Sobald ich über ihn hinaus in das Fenster getreten war, will ich zwar nicht geradezu behaupten, dass ich mich meiner reuvollen Empfindungen schämte, aber ich bekam doch Fassung genug, den ganzen Auftritt für einen seltsamen Beweis der Nervenschwäche auszugeben, die mir noch von meiner Krankheit anhing, und mein Freund war auch so gut, es für bekannt anzunehmen. – "Wenn dich nur," sagte er scherzhaft, indem er zugleich befahl, dass sein Phaëton vorrücken sollte, "der Lärm nicht zu sehr erschüttert, den jetzt die schlagenden Nachtigallen in dem Birkenwalde treiben, wohin ich dich führen will." – Das brachte mich auf einmal aus meiner weinerlichen in eine bitter spasshafte Stimmung. – "Birkenwald? Nachtigallen?" fing ich mit spottendem Tone seine Worte auf, "das klingt ungefähr in diesem land so hohl, als wenn man in Novazembla von Schmetterlingen und Orangen spräche."
Ich habe gewiss schon in meinem Leben witzigere Einfälle gehabt, und beissendere Antworten ausgeteilt, als diese war, ohne mich ihrer zu rühmen; besonders seitdem ich bemerkt hatte; dass ein Bonmot Dienstags eine ganze Gesellschaft belustigen konnte, welches Mittewochs, wenn es der Erfinder als bewährt in andere Häuser herumtrug oder in seine Schriften aufnahm, gleichgültig angehört und gelesen wurde. Der scharfsinnige Herr mochte noch so genau Zeit, gelegenheit und Umstände seines Epigramms angeben, keine Seele bekümmerte sich um den kleinen Balg, sobald er über die Geburtsstunde hinaus war. So würde ich also auch diessmal meine spitzige Gegenrede gar nicht erwähnt haben, hätte sich nicht ihr schlaffer Stachel eine Stunde nachher gegen mich selbst gekehrt, und mir eine Beule zugezogen, die ich nicht anders zu heilen wusste, als dass ich sie, unter grossen Schmerzen, aufstach. Gott bewahre doch jedermann vor witzig-üblen Launen! Ich konnte der meinigen nicht mehr Herr werden. So abschmeckend sie Anfangs war, eine so laugenhafte Schärfe nahm sie an, als wir bei dem Schauspielhause und der bunten Menschenmenge, die dahin strömte, vorbei fuhren; und sie ward noch beissender, als wir unter die Frachtwagen auf der staubigen Chaussee gerieten: denn, statt es lieber gerade heraus zu sagen, wie ungern ich heute die Stadt und Alziren um die Bekanntschaft einer Bastide vertauschte, gab ich es durch mein Bezeigen auf eine viel auffallendere Weise zu erkennen. Ich schmiegte mich quer über in die Ecke des Wagens, drückte meinen runden Hut in die Augen, und bei jeder Staubwolke, die aufstieg, hielt ich Mund und Nase so geziert zu, als ob die Sandstrassen um Berlin mit Teppichen belegt wären. Jeder Sonnenstich schien ein Epigramm in mir zu entwickeln, und mir zu einer sinnreichen Anspielung zu verhelfen, die den kontrastirenden Unterschied meines fruchtbaren Vaterlandes mit der dürren Provence auf die ungesuchteste Art, wie ich glaubte, in das Licht setzte. Indem ich mich mit meinem Handschuh fächelte und mir den Hals lüftete, sprach ich entweder von den schattigen Alleen, die nach Charlottenburg führen, oder erinnerte meinen Freund an unsere kleinen Soupers in den Lauben zu Sanssouci. Ich war wie ausgetauscht, Eduard, fühlte in meiner Ungezogenheit weder den scharfen Verweis, der in dem Stillschweigen des Marquis lag, noch liess ich mich durch den Gedanken, wie er doch nicht mehr, als sein Land erlaube, zu meinem Zeitvertreibe gewähren könne, so wenig irre machen, dass ich endlich sogar Hagedorn und Kleist zu hülfe nahm, um die grosse Wahrheit zu bestätigen, dass nichts in der natur an Reiz über den Eintritt des Frühlings in Deutschland und unsern Maimonat ginge. Das Blut trat mir bei dieser vaterländischen Erinnerung in das Gesicht. – Ich blickte wild meinem Freund in die Augen. Er fasste mich bei der Hand und: "Was ist dir, lieber Wilhelm?" fragte er verwundert. – "O der herrlichen Dichter!" antwortete ich mit beschwerter stimme. "Sie haben das Bild des Mais mit einer solchen Gewalt in mir rege gemacht, dass ich dich bei Gott versichern kann, lieber Saint-Sauveur, ich glaubte in diesem Augenblicke jenen monat erreicht zu haben, unsre Frühlingsvögel zu hören, und den balsamischen Duft unsrer jungen Birken zu atmen. Eine lebhafte Einbildungskraft ist doch eins der wichtigsten Geschenke Gottes. Sie weiss dem Betrug die Gestalt der Wahrheit zu geben, und unsre Wünsche in wirklichen Genuss zu verwandeln." – "So wie sie," fiel mir Saint-Sauveur in das Wort, "die auffallendste Wahrheit zu Betrug herabwürdigen kann." – Dieser Einwurf meines Freundes war so paradox, dass ich ihn unmöglich ungerügt hingehen lassen konnte. – "Ein ganz neuer Satz," sagte ich höhnisch: "aber wo ist der Beweis dazu, lieber Marquis? Willst du ihn führen?" – "Ja," war seine bestimmte Antwort; und wahrlich, Eduard, er führte ihn, und wie? Ganz nach seinem gestrigen System: denn nie hat mich ein philosophischer Beweis durch eine angenehmere Evidenz ü b e r r a s c h t als dieser. Die Wendung deren er sich dabei bediente – sehr verschieden von den Subtilitäten der Scholastik – kam aus seiner und seines Kutschers Hand, an dessen Arm die Schnur befestigt war, die er anzog. Ein Griff in den Zügel, ein Hieb mit der Peitsche, und seine Behauptung – ich hätte vor Scham vergehen mögen – war vollständig erwiesen. Was ich eine Minute vorher für Magie der Einbildungskraft hielt, war Wirklichkeit. Ich hörte die Nachtigallen mit meinen körperlichen Ohren