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durch einen blick aller deiner Kräfte bemeistert hat. O du kennst die Göttliche noch nicht in ihrer grössten Schönheit. Morgenist der Mensch nicht glücklich, der das zu einem andern Sterblichen sagen kann? – morgen will ich dir ein Schauspiel geben, das einen Gottesläugner bekehren würde. – Du hast wohl, als ein wahrer Berliner, gar nicht daran gedacht, dass die Sonne auch aufgeht?" – "Ja, Freund," rief ich, und klatschte in die hände, "das Schauspiel sollst du mir geben." – "Ehe wir nach Toulon aufbrechen," fuhr er fort ... – "Ach das abscheuliche Toulon!" fiel ich ihm in die Rede; "was sehe ich an seinen Bastionen, Galeeren und seinem Arsenal? Ich bitte dich, lass mich hier, lieber Saint-Sauveur." – "Ich glaube," sagte der Marquis lächelnd, "die Bewunderung der natur könnte dich, wie das Gebet einen Mönch, bis zur Untätigkeit entzücken. Sie tut es schon jetzt. Du schwärmst von ihr und vernachlässigst sie, denkst nicht daran, sie in ihrem Nachtputze zu überfallen, und ihrem Busen noch einen Liebeskuss aufzudrücken, ehe sie einschläft." – Ungeachtet meiner dichterischen Stimmung verstand ich den Marquis nicht ganz, bis der Wink eines Bedienten ihn von seinem Stuhl aufjagte, der Vorhang aufflog, und er mich in der schauerlich festlichen Minute an das Fenster stellte, wo der volle Mond in dem reinsten Ergusse seines Schimmers zwischen zwei Bergen herauf stieg.

Wie vorhängend in dem dunkelblauen Gewölbe, gleich einer aus Topas geschliffenen Lampe, blickte nicht dieser glänzende Körper, als ob er in der heutigen Nacht jede andere neben ihm spielende Welt von seiner Umarmung ausschlösse, auf seine kleine freundliche Talschöne herunter, die, wie abgesondert von dem übrigen Erdballe, zitternd ihre verstecktesten Reize seinem liebkosenden Lichte zu entüllen schien! – Das Säuseln des Abendwindes in den jungen Sprösslingen, Blättern und Blüten, das dem Geräusch der Küsse, dem Lispeln der Liebe glich, und der Einklang des Wasserfalls in der Fernealles was ich sah, hörte und ahndete, traf einen Berührungspunkt in meinem der natur geheiligten Herzen. Mit gefalteten Händen blickte ich in dieses nächtliche fest. Ich konnte mich ungestört in Betrachtungen versenken; denn mein Freund, der neben mir stand, schonte schweigend meine zarten Empfindungen. Der Mond hatte schon viele Meilengrade seines Bogens durchlaufennoch stand ich da, und sah ihm nach, und mass ihn, und lächelte ihm zu. Endlich riss ich mich los. – "Was für ein glücklicher Mann bist du!" wendete ich mich gegen meinen Freund mit schwacher stimme, drückte ihm die Hand, und folgte der Kerze, die mir in mein Schlafzimmer leuchtete.

Ich war so vertieft in meine Mondsscene, dass ich den jungen Menschen, der mich bediente, nicht eher gewahr ward, als bis er mir meine Halbstiefeln auszog, die zwar von dem Dornenwege, durch den sie mir heute halfen, hier und da zerkratzt, übrigens aber so wenig beschmutzt waren, dass selbst unser reinlicher Freund Jean Paul keiner noch so weissen Chemise würde gewehrt haben sich ihnen zu nähern. Ehe ich den Bedienten entliess, bat ich ihn, mich morgen ja vor Aufgang der Sonne zu wecken. – "dafür sorgen Sie nicht," antwortete er; "unser ganzes Haus ist alsdann munter vom grössten bis zum Kleinsten. So oft wir in diess Tal kommen, versäumt gewiss keiner von uns fünfen, die stets um den Herrn sind, diesen rührenden Anblick. Wir waren armselige Menschen, ehe wir in seine Dienste tratenTrunkenbolde und Spieler, besonders der Kutscher, der ein Türinger ist. Einer nach dem andern wurde von seiner Untugend geheilt. Ich warich gestehe es zu meiner Schandeein verlorner Wollüstling; aber kaum drei Tage hatte ich in diesem Paradiese gelebt, dreimal nur die Sonne aufgehen sehen, als mir die Schuppen von den Augen fielen, ohne dass ich sonst etwas dagegen gebraucht hätte." – Ich schob meine Nachtmütze etwas ungläubig zurechte. – "Trauen Sie meiner Erfahrung," erwiderte er mir, nahm meine Halbstiefeln unter den Arm und wünschte mir eine ruhige Nacht. Wäre es möglich, dachte ich zuletzt noch im Bette, dass diese solarische Kur bei Klärchen anschlüge? Vielleicht! Sobald nur kein Domherr mit ihr an das Fenster tritt.

Fussnoten

1 Ciceronis Somnium Scipionis 2 S. Brants Narrenschiff. 3 Er stiftete ein Hospital für Narrenund starb selbst als einer. 4 Wer Verstand hat, der überlege die Zahl des Tieres: denn es ist eines Menschen Zahl, und seine Zahl ist 666. Offenbar. Johannis Kap. 13. V. 18. 5 Viverra Ichneumon. Linn.

Toulon.

In der Nacht, den 19ten Februar.

Ich hörte Saint-Sauveurs stimme schon im saal bei meinem Erwachen, sprang gestärkt von meinem Lager auf und eilte zu ihm. Die Nacht war im Scheiden, als ich eintrat. Eine kühle Luft drang auf mich ein, als ich das Fenster öffnete, und verstärkte den Schauer, den der Mensch, wie die unbelebte natur, in der Nähe der Beglückung empfindet. Desto willkommner war mir das warme Getränk, das man mir reichte. Noch dauerte es einige Pulsschläge, ehe die ersten Vorläufer des tages den Himmel begrüssten. Einzelne Vögel zwitscherten ihnen entgegenAls aber der Saum des Horizonts sich mit einem Bande umzog, das mit Rubinen