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läugnen, dass dieser schöne heimische Aufbewahrungs- und Erhaltungstrieb, wenn er nicht auf ein festes Gehirn trifft, leicht in die fixe idee eines Wahnsinnigen ausarten kann; aber genug, er mag sich zeigen wie er will, dass er da ist, das Herz seines Besitzers füllt und erwärmt, und ihn, wie die Tugend, auf allen seinen Wegen begleitet. Kein Städtchen ist so klein, das nicht mehr als einen Spiessbürger einschliesst, der mit dem Scharfblick einer Spinne auf Beute lauert, die in das Gewebe seiner Liebhaberei taugt; und Du wirst selten ein Putzzimmer wohlhabender Handwerker ohne einen Glas- und Karitätenschrank antreffen, auf dem platz, wo in andern Ländern ein Schlafstuhl oder sonst ein brauchbares Möbel steht. Wer an Münz-Muschel- und Steinkabinetten keine Freude findet, setzt an ihre Stelle Sammlungen von Pfeifenköpfen, Siegeln, Visitenbillets, oder Reliquien. Ich will keinersie mag bestehen aus was sie willihren Nutzen absprechen; aber Du kennst die meinige, Eduard, und ich frage Dich auf Dein Gewissen, ob es wohl viele gibt, die ihr an Merkwürdigkeit gleich kommen? Jedes einzelne Stück derselben ist ein Exemplar unicum, ein Autographum, und um so viel mehr der Aufbewahrung wert, weil es oft die opera omnia eines berühmten Mannes, oder doch eine momentane Empfindung desselben, autentisch und diplomatisch darlegt, und zuweilen selbst wichtige historische Zweifel auflöst. Dass mir eine solche Kollektion am Herzen liegt, ist mir wohl nicht zu verdenken.

Als ich in Berlin zum Tore heraus fuhr, schwebte

mir, Gott weiss, kein anderes Bild lebhafter vor der Seele als s i e , und von allen den seltenen Gegenständen, mit denen ich hoffte, auf meiner Reise bekannt zu werden, waren es die b e s c h r i e b e n e n F e n s t e r s c h e i b e n , die mir am meisten in die Augen blinkten. Auch D u , mein guter Eduardum es nur ehrlich zu bekennenwürdest nicht so leichtes Spiel gehabt haben, mich aus meiner hypochondrischen Lage zu bringen, wenn nicht ins geheim meine Liebhaberei Deine beredten Vorstellungen unterstützt hätte. So wenig ein junger Botanist ohne die Ahnung, unbekannte Pflanzen mit nach haus zu bringen, sich in Wildnisse wagen würde, die oft kein menschlicher Fuss noch betreten hat, so wenig würde auch ich, ohne die höchste Wahrscheinlichkeit, meine Sammlung sehr ansehnlich zu bereichern, von der Stelle gewichen sein. Jetzt kann ich's sagen, da meine heimlichen Wünsche über alle Erwartung gelungen sind.

Um nur bei meinem heutigen glücklichen Fund stehen zu bleiben, so war ich noch keine zwei Minuten allein in der stube, als meine spionirenden Blicke ihren gang, und die Urkunden der Fensterscheiben in Untersuchung nahmen. Ich musste erst eine Menge unbedeutender Maximen, elender oder schmutziger und mit einem Demant in das Glas eingegrabener Verse durchlaufen, ehe ich in dem wehmütigen Eheu fugaces, Postume, Postume des Horaz auf Worte traf, die mich fest hielten. Was mir aber die Scheibe erst lieb und meiner Sammlung würdig machte, war die Unterschrift. Sie erregte alle meine Empfänglichkeit, zauberte mich in vergangene glückliche zeiten und in den Zirkel meiner würdigsten Freunde. Johann George Sulzer, stand darunter, Toulon den 31. Oktober 1775. – Meine Augen feuchteten sich an, als sie diesen geliebten Namen, diese bekannte Handschrift eines verlornen Freundes erblickten, und ihnen, mit der Uebersicht des bemerkten Jahres und Tages, zugleich die folgenden wenigen vorschwebten, die, wie ein kleiner ermüdeter Nachtrupp, hinter den schnell voraus gelaufenen herschlichen. – "Guter Mensch!" stand ich vor diesem zerbrechlichen Monumente, drückte mir gerührt meine eigenen hände, und seufzte: "Ach du glaubtest damals noch nicht deine Forderungen an das Leben schon so weit abgetragen und den Abschluss deiner Rechnung so nahe; ob du gleich mit dem bangen Vorgefühl eines Zwiefalters, der, durch die Annäherung seiner Auflösung gedrückt, noch einmal seine schlaffen verschossenen Flügel in den Sonnenstrahlen auszudehnen versucht, dem warmen Aeter dieses Landes zuschwebtest. – Aber welche Luft ist balsamisch genug, den durch den Wurm des Todes benagten Lebenskeim wieder in Saft zu setzen! – O wer hätte dir nicht gern noch länger den Genuss des königlichen Geschenks deiner kleinen Spreeinsel gegönnt, in deren duftendem Bezirke dir deine und der natur Freunde so willkommen waren, und wo duindem meine frohe Erinnerung seine freundlichen Anlagen durchstrichunter den Gesträuchen des Auslandes nur nicht den Giftbaum hättest aufnehmen sollen, der sich über Gebühr ausbreitete, und so weit um sich wurzelte, dass deine geheime sorge vor Unglück mit jedem Frühlinge zunahm! Ich sehe dich noch, mit welcher ängstlichen Güte du die unerfahrnen Kleinen abwehrtest, wenn sie unter dem Schatten seiner glänzenden Blätter ihren Spielplatz suchten. Aber du, ehrlicher Schweizer, hattest ihn in der Unbefangenheit eines Naturforschers, in der Herzenseinfalt gepflanzt, mit welcher der gutmütige Träumer Lafontaine seine schlüpfrigen Erzählungen, undwie weit können uns nicht unsre zufälligen Gedanken verschlagen! – und ich noch im vergangenen Monate mein Tagebuch schrieb. Gott sei Dank, dass die gefährlichen Auswüchse desselben in der Asche liegen! Doch ich muss mich von dir los reissen, liebe Scheibe, damit ich nicht die Zeit verschwatze, die mir zum Auftrocknen einer bessern Lebenspflanze in meinem heutigen Tage für das Herbarium vivum meines Eduards nötig istund damit du auch nicht mich zu einer so moralischen Betrachtung verleitest, als die von