Sie," fuhr er mit grosser Menschenkenntniss fort, "da Ihnen die Lustschlösser unserer Könige zu missfallen scheinen, etwa ihre Supplices zu. St. Denis besuchen?"
Dieser Vorschlag verfing. "Du bist mein Mann!" sagte ich, "ja – dahin sollst Du mich fahren – ich kann die Zwischenzeit, bis der Koch des Herzogs von Dorset mir Platz macht, nicht besser anwenden." – Das Membre du Musée schien in diesem Augenblicke zu bereuen, einem so alltäglichen Menschen, der ihn einem Mietkutscher nachsetzen konnte, nur das Wort gegönnt zu haben. Er drehte sich verächtlich von mir weg, und mir – ich gestehe es aufrichtig – war es ziemlich einerlei, ob ich jemals Charmante Gabrielle gut aussprechen würde oder nicht. – Ich folgte meinem Kutscher, der mir mit wichtigen Tritten den Weg durch das Sprachzimmer frei machte, und mir glücklich in seinen Wagen half.
Der Wunsch, aus dem Gedränge aller dieser dienstfertigen Geschöpfe zu kommen, traf hier mit einem geheimen zug zusammen, den mein Herz immer nach den Mausoleen der Grossen, oder ehmals glücklichen und berühmten Männer, gehabt hat. – Ich gestehe Dir, lieber Eduard, dass ich in keinem von allen Sprichwörtern, die ich kenne, so viele wahre praktische Philosophie finde, als in jener populären Sentenz: dass selbst ein kranker Hase besser sei, als ein todter Löwe. Die naive Wahrheit, die dieses Sprichwort entält, ob es gleich nicht so prächtig klingt, als manches andere, ist nichts desto weniger von dem wohltätigsten Sinne; und ich kann mich dreist auf das Gefühl des grössten Teils der Menschen berufen, ob sie ein tröstlicheres wissen. Es streute auch diessmal Rosen auf meinen Weg. – Ich fühlte mich, so krank ich auch war, doch lebend – und kraft dieses Gefühls schien ich mir gutmütiger als Heinrich der Vierte, grösser als Ludwig der Grosse, und herzhafter als der Ritter Bayard zu sein, und diese Empfindung hielt bis vor das alte Gebäude nach, das ihre Asche verschliesst.
Vermutlich erwartest Du jetzt, lieber Freund, dass ich alle Winkel der Kirche durchstören, alle die königlichen Namen nach Henaults Verzeichnis vergleichen, und nachsehen werde, welche Titel auf ihren Steindecken verwischt sind. Aber, leider! kann ich Dir nicht damit dienen: denn – ich stieg nicht einmal aus dem Wagen; so ganz war das Anziehende, das dieser Ort in der Entfernung für mich gehabt hatte, verschwunden, so bald ich da war. Trotz dem tröstenden Sprichworte und allen den schönen Anwendungen, die man hier davon zu machen die beste gelegenheit hat, muss man, glaube ich, ein Pferd oder ein Mönch sein, um gutwillig länger als eine Minute hier zu dauern.
Auf Schädeln, die sich einst des Kronenschmucks
gefreuet,
Eh sie ein Todtenkranz in dieses Reich verwies,
Als Perlen für das Paradies
Jetzt an einander angereihet,
Tront hier ein Mönchsgezücht. Symbolischer als diess
Ward keins den Heiligen geweihet;
Keins, dem die Billigkeit den Abgang des Genie's
So Überschwenglich gern verzeihet:
Denn, der von oben her dem Häuflein Schutz
verleihet,
Ist der entauptete D e n i s . –
Kennst Du zum Flügelmann bei einer Mönchsparade
Wohl einen schicklichern in dem Prälatenchor?
Selbst die Legende sagt: "Mit seinem Kopf verlor
Er weniger als Nichts. Er blieb durch Gottes Gnade
So klug und heilig wie zuvor."
Wer seinen Kopf noch fühlt, und, sein Gefühl zu
retten,
Nicht Wundermittel gern versucht,
Vermeide diese Todtenbucht,
Und nehm' aus diesem Lärm von Metten,
So eilig als er kann – die Flucht!
Die schwersten Wetterwolken fliehen,
Der schnellste Rabe selbst, in seinem Fluge, kehrt
An diesem Kloster um, das Tag und Nacht belehrt,
Wie viel von Bourbons Stamm im Fegefeuer glühen:
Und ich – dem ein Abbé schon viel zu laut geschrien,
Dem schon ein Wort das Trommelfell versehrt,
Das nicht mit lindem Hauch sanft von der Junge
fährt –
Könnt' i c h diess Missgetön geduldig in mich ziehen –
Nicht eines Tons wär' ich von Wielands Harmonien –
Nicht meiner Menschenohren wert.
Ich befahl meinem Kutscher, ohne mich einen Augenblick zu besinnen, sogleich wieder umzukehren, und gelobte dem heiligen D e n i s , dass mich kein Sprichwort in der Welt je wieder zu so einer Spazierfahrt verführen sollte. Lange hinterher sans'ten mir noch die Ohren von diesem Glockengeheul, und verwehrten mir an etwas anders zu denken. –
"O du Unglücklicher!" redete ich mich endlich an, indem mir's auf's Herz fiel, dass ich jetzt zwischen St. Denis, das nun hinter mir, und dem Sprachzimmer, das vor mir lag – wie zwischen Tür und Angel steckte – "in welchen abgelegenen Winkel wirst du dich endlich mit deinem Tympanum retten müssen! – Es ist doch eben so sonderbar als unverantwortlich, wie die Menschen auch die elendeste gelegenheit nutzen mögen, Lärmen in der Welt zu machen – von der Trommel des Knaben an bis zu den Seelenmetten der Könige!" –
Die Eigenliebe dieser glücklichen Nation ist doch in der Tat nicht von gewöhnlichem Schlage. Sie belebt, bewegt und verbindet, gleich einer allgemeinen Eroberungssucht, jedes einzelne Mitglied des staates zu dem gemeinschaftlichen grossen Endzwecke, den Beifall und die Bewunderung aller Völker der Erde zu erbeuten. Sie ziehen öffentlich zu feld, und tun geheime Ausfälle darnach, und halten sich, wodurch sie eigentlich unüberwindlich werden, niemals für