Avignon, Strassburg und Bruchsal nur in Gedanken zu berühren. In drei Wochen – ach Gott! kann ich bei Jerom sein, und selbst, wenn Sabatier so langsam fortreist, als er anfing, eher sogar als er und mein Brief. Das habe ich mir an den Fingern abgezählt, als ich ihn schrieb, und sie mir vor Freuden verbrannt, als ich ihn zusiegelte. So gar viel Papier werde ich nun wohl nicht mehr vertun. Ein halbes Buch, denke ich, soll hinreichen, bis ich Dir in Berlin meine schreibselige Feder zu Füssen lege.
Das in halbdunkeln Tinten trefflich gemalte Zimmer, in welchem mich Saint-Sauveur diesen Mittag aufnahm, war ganz der rührenden Stimmung angemessen, die ich mitbrachte, und in der er mich – Gott weiss wie er das anfing! – drei Stunden, bis wir in's Freie kamen, zu erhalten verstand. Es gehört ein Wirt dazu, wie Er war, damit ein Gast, wie ich bin, nicht bei Tische den Abgang eines dritten bemerkt. Die hellen Wahrheiten, die zarten Berührungen der Seele, die menschenfreundlichen Aeusserungen, die in sanften Adagiotönen seinen Lippen entflossen, und die Gutmütigkeit, die aus seinen liebenden Augen wiederschien, erquickten mein schmachtendes Herz mit dem so lang' entbehrten Vollgenusse eines, in der edelsten und weitesten Bedeutung des Worts, guten Gesellschafters. Er ü b e r r a s c h t e mich an dem heutigen Mittage um vieles angenehmer noch als an dem gestrigen – nicht durch die neu ersonnenen Gerichte, die er mir vorsetzte, sondern durch die Menge feiner und erhabener Empfindungen, denen er in meiner Seele mit Sokratischer Entbindungskunst Luft machte. Sie schienen mir, wie Vertriebene, die sich unter einer tyrannischen Regierung versteckt hielten, von weitem herzukommen, einander zu ihrer Erhaltung Glück zu wünschen, und das fest ihrer Wiederkehr in der alten Hütte zu feiern, aus der sie sich so lange verdrängt sahen. So sehr ich auch jetzt hinterher mich gerecht genug fühle, das Uebergewicht seines Geistes in dem warmen gespräche, das sich unter uns entspann, anzuerkennen, so wusste er doch während desselben den Schwerpunkt so geschickt zu verteilen, dass es mir vorkam, wir hielten einander vollkommen die Wage. Sein Herz schien, schmeichelhaft für mich, vorauszusetzen, es werde von dem meinigen verstanden. Die Blitze, die sein Witz von sich warf, spalteten sich so leicht an dem Prisma des meinigen, mit welchem ich sie auffing, dass ich nur meiner Kunst den schönen farbigen Strahlenkreis zuschrieb, den es hervorbrachte. Ich hörte ihm so lange mit dem lautersten Vergnügen zu, als mir noch seine Unterhaltung Veranlassung gab, mir eine Verbeugung über meine tiefen Einsichten und mein zartes Gefühl zu machen.
Auf einmal aber trieb mich eine Kleinigkeit von dem erhabenen Standpunkte herunter, auf den mich meine Eigenliebe gestellt hatte. Wir sprachen eben von dem Hange zweier gleich gestimmter Herzen, die, indem sie wie Magnete einander anziehen, auch, wie diese, alles Ungleichartige von sich abstossen, und ungenutzt ihre Kraft in sich verzehren, wenn sie auf keinen Gegenstand treffen, der in ihren Wirkungskreis taugt. Ich gefiel mir ausserordentlich in diesen zugespitzten Einfällen, die ich vorbrachte, und geriet darüber so in Feuer, dass ich nicht gewahr ward, was neben mir vorging – nicht eher sah, dass der Mundschenk eine Flasche Champagner lüftete, bis der Schall des heraus getriebenen Korks – bis der Name Sylleri – bis das schäumende Glas, das er mir vorhielt, sich meiner Einbildungskraft schon bemeistert, und mich sechs Wochen zurück in das Bacchanal versetzt hatten, das ich am achten Januar mit jenem Gesindel feierte, das leider nur allzu magnetartig auf mich gewirkt hat. Heftiger kann in einer belagerten Stadt ein spielendes Kind nicht erschreckt und aus der Wiege geworfen werden, wenn das feindliche Signal in die Höhe steigt und der allgemeine Sturmlärm nachfolgt, als ich in diesem Augenblicke der widrigsten Erinnerung. Mag Dir diese Vergleichung noch so poetisch vorkommen, sie ist darum nicht weniger treffend und wahr. Ich fühlte mich von dem unglücklichen Bilde, in welchem ich mich wie in dem niedrigsten Stücke von Teniers abgemalt sah, so gepresst, dass mir die Lippen bebten, und mein Auge in Tränen stand, noch ehe der Schaum im Glase zerronnen war. Armer Wein, seufzte ich im Stillen, der auf demselben Berge gewonnen, vielleicht auf demselben Stocke mit jenem gereift ist, der mir das hässliche Herz einer Heuchlerin entüllte! Wäre mir dort dein Aufbrausen nicht ekel, dein Name nicht zum Misslaute geworden, wie süss würdest du hier an der Seite eines edlen Freundes, mir schmecken, und mit welchem Feuer würdest du meine Lobrede auf die gesellige Tugend beleben!
Saint-Sauveur, ob er gleich meine innere Bewegung gar nicht zu bemerken schien, kam ihr doch auf das tätigste zu hülfe; denn er unterbrach mein angreifendes Selbstgespräch, indem er den Stuhl rückte und aufstand. Es ist die leichteste Art, der Seele eine andre Richtung zu geben, indem man dem Körper eine andre anweist. Der Unterschied, ob mich der Wind von der oder jener Seite anbläst, ob ich rechter oder linker Hand an meinem Schreibetische sitze, ob ich in einen Garten oder in einen Kirchhof blicke, bewirkt bei mir, wo nicht eine gänzliche Umschaffung meiner denkart, doch eine merkbare Verschiedenheit der Begriffe. So ging es mir auch diessmal. Der Zauber, der mich nach Avignon versetzte, schien nur innerhalb des Zirkels meines Stuhls zu liegen.