, und zog die besungene deutsche Mailuft mit beiden Lungenflügeln in mich – denn – hier siehst Du die Beule, die ich aufstechen muss – wir befanden uns, wie durch einen Zauberstab, in eine lange Allee von hundertjährigen Birken versetzt.
Ich konnte in der Fülle meines Erstaunens nicht zu Worte kommen, so gewaltig sie sich auch bis zu meinen Lippen vordrängten, war lange verloren in meinem Gefühl, ehe meine scheuen Blicke sich an meinen Freund wagten, und um Vergebung des Unsinns der vergangenen Stunde anflehten. Er verstand sie: aber er bestrafte mich nicht durch Gegenspott, so sehr ich ihn auch verdiente, sondern durch Güte. – "Reisende," sagte er mit freundlicher stimme, "sollten nie absprechende Urteile über ein fremdes Land fällen, bis sie nicht alle seine Winkel durchkrochen haben. Könnte ich dich doch, lieber Wilhelm, von allen deinen kleinen Vorurteilen so glücklich heilen, als es mir bei diesen gelang! denn s i e hauptsächlich sind es, deren Kur mir Sabatier überlassen hat. Wie froh bin ich, dass ich dich bis jetzt ruhig in deiner trotzigen Lage erhalten konnte! Ein einziger blick deiner Augen neben der Querlinie, auf der sie hinstarrten, würde dir schon von weitem das Ziel der Belehrung, die ich dir aufhob, entdeckt, und ihre gute wirkung und deine Epigramme geschwächt haben. Jetzt blicke nur, ohne dich weiter zu schämen, an diese hohen Birken hinauf. gibt es wohl in Charlottenburg ihres gleichen? Siehe, mit welcher Pracht unsere immer grünende Eiche sich hier ausbreitet. Wie reich würde sich euer König dünken, wenn ein solcher Fremdling seinen Park verschönerte! Sättige dein Auge an unserem Besenreisig, an dem gelb blühenden Geniste, das als eine Seltenheit in euern Gewächshäusern gepflegt wird, bade dich in dem Aushauche unserer würzhaften Kräuter, und gestehe, – ich verlange keine andere Genugtuung – dass euer Wonnemonat nicht reizender sein kann als unser Hornung." – Es hätte mir die hartnäckigste Vorliebe meiner Heimat so fest in dem Herzen sitzen müssen als einem Lappländer, wenn ich nur ein Wort gegen die offenen Beweise und die billige Forderung meines Freundes hätte vorbringen wollen. Seitdem ich Atem schöpfe, hat mich von allen den Maitagen, die ich in Deutschland erlebte, keiner in ein solches Wohlbehagen versetzt, als die gegenwärtige Stunde. Das konnte ich ihm mit Wahrheit sagen. Es war seit meiner Krankheit der erste Ausflug ins Grüne, und die Sinnlichkeit hatte ein desto leichteres Spiel, da die saiten, die sie rührte, frisch aufgezogen und zur Freude gestimmt waren. In dem sultanischen Gefühle eines mühelosen Genusses lag ich in dem schaukelnden Phaëton, freute mich der wohlriechenden Bogengewölbe über mir und des begleitenden Gesangs der Vögel, wovon ich bei dem gehemmten Trabe der Pferde keine Note verlor. Wie ein kraftvoller Jüngling, dem ein langes frohes Leben vorliegt, sich am Ausgange desselben seinen nebligen Grabhügel als eine Ruhebank denkt, die seiner Ermüdung wartet, so blickte auch ich auf den geraden breiten Weg hin, der sich durch den unabsehlichen Wald zog – dachte mir an dessen Ende die enge heisse Bastide meines Freundes, zwar nicht als einen Lustort, aber als eine Schlafstäte, die mir desto erträglicher vorkam, je später ich sie zu erreichen hoffte. War es also nicht Schade, dass dieses wollüstige Hingeben meiner selbst, diese auf Genuss und Zeitgewinn gezogene fröhliche Rechnung, durch eine Grille des Marquis gestört wurde, zu der ich mir noch dazu vorwerfen musste, ihm die erste Veranlassung gegeben zu haben?
Er befahl seinem Kutscher zu halten, blickte mir in meine sanft hinsterbenden Augen, und nötigte mich doch unter folgendem gespräche aus dem Wagen. – "Guter Wilhelm! wenn ich dich so über der natur brüten sehe, sollte es mir beinahe leid tun, dich von deinem behaglichen Neste aufzuscheuchen." – "Wie so, lieber Marquis?" – "Ja nun, hier müssen wir uns auf die Füsse machen und einen andern Weg suchen." – "Einen andern Weg? Wohin denn?" – "Nach meiner Bastide. Du denkst doch wohl nicht, dass sie am Ende der grossen Allee liegt? Das wäre der Rede noch einmal wert." – "Das – bester Mann – habe ich wirklich geglaubt." – "Nun so hattest du dich wieder einmal in dein Vaterland verflogen. Ein Schlag von Sommerhäusern wie die unsern, und eine prächtige Deutsche Allee zum Zugange würde gut passen." – "Aber, ums himmels willen, wie kommt man denn zu deiner Bastide?" – "eigentlich, lieber Freund, auf der Chaussee, die wir halben Weges verlassen haben; kürzer aber um vieles, wenn wir uns hier seitwärts, so gut es gehen will, durch das Gebüsch helfen. Es kommt auf eine böse Viertelstunde an, so treffen wir auf einen verlassenen Steinbruch, hinter welchem meine kleine Besitzung liegt. Ich habe ihn kürzlich dazu gekauft, ihn vollends durchbrechen lassen, und mir dadurch einen weit nähern Eingang verschafft, der nur einige äussere Verzierung bedarf, um als etwas Rechtes in die Augen zu fallen. Da sind mir nun eine Menge Plane durch den Kopf gegangen, ohne dass ich noch mit mir einig geworden bin. – Du kamst mir wie gerufen. Dein Ausspruch soll entscheiden. Das beschloss ich gestern vor dem haus des Italienischen Baumeisters, bei dem du in der Lehre gewesen bist, legte desswegen Beschlag auf dich und deine Talente, und rechnete auf deine Vergebung, wenn ich dich