den Urnen aller Horen,
Verteilt – doch unverloren,
In alle Wesen stürzt?
Juwel in des Erschaffers Kranze,
Und erstes Wunder seines Hauchs,
Du leitest, schmückst, vereinst das Ganze –
Eins fehlt nur deinem Glanze –
Bewusstsein des Gebrauchs.
So viel dir Kraft ward, doch entquellen
Dir Triebe nie, die, warm und rein,
Die Brust des edlen Mannes schwellen,
Freund seiner Mitgesellen
Am Bau der Welt zu sein.
Du stehst im grössten Wirkungskreise,
Als Sklave, der im Joche prangt –
Beherrscher seiner kurzen Reise
Durchs Leben, dringt der Weise,
Wohin sein Herz verlangt.
Er wägt sein Dasein nur nach Taten,
Nach Pfunden, die sein Geist erringt,
Froh, wenn der Hoffnung seiner Saaten
Auch nur ein Keim geraten,
Der in die Zukunft dringt.
Sei grösser noch! Um deine Würde
Vertauscht, selbst auf dem Weg' ins Grab,
Der Staubbewohner einer Hürde
Nicht seines Lebens Bürde,
Nicht seinen Wanderstab.
Denn bald zu höhern Geistesproben
Entrückt den Prüfungen der Zeit,
Schwingt ihn die Hand, die dich erhoben,
Von diesem niedern Globen
In die Unsterblichkeit.
Durch diesen heitern blick ins Freie
Verliert im Nebel meiner Bahn
Sich keine Stunde mir – ich weihe
Dem Ausgang sie, und reihe
Sie meiner Zukunft an;
Dass, wenn ich einst zu höhern Sphären
Auf deinem Lichtweg übergeh,
Der Fruchtstaub vieler guter Aehren
Noch in dem Tal der Zähren
Um meinen Hügel weh.
Als meine Harfe verklungen war, und mein begeisterter blick aus seiner Höhe zurück auf die Erde fiel, hätte ich gern meine abgestimmten saiten aufs neue gespannt, wäre ich nicht zu erschöpft gewesen, um mich mit hülfe ihrer Harmonie eben so vogelleicht über den rauhen Weg zu schwingen, der in einem Zusammenhange von Felsenstücken und Bergklüften vor mir lag, als sie mich unvermerkt über seine erste Hälfte gebracht hatte. Es ärgerte mich, dass mein Führer das stolze Gefühl meiner Schwungkraft durch eine Bemerkung zu necken suchte, die ziemlich spöttisch heraus kam. – "Ich sehe dir an," sagte er, "dass du mit deinem Ausfluge in das Reich der Ideen nicht übel zufrieden bist. Ich wünsche dir Glück dazu: nur dünkt mir, du hättest besser getan, ihn auf den schicklichern Zeitpunkt aufzuschieben, in den wir jetzt eintreten. Erst hier, wo leider der Weg äusserst schlecht zu werden anfängt, hätte auch deine Verzückung anheben sollen. Hier würdest du so viel dabei gewinnen, als du auf dem eben zurück gelegten dadurch verloren hast. Ich kann dir, da ich dich jetzt nicht störe, wohl sagen, dass es einer der angenehmsten ist, den ich kenne, nicht nur die ungleich bessere Hälfte des Ganzen, sondern an romantischen Aussichten und lachenden Gegenständen fast so reich, als das Tal meiner Bastide. Alle diese freundlichen Winke der natur sind dir, während deiner Unterhaltung mit der Sonne, entschlüpft. – Es ist," fuhr er mit einem philosophischen Seitenblicke fort, "nur zu oft der Fall bei euch sublimen Leuten, dass ihr eure geistigen und leiblichen Gelüste nicht haushälterisch genug gegen einander abzuwägen und nach dem jedesmaligen Stundenbedürfnisse zu verteilen versteht. Ein gegen Himmel geschlagenes Auge nimmt offenbar eine falsche Richtung, wenn fröhliche Kinder, farbige Blumen unter ihm spielen und sprossen, oder menschliches Elend um seinen teilnehmenden blick bettelt. So lange Milton noch sehen konnte, überliess er sich allen sinnlichen Freuden des irdischen Paradieses seiner Heimat, und dachte nicht eher daran, sich eins zu dichten und seinen Verlust zu besingen, als bis ihm seine Blindheit keinen andern Zeitvertreib zuliess. Auch euer Kleist, wie mir seine Freunde erzählt haben, sog mit tierischem Wohlbehagen jeden Balsamtropfen des Frühlings ein, so lange er dauerte. Erst in den rauhen Wintertagen wiederkäute und malte er ihn. Die Dichtkunst, wie jede Schwelgerei des Geistes, sollte dem Weltbürger zu keiner andern, als zur Zeit der Entbehrung, unter dem Drucke des Müssiggangs, oder wenn sonst irgend ein Zufall seine äussern Sinne gelähmt hat, zur Krücke dienen." – Bei meiner dichterischen Erhitzung, die mir noch im Blute lag, musste mich ein so kalter gemeiner Ausdruck notwendig verschnupfen: doch fehlte mir in diesem Augenblicke die stimme, nur ein Wort dagegen vorzubringen; so sehr wurde ich durch einen jähen Abgrund erschreckt, an dem wir nahe vorbei schwebten. Ich schmiegte mich, so lange dieser furchtbare Anblick dauerte, mit klopfendem Herzen an den Marquis, und erst als wir hinter Aubogne in einen Hohlweg lenkten, kam ich wieder zur Sprache. – "Du hast mich mit deiner vorigen Aeusserung," wendete ich mich nun zu ihm, "ganz in Erstaunen gesetzt, lieber Saint-Sauveur, weil ich sie dir am wenigsten zutraute. Ich habe immer die entwicklung grosser Gedanken durch Philosophie oder Dichtkunst, jenes Nachspüren unserer feinen Empfindungen, jenes Brüten über uns selbst, und alles, was du Krücken des Müssiggangs zu nennen beliebst, für die nützlichste Beschäftigung, für die edelste Bestimmung des Menschen gehalten; und ich kann meine wichtigen Zweifel gegen deine Behauptung ..." – "Nicht leicht," fiel mir der Marquis in das Wort, "unter einem stärkern Widerspruch von Umständen vortragen, als so kurz nach dem Schrecken, den du gehabt hast. Müssig und dem Schicksale überlassen, wie du neben mir da sitzest und zitterst, was könnte ich dir besseres für deine Beruhigung empfehlen, als eben die Krücke, die auf jenem gebahnten Wege dir ganz entbehrlich war? Wie hinderlich hingegen müsste sie nicht