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Namens an alle Wände des Gastofs anschlug. Unverzüglich trat ihm der Unbekannte in den Weg, erzählte ihm schon auf der Treppe meine verzweifelte Lage, liess ihm kaum Zeit sich umzukleiden, und, nachdem er sein Mitleiden auf das stärkste erregt hatte, führte er ihn vor mein Bette, und nahm ihm, unter meinen schon gebrochenen Augen, das Ehrenwort ab, seine Reise aufzuschieben, und den kranken Deutschen nicht zu verlassen, bis nicht sein Schicksal entschieden sei. Der menschenfreundliche Arzt versprach es, und hat es gehalten. Mein bösartiges Fieber fand in ihm einen Beschwörer, wie es einen bedurfte. Selbst die kleinen Nebenverhältnisse, in die er sich mit mir gesetzt fand, so unwichtig sie auch schienen, waren hier nichts weniger als gleichgültig. Schon der Umstand einer gemeinschaftlichen Herberge mit ihm musste mir den grössten Vorteil gewähren. Dadurch ward es ihm möglich, mich zu allen Stunden zu beobachten, und meine Narrheiten abzuwarten, als ob ich der vornehmste Herr und er mein Leibmedikus wäre. Ich brauchte nicht mit zehn andern Elenden zu kämpfen, um einen teil seiner Zeit, ein Wort von seiner ermatteten Zunge, ein Recept aus seinem zerstreuten Gehirne zu erhaschen. Auch hatte seine Hand, ehe sie die meinige berührte, nicht wie die Faust, die Dir einst Dein Aeskulap prahlenden Andenkens entgegen streckte, des Morgens zwölf Kindern die Blattern eingeimpft, des Nachmittags eine Komödiantin entbunden, und des Abends einen Neapolitaner zergliedert, und seine Perücke schüttelte keine in der Charité angesteckte Luftteilchen in meine Atmosphäre. Wenn ich starb, war ich sicher, dass es an meiner eigenen Krankheit geschah. Glücklich ist wohl jeder zu nennen, der in dem Nebel, den das unzählbare Heer von Seuchen um ihn herzieht, in dem Gedränge so vieler schwankenden Irrlichter, die dieser Duft bildet und nährt, und die sich ihm bei seiner Wanderschaft über das allgemeine Leichengefilde als Wegweiser anbieten, auf den Genius eines Kapp, Grimm, Meckel oder Tissot trifft, der ihm vorleuchtet. Ist sein Gewebe nun vollends schon von der natur locker gesponnen, durch die hände seiner Erzieher verworren, und von allen den Modefarben, in die es getaucht wurde, so mürbe gebeitzt, als das meinige, und es findet sich, eben da der Lebensfaden zerreissen will, ein solcher Kunstweber als Sabatier zu ihm, der an der laufenden Spule die Fasern noch zu erwischen und so geschickt anzuknüpfen versteht, dass auch nicht der kleinste Knoten zurück bleibt, der das Flickwerk verraten könnte: so weiss ich nicht wie gross das Verdienst des Kranken sein müsste, das diesem seinem Glücke gleich kommen sollte.

Diese Betrachtungen machten mir es recht schwer, mich von dem mann zu trennen, der sie veranlasste, und derohne dass ich damit andern Aerzten zu nahe treten willeinzig in seiner Art ist. – Denn wo hat wohl einer vor ihm einen solchen Abschied von seinem Kranken genommen, als Er von mir? Er fasste mich mit ernstem Anstande bei der Hand, setzte sich neben mir auf den Sopha, und ehe ich mich des Textes versah, über den er seine Beredsamkeit spannte, lag das menschliche Herz so meisterhaft zergliedert vor mir, als wenn Locke und Boerhave in ihm zusammen getreten wären, um mir zu demonstriren, wie wenig ich, moralisch und physisch, wert sei. Ich musste bei jedem Fetzen, den er mit seiner Sonde in die Höhe hob, heimlich gestehen, dass es ein teil von mir war. In jeder Beule, die er öffnete, erkannte ich mein eigenes Geschwür, und fühlte in meinem inneren jeden Schnitt, den er doch nichts weniger als in meinem Kadaver zu tun schien. Es ward mir, mit Einem Worte, immer klärer, dass die Kasuisten zu Avignon und der getaufte Jude so vielen Anteil an meinem hitzigen Fieber hatten, als Klärchen und der Seefischdass ich meiner Gesundheit nie weiter aus dem Wege gekommen sei, als in der Zeit, da ich sie suchteund dass Sabatier, der, gleich dem grossen arzt des Lazarus, meine Heilung mit S t e h e a u f angefangen hatte, jetzt auch, wie er, sie mit keinem bessern Rate zu beschliessen wisse, als mit einem wohlgemeinten G e h e h e i m .

Ja, ja, Eduard, unstreitig ist es das klügste, was ich tun kann. Ich brauche wahrlich keine Erfahrungen mehr zu dem bewiesenen Satze zu sammeln, dass meiner Diät und meiner Tugend auf Reisen noch weniger zu trauen ist, als in meiner Heimat. Das Ueberraschungs-System meines Freundes soll mich nicht aufhalten. Gott weiss, was ich mir damit über den Hals ziehen könnte, wenn ich es so gründlich studiren wollte, als manches andere, das mich irre geführt hat.

Als Sabatier am Ende seines lehrreichen Gesprächs nach dem hut griff, verstand ich das Zeichen, flog in die kammer vor meinen Schreibtisch, undindem ich geschwind berechnete dass, wenn ich die Summe meines baren Reisegeldes gerade mit ihm teilte, ich in verhältnis meiner vorigen täglichen Ausgaben immer noch durch mein hitziges Fieber gewönnepackte ich zwei Rollen zusammen, die einen ziemlich starken Beweis entielten, wie hoch ich mein Leben schätzte, und trat damit in der Demut eines Genesenen, der dem Apollo nur einen schlechten Hahn opfert, vor meinen trefflichen Arzt. Aber dieser, als schwebe er in der Glorie jenes Gottes, erhob sich in demselben Augenblicke über alle gemeine Mitgesellen seiner Kunst. – "Sie vergessen, lieber