mit dieser Spazierfahrt überlistete, trotz der Alzire, die dich beinahe mir abwendig gemacht hätte. Du siehst, dass ich meine eigennützigen Absichten gar nicht beschönigen will. Wie leicht könnte ich sie sonst hinter deine Nachkur verstecken! In Rücksicht dieser müsstest du mir noch danken, dass ich dein welkes Gesicht an die Sonne gebracht habe." – "Hol der Henker seine kahlen Entschuldigungen," murmelte ich in den Bart; "die machen weder seinen Antrag noch den gang besser. Meine Talente? Das ist eine triftige Ursache! Ihretwegen konnten wir sitzen bleiben." Und so stieg ich aus.
Es ist doch in Wahrheit eine Verlegenheit wie es nur eine gibt, wenn man durch unverdientes Zutrauen anderer zu unsern bessern Einsichten sich mit seiner Ignoranz aus einem schönen gebahnten auf einen so holprigen, verwachsenen Weg gedrängt sieht, als der war, den wir jetzt einschlugen – um am Ende eines ermüdenden Gangs oder einer verlornen Lehrstunde seinem gönner darzutun, dass er sich in der Wahl unser geirrt habe. Mit hundert Dingen in der Welt bin ich in dergleichen Gedränge gekommen; aber mit der Baukunst widerfuhr es mir heute zum erstenmal. Bei allem dem fehlte es mir am Entschlusse, meiner falschen Scham herzhaft entgegen zu treten, mich aufs Maul zu schlagen, und mir durch ehrlichen Widerruf einen Ausweg zu bahnen. Das wäre unstreitig das klügste gewesen: aber es fiel mir nicht bei, und um so viel weniger, als mich schon jede unerwartete Aufforderung so aus der Fassung bringt, dass ich mich immer auf das verkehrteste dabei benehme. Wenn ich ja etwas ähnliches von Jean Jacques habe, so besteht es darin. Fragt man doch wohl bei mir zehnmal umsonst nach Dingen, die ich im Schubsack trage, geschweige bei solchen, die man gütigst voraussetzt. Geht jemand zum Beispiel in der Gesellschaft – und wie oft geschieht das nicht! auf mich los: "Sagen Sie mir doch, mein Herr – Sie, als ein Litterator, als ein Dichter, als ein Hofmann, müssen ja das am besten wissen ..." so weiss ich es gewiss nicht, und wenn es das Einmal Eins wäre.
So betroffen, dass ich mich nicht besinnen konnte, schlich ich denn auch hier dem Marquis nach, ritzte mich in allerlei Dornen, lernte alle Gattungen von Kletten und Nesseln der Provence kennen, und nach manchen Fehltritten, die mich aufhielten, sah ich denn endlich auch an dem unförmlichen Steinbruche, der die Mitte einer Gebirgkette einnahm, die nach allen Seiten hin die Gegend sperrte, jene schwere Aufgabe liegen, die ich zu lösen beschieden war. – "Nun, was meinst du?" fragte der Marquis, und blickte mir forschend in die Augen, die ich geschwind in Ordnung gebracht hatte, und dann den Felsen so listig nachdenkend anstarrte, wie dieser und jener eine Skizze von Raphael. Da stand ich nun wie am Pranger, und brachte nach einer ängstlichen Weile doch nur ein paar abgebrochene Worte hervor. – Ob ich wirklich die Ausrottung des nahen Gesträuchs zur Gewinnung eines Vorplatzes und die Erweiterung des Berggangs in Vorschlag brachte, lasse ich dahin gestellt sein; es war wenigstens der Sinn, den Saint-Sauveur meiner verworrenen Rede unterschob und mit seinem Beifall beehrte. Er hätte mir jede andere Meinung andichten können, ich würde sie in der Verlegenheit für die meinige erkannt haben – "Wenn diese notwendige Vorkehrung," fuhr ich nun schon mit festerer stimme fort, "getroffen ist, würde ich das Portal mit zwei Toskanischen oder lieber noch Korintischen Säulen verzieren, und oben darüber eine Marmortafel mit einer passenden Inschrift aus dem Virgil oder Horaz setzen lassen: O rus, zum Beispiel, quando te adspiciam, oder so etwas dergleichen." – "Das lässt sich hören," sagte mein Freund; "nur will ich dich bitten, lieber Wilhelm, wenn wir ins Haus kommen, mir deine idee durch eine kleine Handzeichnung deutlicher zu machen: denn aufrichtig zu gestehen, weiss ich nicht einmal, wie sich die Toskanische Säulenordnung von der Korintischen unterscheidet." – Unter uns, Eduard, war das eben auch m e i n Fall! – "Ich bin," fiel ich ihm ins Wort, "in architektonischen Zeichnungen seit einigen Jahren ganz aus der Uebung." – "Nun gut," erwiderte er, "so tue mir nur den Gefallen, deinem Italienischen Lehrmeister den Riss anzugeben, wenn wir wieder in die Stadt kommen. Einstweilen lass uns auf jenem bemoosten Stein ausruhen, und uns über dieses Gebirge hinweg in dein prächtiges Sanssouci zaubern. Ich sitze oft Stunden lang in meinem beschränkten Gärtchen, und weiss mir es in Gedanken durch die malerischen Aussichten zu erweitern, die mir vor neun Jahren dein Vaterland öffnete."
Der gute Saint-Sauveur! Er hätte mir zur Erholung von meinen Baugeschäften nichts dienlicheres bieten können. Ich ward Dir auf einmal so beredt und anmasslich, als ich mich kurz vorher, verlegen und gedemütigt gefühlt hatte, und auch Er – ohne des Schaustücks seiner Birkenallee weiter zu erwähnen – irrte gutmütig und heiter mit mir durch alle die niedlichen Sandgänge, die labyrintisch unsere Berlinischen Lustgärten durchschlängeln, die sanfte Luft, die uns umwehte, war ihm nur ein Vehikel jener aromatischen Düfte, die unser Tiergarten seinen jüngern Wangen zuspielte, und die er damals nicht sinnlicher in sich ziehen konnte, als er sie jetzt durch die Organe der E r i n n e r u n g einsog. Ach, wäre s