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nicht ihrer Ungeschicklichkeit, mit allem Respekt gesprochensondern lieber dem Kutscher und den Pferden Schuld, zogen jenem an Lohn, diesen an Hafer ab, weil der eine zu dumm, die andern zu mutig wären. Wie das ewige Umwerfen endlich dem Wagen bekam, das können Sie Sich vorstellen. Alles ward morsch, brach, und zerriss. Nun trommelte man Sattler und Wagner, die nicht bezahlt wurden, zusammen, um das Zerbrochene zu flicken und das Geflickte zu lakiren. Desswegen hielt es nicht eine Minute länger, als Wurm und Rost wollten. Um es kurz zu machen da das hohe Ehepaar, trotz der täglichen Erfahrung, sich weder raten noch warnen liess, und ich mich vor den fremden Kutschern, die von dieser Stallwirtschaft hörten, und davon einige mit mir zugleich in der Lehre gestanden hatten, zu schämen anfing, legte ich eines schönen Morgens meine Striegel und Peitsche vor das Schlosstor, machte mich mit meinem Schnurrbart aus, dem Staube, und, so viel ich weiss, liegt Perutsche und Staatswagen noch heutiges Tages in der Reparatur. Wie es mir nachher erging, ist auch drollig. – Das lassen Sie Sich noch erzählen ..." – "Auf ein andermal," unterbrach ich u n g e r n den treuherzigen Schwätzer; aber ich durfte mich doch länger nicht vor meinem Freunde versteckt halten, der schon ein paarmal nach mir gerufen hatte.

Er erwartete mich an einer runden Tafel, die, mit einem Schinken zwischen zwei Weingläsern besetzt, wie ein Stillleben von de Herem aussah. Der Hunger würzte indess die mässige Kost, und ich setzte mich eine Stunde nachher gesättigt und um vieles beruhigter zu meinem Führer in den Phaëton. Der Kutscher war mein Freund geworden, die Pferde waren erfrischt, und gegen den Weg war nichts einzuwenden. Sobald wir auf die Höhe kamen, sah ich Toulon mit seinen Türmen und Wällen hinter einem Haine von Oelbäumen hervorschimmern. Die Strasse zog sich, wie der gang in einem Englischen Garten, sanft durch ihre Beschattung hindurch, die Strahlen der Sonne brachen sich an ihren Zweigen, und die schönen Aussichten nahmen an Mannigfaltigkeit, wie mein Herz an Frohsinn, zu, je näher wir der Stadt kamen. Desto mehr befremdete mich die Stille des Marquis, und der Ernst, den ich auf seinem sonst so heitern gesicht bemerkte, und ich weiss mir es auch jetzt noch durch nichts zu erklären, als durch die mir unbekannten Geschäfte, die ihn nötigten, sein schönes Tal diesen Morgen, und diesen Abend seinen Freund mit dem rücken anzusehen; denn sobald wir in dem silbernen Anker abgestiegen waren, kleidete er sich nur um, übergab mich dem Wirte, und liess mich in einer grossen stube allein.

Ob wohl, dachte ich, indem er sich eiligst mit dem Wunsche einer guten Nacht von mir entfernte, die Langeweile, in der er dich da in einem fremden haus sitzen lässt, auch zu deiner Nachkur gehören soll? und tat durch den Sinn dieser Frage wohl niemanden mehr Unrecht als mir selbst. Bin ich denn nicht Philosoph? bin ich nicht Dichter? empfindsam im höchsten Grade, und mir selbst Gesellschafter genug? Das kann vielleicht wahr, diese Hülfsmittel können auch vortrefflich sein, davon ist die Rede nicht; nur kann man sie, wie ich das heute schon einmal erfahren habe, meistens nicht so geschwind herbeischaffen, als man ihrer benötigt ist. Was aber ein Deutscher zu allen zeiten bei der Hand hat, ist die fruchtbare Mutter so vieler Raritäten und Sammlungen, ist die Neigung der Seele, die man L i e b h a b e r e i nennt. Wenn er diese zu befriedigen gelegenheit findet, ist er an jedem Orte geborgen. Sie macht in unserm NationalCharakter unstreitig einen Hauptzug aus, der, ob er schon den kultivirten Klassen anderer Völker nicht ganz fehlt, doch bei ihnen ungleich oberflächlicher, und lange nicht so ausgebreitet ist als bei uns. Wer kann die Spur dieses Naturtriebes in unsern Kabinetten und Biblioteken verkennen? Ohne bloss bei dem ersten Endzwecke der Anhäufung litterarischer und artistischer Schätze stehen zu bleiben, hat der Deutsche gewiss immer noch ein Lieblingsfach nebenbei. Hier ist das gemeine Nützliche oft den unbrauchbarsten Dingen untergeordnet, sobald sie nur ein Zeichen des idealischen Werts an sich tragen, den ihnen der Sammler beilegt. Daher sucht der eine vorzüglich alte Drucke, der andere nicht sowohl Meisterstücke des Grabstichels, als Blätter, die sich manchmal nur dadurch rar gemacht haben, weil sie bei ihrer ersten Erscheinung nicht geachtet oder zu Pfefferdüten verbraucht wurden. Wird nicht oft das Bildniss eines Feldherrn, Arztes und Fürsten, das sich aus angeführter Ursache verlor, teurer bezahlt, als sein ganzer Nachruhm wert ist, nicht des schönen Stichs, sondern der Vollständigkeit der Sammlung wegen, in der es eine Lücke ausfüllen soll? Nur ein Deutscher kann auf den Einfall kommen, Bibliotecam Donquichottianam anzulegen, und mit der mühseligsten und kostbarsten Beharrlichkeit die Bücher, die der Autor des Romans dem Museo seines Ritters andichtete, wirklich in ein Kabinet zu vereinigen.1 Nur die Festigkeit, Geduld und Zeit eines Deutschen konnte hinreichen, den umfassenden Plan auszuführen, nicht allein ein grundgelehrtes neun Bände starkes Werk eigenhändig zu schreiben, und ihm zu Gefallen eine eigene Druckerei in seinem haus zu errichten, sondern, um es sogleich zu dem seltensten aller Bücher und Druckschriften zu erheben, der Zeit durch den listigen Ausweg zuvorzukommen, dass er nur ein einziges Exemplar davon abziehen liess.2 Ich will zwar nicht