1791_Thmmel_094_251.txt

kann ich um so viel leichter glauben," antwortete ich, "als an meinem Leben die Erfüllung eines Versprechens, eine Spazierfahrt hing, zu der schon der Wagen angespannt war, als ich mich legen musste, und auf der er nichts geringeres zu holen gedenkt, als sein zeitliches Glück und seine Unsterblichkeit. Diese wichtige Schuld hoffe ich morgendes Tages abzutragen." – "Morgen?" fragte Saint-Sauveur verwundert. "Einen Weg zur Unsterblichkeitin der Nähe von Marseille? Das ist mir etwas ganz Neues. Wie heisst denn dieses Ziel der Glorie?" – "Cotignac," antwortete ich, und erregte damit ein lautes Gelächter. – "Nein," rief Sabatier, "das könnte meinem guten Rufe schaden, wenn ich es zugäbe" – und – "Nein," rief der Marquis, "denn von morgen an, Freund, lege ich für die ganze Woche Beschlag auf dich und deine Talente. Ich kann dir davon zu deiner Spazierfahrt keinen Tag frei geben, als den letzten, wo ich das angenehme Geschäft über mir habe, den Flügelmann meines Regiments zum tod zu führenund den armen Sünder in dem Augenblicke, der ihm drei Kugeln durch das Herz jagen soll, durch ein harmonisches P a r d o n zu überraschen." – "Und womit," fragte ich hastig, "hat denn der Unglückliche verschuldet, dass er deinem System zum Experimente dienen soll?" – "Nach seinem Verbrechen," antwortete Saint-Sauveur rätselhaft, "darf ein Berliner nicht fragen. Bei euch wird desshalb kein Flügelmann der Todesangst ausgesetzt." – Was wollte der Marquis damit sagen, Eduard? und was wollte er vorhin mit meinen Talenten? Ich begreife eins so wenig als das andere. über meine Zeit, die er auf Wochen in Beschlag nimmt, muss ich mich auch noch mit ihm verständigen. Ich habe deren nicht viele mehr in diesem land zu verlieren, wenn ich anders mein Gerippe in Sicherheit haben will, ehe die Sonne noch glühender wird. Und doch kann ich an unsere baldige Trennung ohne Schaudern nicht denken. Wie kam es mir nicht schon so schwer an, dass ich die wenigen Stunden, die mir von heute noch übrig blieben, ohne ihn hinbringen sollte! – Aber mein strenger Arzt riss mich unbarmherzig von seiner Seite, und verwies mich, aus Furcht vor der Abendluft, in meine einsame Herberge. – "Wenn Ihnen," tröstete er mich, "Ihre heutigen Lebensversuche wohl bekommen und zu einer guten Nacht verhelfen, so öffne ich Ihnen morgen die weite Welt, und überlasse Sie Ihrem Freundezur Nachkur." Möge er es zur guten Stunde gesagt haben.

Den 18ten Februar.

So hätte ich denn seit zwei Stunden das Lenkseil meiner selbst, das mir auf der Rennbahn des Lebens aus den Händen geschlüpft war, wieder in meiner Gewalt! Sabatier hat es mir so feierlich, als wenn es ein Doktorhut wäre, überreicht. Kaum war ich mit einem gesicht ohne Runzeln aus meinem Bette ohne Falten gestiegen, und lächelte in dem frohsten Vorgeschmakke meinem Frühstücke zu, das man herein trug, als mir sein Morgengruss so süss entgegen tönte, wie eine Gessnerische Schäferflöte in meinem funfzehnten Jahre. Wie reichhaltig kam mir nicht sein freundliches Gespräch vor! Es würzte meinen guten Kaffee noch mehr. Es belehrte mich ohne mir weh zu tun, und rührte mich durch die genauere entwicklung des Wunders meiner Genesung.

Du weisst, Eduard, ich habe mich immer für ein Kind des Glücks, für einen Liebling des Zufalls gehalten, und finde so wenig Anmassliches in dieser Vorstellung, dass ich keinen Gesichtspunkt kenne, aus welchem sich der Mensch gelassener betrachten könnte, als aus diesem. Die Eigenliebe, die dabei eine Rolle spielen wollte, müsste stockblind sein. Daher habe ich es auch immer für den besten Zug meines Herzens gehalten, dass ich keinen Beweis, der mich darauf zurück führen kann, übersehe, und nicht, wie andere, mir jeden zufriedenen Augenblick als Folge meiner klugen Einrichtung anrechne. In meiner jetzigen glücklichen Lage wäre es vollends unverzeihlich. An meinem hitzigen Fieber mag ich wohl Schuld sein, aber nicht an meiner Genesung. Diese lag weit ausser meinem Gesichtskreise, und es mussten die sonderbarsten Umstände zusammen treffen, um sie möglich zu machen. Das seltenste Ungefähr entriss mich nicht nur den Klauen des Marktschreiers, sondern auch, wie Du gleich hören wirst, den harten Fäusten der hiesigen ärztedie, da sie nur selten feinere Maschinen zu behandeln haben als Matrosen und Kaufleute, jeder andern, die nicht eben so derb zusammen gesetzt ist, fast so gefährlich sind, als die ausgemachtesten Stümper. Welche Proben der Angst würde mein armer Körper nicht noch vor seiner gänzlichen Auflösung haben ausstehen müssen, wenn nach dem Marktschreier auch noch so ein Praktikus über ihn hergefallen wäre! Sabatier, musst Du wissen, gehört nicht zu dieser Zunft, ist Mitglied der preiswürdigen Fakultät zu Montpellier, und gegenwärtig auf einer wissenschaftlichen Reise begriffen, die er über Holland nach Edinburg tun will. Mein anonymer Wohltäter, – Gott segne ihnder einen natürlichen Hass gegen alle Charlatane hat, wie die PharaosRatze5 gegen die Krokodille, schlich und stieg dem nomadischen Medikaster bis vor mein Bette nach, verscheuchte den Geier, und sah sich eben ängstlich nach hülfe für das gerupfte Täubchen um, das zappelnd da lag, alsder gute Sabatier vor dem heiligen geist ausstieg, und der Schall seines berühmten