1791_Thmmel_094_259.txt

i e nicht, diese gutmütige Begleiterin auf unsern Wanderschaften, so würde das längste Leben, wenn es einmal hinter uns liegt, nur ein verlornes Geschenk, und nicht viel besser als das Leben einer Mückeeingeschränkt auf einen einzigen Tag sein. – "Ein schöner wahrer Gedanke!" sagte der Marquis, als ich ihm solchen mitteilte. "Er soll uns, wie der Faden der Ariadne, durch den dunkeln Irrgang meines Vorgebirges leiten. Folge mir nur beherzt, lieber Wilhelm, und werde nicht misslaunig über die hundert bösen Schritte, die du etwa noch bis zu meinem Sopha zu tun hast."

Ich ergriff geschwind den Rockzipfel meines Führers, um seine Spur nicht zu verlieren, und tappte ihm nun, unsicher wie in der Nacht, durch die kühle Bergkluft nach, die so im Finstern fortlief, dass ich den Ausgang für noch sehr entfernt hielt, als auf einmalGott im Himmel! wie ward mir zu Mute! – eine Tür vor mir aufsprang, und mirwelch ein Uebergang von Blindheit zum Licht! – ein Talein unübersehbares und so entzückendes Tal öffnete, dass mein äusserer Mensch durch die heftige Bewegung, in die mein innerer bei diesem unnennbaren ü b e r r a s c h e n d e n Anblicke verfiel, wie gelähmt davor stand, und mein Puls einige Sekunden stockte, ehe sich meine gegen Himmel strebenden hände erheben, und ein Strom von empfindsamen Tränen dem gepressten Herzen Luft machen konnte. Ich habe dich oft, freundlich, schön und gross gesehen, mannigfaltige natur, habe dich in der Pracht deines Schmuckes bewundert, den dir deine Freunde, und aus dem Flitterstaate gehoben, den deine Feinde dir anlegten; aber noch nie hattest du dich mir in deiner höchsten Herrlichkeitnie zur Anbetung deines unermesslichen Schöpfers in so unwiderstehlich anlockenden Reizen offenbart, als an diesem glücklichen Abende! Was faselte ich vorhin von Nachschmack des Vergangenen, von der Erinnerung eines Lebens, das hinter uns liegt! Mein Vaterland, die Stadt meiner Geburt sammt den jugendlichen Freuden, die ich jemals genossalles war jetzt aus meinem Bewusstsein verschwunden. Ich fühlte nur das Gegenwärtige, und war ausschliessend glücklich in ihm.

Bin ich denn der erste Reisende, der hierher kam? da ich mich keines erinnere, der dieses Elysiums der Provence gedacht hat. Sollte sich denn nie einer diesen Anblick, wie ich ihn genoss, erkauft, erstohlen, oder erschlichen haben, um ihn mit Farben oder mit Worten zu malen? Nein, Eduard, der glückliche allein vermag es, der ihn, wie ich, als ein Geschenk aus der Hand der erfindungsreichen Freundschaft und als ihre geheimste höchste Gunstbezeigung erhält, – wenn anders die Verzweiflung über die Unzulänglichkeit menschlicher Sprache, die auch in meinen Adern kocht, ihm erlaubt diesen reinen Abdruck des himmels zu schildern. Nur ein Mann, der aus der Fülle der natur ihre rührendsten Stunden zu heben, und aus ihren flüchtig hinduftenden Tageszeiten die Balsamteile aufzufassen versteht, die am wirksamsten sind die Quetschungen der Seele zu lindernnur ein Weiser, der die Sehnen und Fasern des menschlichen Herzens oft und mit Glück entwickelt, und die Einbildungskraft bis in ihre feinsten Blutgänge zergliedert hatnur der edle Saint-Sauveur, der diesen Solitair von Felsen sein nennt, hat zu dem dahinter liegenden Heiligtum allein den Schlüssel. Man muss sein Freund sein, um auf den Standpunkt dieses magischen Lichtes zu gelangen, in welchem, von allen Bewohnern dieses herrlichen Tals, er allein nur es zu zeigen im stand ist. Kein menschliches Auge, es schweife und schwebe wo und über was es will, kann mehr Reize auf einmal umfassen, als das meine in dem Augenblicke, da ich, wie von der Erde in den Himmel gehoben, aus dem Felsen trat.

Die Scheibe der Sonne, als wäre sie allein für dieses Tal geschaffen, hing, zu ihrem Untergange geneigt, gerade vor mir. Ein breiter, schäumender, in die Tiefe stürzender Wasserfall schien ihr anzuhängen, und die letzten Goldmassen ihrer heutigen Spende zu übernehmen, um sie in flimmernden Körnern über das Abendbrod dieser glücklichen Talbewohner zu streuen. Die Spitzen der hohen Berge, Träger des blauen Baldachins, der über der Königin schwebte, röteten sich in ihrem Abglanz, und der Schimmer ihres Heimgangs flog zitternd über die unzähligen Gärten und Lustäuser, die sich von allen Seiten in den sanftesten Abhang hinunter zogen. Der mit ihrem wallenden Lichte überschwemmte Teppich grünender Triften, der sich, so weit der blick reichen konnte, in dem grund verbreitete, warf, mit den Gruppen ruhender Herden, in seiner unglaublich sanften Verschmelzung einen Wiederschein in die Höhe, der selbst ein sterbendes Auge noch würde erquickt haben. Die meinigenach! wie soll ich Dir das Wohlbehagen versinnlichen, in dem sie schwammen! – Alle bessere Empfindungen meiner Seele schienen sich gegen meine Sehnerven zu drängen, und aus ihnen Dank gegen Gott, Freude des Lebens und Zufriedenheit mit der Welt zu saugen. Wie liebt, wie ehrt man sein Selbst in solcher Stimmung! Wie gereinigt fühlt sich das Herz von allen verächtlichen Wünschen, die es in so seligen Augenblicken nicht einmal zu begreifen vermag! O könnte ich den rauhen schmalen Eingang dieses berges für mehrere Seelen zu einer so edlen Absicht benutzen, als mein trefflicher Freund durch ihn bei mir einzelnem Kranken erreicht hat! Ich würde seine dahinter ruhenden Geheimnisse durch ein vorgezognes Tuch so ganz versperren, wie sie es mir bis auf diesen Augenblick waren