Rechnung von Peter dem Grossen, und die dritte ein Motto aus den Hetären des Lucian von der Hand der Königin Christine. – Das war doch gewiss schon ein ganz artiger Erfolg meines Geplauders, aber für gar nichts gegen den Gewinn der folgenden Stunde zu rechnen; denn da trat der Wirt zum zweitenmale mit einem andern freundlichen mann und den Worten in mein Zimmer: "Gestehen Sie, mein Herr, dass mein Schild mich nicht umsonst auffordert, jeden Passagier nach seiner Landesart zu bedienen. Hier stelle ich Ihnen einen meiner Hausfreunde vor, dem eine Fundgrube für Ihr Kabinet offen steht, als sich wohl keine mehr so ergiebig in der Welt finden möchte; denn noch hat niemand gewagt, sich ihr mit seiner Wünschelrute zu nähern, oder nur den Verstand gehabt, den Schatzgräber zu benutzen, der Ihnen hier seine Dienste anbietet."– "Und wer, um Vergebung, ist dieser gütige Herr?" fragte ich. – Beide nahmen einander das Wort aus dem mund: – "Der Glaser aus der Bastille." –
Wie sehr gleicht doch der Eindruck unerwarteter Freude dem heftigsten Schrecken! Die Wichtigkeit dieser Bekanntschaft trat mir auf das anschaulichste vor die Seele; und ob mir wohl mein Vorteil immerfort zuflüsterte, meine inneren Bewegungen zu verbergen, so zitterte ich doch an allen Gliedern, als er zu seiner Beglaubigung eine Schachtel hervor zog, und mir sechs kleine runde Scheiben in die Hand legte, die vor Alter in die Farben des Regenbogens spielten, und deren ich nicht viele von gleicher Seltenheit besitze. Ich hätte sie mir für keinen Preis entgehen lassen, und erhielt sie – ich schäme mich es zu sagen, wie wohlfeil. Was aber diesem Handel erst die Krone aufsetzte und mich unendlich beglückt, ist ein Kontrakt von den erstaunlichsten Folgen, den er auf die billigsten Bedingungen mit mir einging, unterschrieb und besiegelte. Ich habe schwerlich je einen klügern abgeschlossen, den – wenn Du willst – komischen Anstrich abgerechnet, den er unvermerkt von der guten Laune