Freund," sagte er, "wie teuer Sie Ihr Leben schon bei dem Quacksalber gelöst haben, den ich vertrieb. Ich bin belohnt genug, dass ich nicht zu spät kam, um seine Rechnung und sein Vergehen gegen Sie in's Gleiche zu bringen, und durch meine Anzeige die Polizei aufzufordern, ihm das Handwerk, wo nicht ganz zu legen, doch solchem eine zweckmässigere Richtung für das gemeine Beste zu geben." – "Edler, grossmütiger Mann," sagte ich, legte meine Geldrollen aus der Hand, und trocknete mir die Augen. – "Und was ist denn," fuhr ich kleinlaut fort, "aus dem Quacksalber geworden?" – "Man liess ihm," antwortete Sabatier, "die Wahl, sich nach seinen Verdiensten entweder bestrafen, oder belohnen zu lassen – entweder mit einem Wahrzeichen an der Stirn das Reich zu räumen, oder in demselben – Mäuse zu fangen. Er entschloss sich zu letzterm, unter der Bedingung, die man ihm gern zugestand, dass er den Doktortitel fortführen dürfe, den er in Erfurt gekauft habe. Er ist bei den hiesigen Hanf- und Taumagazinen angestellt, wo er gewiss von Nutzen sein wird." – Ich läugne nicht, Eduard, diese Nachricht machte mir Freude. Nicht, als ob ich gerade sehr stolz darauf gewesen wäre, durch meine unschuldige Vermittlung einen solchen Landsmann in Königlich Französische Dienste gebracht zu haben; sondern weil es mir, bei meiner ewigen Spekulation über die Bestimmung des Menschen, wohl tut, wenn ich einmal auf einen treffe, dem das Schicksal die seinige so deutlich anweist als diesem. – Uebrigens musste es mir wohl auf alle Weise lieber sein, dass der Zufall, neben vieler meiner Mitmenschen Erhaltung, nur den Tod der Mäuse mit meiner Genesung verkettet hatte, als umgekehrt – wie das bei vornehmern Kranken als ich bin wohl manchmal der Fall sein mag.
"Sehen Sie," fuhr Sabatier fort, "so ist alles in seiner Ordnung. – Der Verzug meiner Reise ist mir hinlänglich durch das Studium Ihrer Krankheit bezahlt: denn schwerlich werde ich in Edinburg eine versäumt haben, die aus mehrern Fehlern gegen die Diätetik zusammen gesetzt, aus so bösartigem Stoff entwickelt, den Nachforschungen eines Arztes würdiger und mir belehrender gewesen wäre, als diese. Auch soll sie mir bei meiner Aufnahme in die dortige Akademie zu einem sonorischen Perioden in meiner Antrittsrede verhelfen." – Ich machte – einfältig genug – meinem medicinischen Freunde für dieses Lob meiner Krankheit eine tiefe Verbeugung, als ob er mir eine Schmeichelei gesagt hätte, erschrak über diesen neuen Missgriff meiner Eigenliebe, und stotterte nun voller Verlegenheit: – "Ihre Rechnung im Gastofe werden Sie mir doch.." – "Diese," fiel er mir in's Wort, "ist durch den braven Mann berichtigt worden, der mich mit Ihnen in Verbindung gesetzt hat." – "Lieber Sabatier," drängte ich mich jetzt näher an ihn, "Sie dürfen mich nicht verlassen, ohne mir den Schutzengel genannt zu haben, bei dem ich in einer so grossen Schuld stehe, und die ich durchaus abtragen muss, wenn ich ruhig werden soll." – "Ich würde es gern tun," versetzte er, "hätte seine uneigennützige Tugend mir nicht Stillschweigen geboten. Wir wollen dem wackern mann seinen eigenen gang lassen, und uns im Stillen begnügen, eine Seele zu bewundern, die sich über das Geräusch menschlicher Beifalls-Aeusserungen des Danks und den Schimmer ihrer eigenen Seltenheit erhaben fühlt." – "O mein Freund," erwiderte ich voller Betrübniss, "wie gern möchte ich dieser übermenschlichen Tugend huldigen! – Aber ich kann – wahrlich ich kann nicht. Eine so heldenmütige Verläugnung der allen Herzen angebornen Schwachheiten erweckt".. – ich hielt inne. – "Was erweckt sie denn?" fragte Sabatier – "Den Verdacht, von dem ich meinen Wohltäter gern frei sprechen möchte, eines übermässigen Stolzes, der seine Blösse nur desto künstlicher versteckt, je lebhafter sein geheimer Wunsch ist, dass die Neugier sie entülle. Eine Grösse, die andere Menschen so sehr verkleinert, ist nicht nach meinem Geschmacke. Die Gleichgültigkeit des Unbekannten gegen meinen Dank ist sehr demütigend, und ich fühle es wahrlich auf das schmerzhafteste, wie viel Unbarmherzigkeit in seiner Grossmut liegt." – "Oder wie viel Schonung," sagte Sabatier lächelnd, umarmte mich noch einmal zum Abschiede, bat sich ein Empfehlungsschreiben nach Leiden an Jerom aus – und unter tausend Segnungen, die meiner stammelnden Zunge entströmten, eilte er in sein Zimmer den Anstalten seiner nahen Abreise zu.
Kaum war er fort, so stützte ich meinen Kopf auf den Arm. – "Schonung?" wiederholte ich, "was will er mit diesem rätselhaften Worte?" und es beschäftigte mein Nachdenken bei einer halben Stunde. Ich wollte lange nicht daran, die Erklärung als wahr anzunehmen, die sich mir aufdrang; aber, so wenig sie auch Schmeichelhaftes für mich entält, so bleibt mir doch keine andre übrig. Der Unbekannte, stelle ich mir vor, mochte es wohl nach seiner Eigenheit eben so sehr für Pflicht halten, so lange ich krank lag, mir beizustehen, als mir aus dem Wege zu gehen, sobald ich gesund ward. Die beichte meines hitzigen Fiebers – ob das nicht wohl auch bei andern Ohrenbeichten manchmal der Fall sein mag? – hat ihm wahrscheinlich nichts weniger als Neigung gegen mich eingeflösst, und in dieser Rücksicht verrät