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geschlagen. Wenn der erste, dem Du auf der Strasse begegnest, auch so bettelarm ist, dass er Dir weder Tabac des Fermes aus einer verschabten Dose anbieten, oder Dir unter einem zerrissenen Kittel wenigstens ein Paar Manschetten zur Schau geben kann, so ist doch zu wetten, Ihr seid noch keine Viertelstunde mit einander fortgeschlendert, so glaubt er Dir das geständnis abgenötiget zu haben, dass kein Volk so mächtig, so reich, so witzig, so artig, so erhaben sei, als das seinige; und sollte sein Anteil an diesem Nationalvermögen auch noch so gering sein, so ist er doch gewiss mit seinem Loose zufriedener, als Du mit dem Deinigen. Die guten Leute wissen jede Einwendung, die wir etwa dagegen merken lassen, so geschwind zu entkräften, glauben, dass jedes menschliche Auge so geformt sei, wie das ihrige, und können nicht begreifen, wie ein Fremder unter ihren bunten KleidernArmut, eine verdorbene Haut unter ihrer Schminke, und Elend und Verzweiflung in den Labyrinten ihrer Hoffart entdecken könne.

Ein jeder deutscher Mietkutscher würde gewiss auf meinen ersten Wink sehr vergnügt über sein abgekürztes Tagewerk, nach haus gefahren sein. Meinem Franzosen aber war der Gedanke, wie mächtig wohl der Fremde über die Wunder seiner Stadt erstaunen werde, wichtiger, als jede andere Rücksicht, und er machte gern einen freiwilligen Umweg nach den schönsten Plätzen, um sich dieser Empfindung desto gewisser zu versichern.

Ich hätte vielleicht gar nicht gemerkt, dass ich in diesem Augenblicke mehr i h m zu Diensten sei, als er m i r , hätte er nicht, als er den Standpunkt erreicht hatte, den er suchte, von wo man auf einer Seite das P a l a i s d e B o u r b o n , auf der andern den Platz Ludwig des Vierzehnten übersehen kannauf einmal stille gehalten, und mir mit einem gesicht voll unbeschreiblicher Selbstzufriedenheit zugewinkt. O wäre er mit seinen müden Pferden auf gut Deutsch den geraden Weg gefahren! – Der gute Kerl dachte wohl nicht, dass meine Blicke nur schlaff über alle diese prächtigen Gegenstände hinweg, auf ganz gegenseitige gleiten würden, über die Er wegsahdachte wohl nicht, wie viel er mir durch seinen Stillstand zu leide tat.

Ich sah mich um, und Tränen trübten

Am Fussgestell des Vielgeliebten

Sich in dem matten Strahl der Sonne wärmen sah.

Ein Jüngling, aus der Zahl der Leidenden gerissen,

Traf meinen zweiten blick. Gesetz und Fesselzwang

Hielt den Gemarterten, der unter Schlangenbissen

Vergebner Reu' die dürren hände rang.

Ein feister Mönch, voll Lebensdrang,

Begleitet tröstend ihn auf seinem finstern Wege.

Zunächst ein Savoyard, der zu der Zitter sang:

"Der arme Brotdieb stirbt den Tod der Keulenschläge

Bis nach der Sonne Untergang!" –

"O um Gottes willen," rief ich zum Schlage heraus, "fahrt zu, mein Freund, fahrt zu!" Und ich wiederholte meine Bitte, als er bei der Façade des Louvres noch einmal in Versuchung kam, mein Erstaunen zu erregen; denn ich sah nur das Fenster, aus welchem der Held der Bartolomäusnacht sich das königliche Vergnügen machte, sein Gewehr auf seine protestantischen Untertanen abzufeuern.

So kam ich endlich in den heftigsten Gemütsbewegungen und mit dem festen Entschlusse in mein Hotel, bis morgen zu meiner Abreise, ausser dem Stübchen, das mir der englische Koch einräumtte, nichts weiter von Paris kennen zu lernen.

Der Wirt hatte jedoch unterdessen das Geschäft, bei welchem ich mich so ungeschickt benahm, mit meinem Johann in's klare gebracht. Ich wurde mit vielen Entschuldigungen von ihm empfangen, und zu meinem Vergnügen bei dem unglücklichen Parloir vorbei in das Apartement eingeführt, das vorhin nur deutschen Prinzen und Grafen bestimmt war, ohne dass ich mich, welches einem kranken mann wohl zu vergeben ist, im geringsten darum für distinguirter gehalten hätte, als vorher.

Hier war mir nun zwar etwas besser zu Mute, als in dem Sprachzimmer; aber doch nicht viel. Der Tropfen Tau in der Fabel, der in das Meer fällt, und ich in Paris, waren ungefähr in gleichem Verhältnisse. Ich stand mit nichts in Verbindung, als mit dem unbändigen Getöse, das aus den Gassen dieses städtischen Ungeheuers herauf stieg, gleich einer unsichtbaren Macht durch meine Zimmer walzte, mir keinen sichern Sitz, kein ruhiges Lager verstattete, und das in hypochondrischen Stundenden König selbst, dächte ichso ängstigen müsste als mich, wenn er die Gewalt dieses tobenden Stroms mit der geringen Kraft vergleicht, durch die sie in Schranken gehalten wird. Die Folge war, dass es mir damit ging wie ihm. Ich horchte und horchte wieder, gewöhnte mich daran, und schlief ein.

Als ich den Morgen erwachte, konnte ich nur einen einzigen Bewegungsgrund finden, noch eine kurze Zeit in dieser Betäubung zu verweilen. Ich gab dem Triebe nach, der stärker war, als meine Milzsucht, um einen alten Bekannten von so liebenswürdigen Verdiensten zu besuchen, dass selbst einem Kranken wohl bei ihm sein kannich meine den Baron von Grimm.

Ein Mann, der offnen Markt mit deutscher Treu' und

Glauben

Im Angesicht des Louvres hält,

Wie Schlangen klug, und ohne Falsch wie Tauben,

Und Garrick in dem Spiel der Welt,

In dem Geschäft, die Wahrheit zu erkennen,

Von Lockens Geist und von Saumaisens Fleiss,

Doch der den Stuhl nicht nur zu nennen,

Nein! sich auch drauf zu setzen weiss.7

Ich brachte