seine stillschweigende Entfernung unstreitig eine seltene Schonung. Ein eifriger Katolik, – mein Gott, – kann ja unmöglich einen Menschen lieben, schätzen und seiner Freundschaft wert halten, der die heilige Klara von Montefalcone mit ihren drei Blasensteinen verspottete, den Papst Alexander zur Hölle verwies, und selbst bei dem Anblicke der drohenden Ewigkeit keine Reue fühlte, Mariens Strumpfband vertauscht zu haben. Ich darf froh sein, dass der gute Mann meiner Rettung schon den Schwung gegeben hatte, ehe er erfuhr, wie wenig ich ihrer wert sei. Mir tut es zwar weh, dass zwei Herzen, die bereits einander so nahe waren, durch solche Windstösse wieder getrennt werden mussten; aber was kann ich dafür?
Um jedoch den Druck meiner Dankbarkeit los zu werden, will ich zum Ersatz meiner Schuld ein Geschenk in das Hospital schicken, und es als eine Notülfe, die ich gegen den sonderbaren Heiligen nehme, der Versteckens mit mir spielt, in dem Wochenblatte anzeigen lassen. Das, hoffe ich, wird nach seinem Sinne sein. – Edler Sabatier! – Liebenswürdiger Jerom! Dächten alle Menschen wie ihr und ich, wie leicht würde es werden, die drei Religionen denen wir anhängen, unter Einen Hut zu bringen! Wie geehrt fühle ich mich in diesem Augenblicke, wo ich durch einen Zug meiner Feder eure beiden verwandten Seelen vereinigen soll! – Doch da kommt mir ein Briefchen von Saint-Sauveur dazwischen, das ich erst lesen muss. –
Das war ein tätiger reichhaltiger Morgen! Meine dringenden Geschäfte auf der vorigen Seite sind nun alle besorgt, und ich wende meine Augen, die unter blendenden Tränen den guten Sabatier abfahren sahen, wieder nach Dir, mein Eduard, der mir sie von jeher immer am geschwindesten getrocknet hat. – Es ist zwei Uhr. Nur noch einige Zeilen, und ich unterwerfe mich sodann ganz sorgen-, gedanken- und willenlos der Leitung des reichen, romanhaften Marquis, dem meine Nachkur übertragen ist. Sein Wagen erwartet mich; seine heutige Ordre liegt vor mir. Geht er auch so ziemlich mit mir um wie mit einer Sache, – ich lasse mir alles gefallen, ob mir gleich nicht alles gefällt; so kirre hat mich leider das Misstrauen gemacht, das mir Sabatier gegen die eigene Aufsicht meiner selbst in den Kopf gesetzt hat. Da will er, zum Beispiel, dass ich heute nach Tische eine Lustreise mit ihm antrete, die eine Hälfte des Weges im Wagen, die andere zu fuss, nach seiner Bastide, die drei Stunden von hier und auf der Strasse nach Toulon zu liegt, wohin ich ihn morgen früh begleiten soll. Mit diesem Herumstreifen würden, wie er mir vorrechnet, die nächsten vier Tage bis auf den bewussten Sonnabend verstreichen, den er mir schon gestern zu meiner Wallfahrt nach Cotignac frei gab. Diese Einteilung meiner Woche ist mir nur halb recht, Eduard; Alzire wird heute, morgen wird Mahomet aufgeführt, und ich soll, statt dieser trefflichen Schauspiele, einem so widrigen Dinge nachgehen, als mir eine Bastide ist, um dort meinen Wettlauf nach Gesundheit anzufangen. Der gute Mann bedenkt nicht, dass ich kaum von einem hitzigen Fieber genesen bin. – Den Tag darauf nach Toulon. Festungen sind mir aber fast so sehr zuwider als Bastiden. Lieber Saint-Sauveur! ich hätte mir von deinem Ueberraschungs-System etwas besseres versprochen, und ich zweifle, ob Sabatier dergleichen Recepte zu meiner Nachkur billigen würde. Dieses abgerechnet, hätte ich gar nichts dawider, auf einige Zeit aus meinem häuslichen Zirkel heraus zu treten, der mich mechanisch in die Tage zurück zaubert, die ich doch gern vergessen möchte. Der überflüssigste teil desselben, die beiden Puppenspieler, haben durch ihr Verplaudern meiner Historie mit Klärchen vollends ihr Bisschen Kredit bei mir verloren; und doch scheinen sie gar nicht zu ahnden, wie unerträglich sie mir sind. Da unterbrachen sie mich erst vorhin mit dem possenhaftesten Anstande in meiner Schreiberei, um mich über einen Einfall zu Rate zu ziehen, der ihnen eine frohe Zukunft verspräche. – "Elektra," – hub der Prologus an, – "Geht zum Henker," fuhr ich sie an, "mit eurer Elektra, und putzt dafür meine Schuhe!" – Auch Bastian, der gute Kerl, macht keinen Eindruck mehr auf mich mit dem gesicht seiner Schwester; dafür erinnert er mich aber desto lebhafter an die ekeln Chinapulver, die er mir dutzendweise eingerührt hat. Es ist mir immer, so oft ich ihn ansehe, als ob ich einnehmen müsste. So wunderlich es von mir wäre, ihm dieses zum Vorwurfe zu machen, so bin ich doch froh, dass er mir einige Tage aus den Augen sein wird. Er kann unterdessen hier mit dem Wirte zusammen rechnen; und sich mit den Anstalten zu meinem Aufbruche beschäftigen, den ich zu Anfange künftiger Woche festgesetzt habe. Die Freundschaft Saint-Sauveurs würde mich in jedem andern land zurückhalten; aber das hiesige Klima verstattet mir keine Weile, und drängt und treibt mich wie einen Storch nach meinem deutschen Schattenneste; ach es würde meine spröden Knochen vollends zu Pulver zerreiben, wenn ich hier bliebe. Dass ich nicht denselben Weg, auf dem ich herkam, zurück nehmen werde, kannst Du wohl – ohne selbst mein Tagebuch betrübten Andenkens gelesen zu haben – bei einem neugierigen Reisenden voraus setzen, ob Dir gleich jenes noch ganz andere Aufschlüsse darüber vertrauen würde. Nein! ich gedenke über Holland und mein geliebtes Leiden h e i m zu gehen, ohne