aufsetzt, diese unerwartete Erscheinung in der jetzigen Jahrszeit, die unsern Augen auf das freundlichste zuwinkt, und, so satt wir sind, dennoch den Mund voll wasser drängt, soll hoffentlich meiner Demonstration leichten Eingang bei dir verschaffen. Wie mein Koch angewiesen ist, lieber Wilhelm, nicht nur die gewöhnlichen Gerichte für den Hunger durch neue Brühen zu erhöhen, sondern jeden Mittag unter meinen Schüsseln wenigstens Eine einzureichen, die für die Sinne von gleichem Wert ist als diese, ohne sie mir erst durch einen Küchenzettel anzukündigen – so ist jedes, dem ein Geschäft in meiner Haushaltung obliegt, dahin verpflichtet, seinen Herrn vor dem Anblicke des ewigen Einerleis zu schützen, und gegen die Ermüdung zu arbeiten, die in der Einförmigkeit liegt. Es ist oft zum Verwundern, wie gut es meinen Provinsalen in ihrem Wettstreite gelingt, mir durch immer veränderte Decorationen das Spiel des Lebens nicht nur erträglich, sondern auch angenehm zu machen. Die Abwechselung, die sie mir verschaffen, wirkt auf ihren Dienst selbst zurück, dem seine Zwanglosigkeit alles Mechanische und Unterwürfige benimmt. Sie dienen mir mit einem stolzen glücklichen Bewusstsein; denn sie halten sich nicht für Maschinen, sondern für Erfinder, und sie haben Recht. Freilich erfordert diese Einrichtung betriebsamere Schwungräder, gespanntere Federn, als die gewöhnlich das rostige Uhrwerk eines kleinen Deutschen Hofs im Gange erhalten – das jeder Stunde des tages, jedem Tage des Jahrs d i e s e l b e Langeweile in d e m s e l b e n Anstande vorzeichnet, wie sie hundert Jahre hinter einander dem Ahnherrn und dem Enkel in d e r s e l b e n Minute vortrat – die oft den armen Fürsten dessen Regierungsperiode sich eben abwindet, in einen solchen ekeln, erschlafften und ungeduldigen Zustand versetzt, dass er seinen Stand und sein Dasein verflucht, und lieber, wie Nero, seine Residenz anzünden möchte, um nur etwas Neues zu sehen, etwas anders zu fühlen, als ihm das Furierbuch für den gegenwärtigen Augenblick vorschreibt. Ich habe es den Romanschreibern abgelernt, welcher Zauber in dem Unerwarteten liegt, und welche widrige wirkung die Episoden tun, die man viele Blätter voraus sieht. Wird nicht oft der kleinste Garten durch eine verständige Benutzung seiner geringen Fläche unendlich erweitert, und durch schlängelnde Nebenwege nach verschiedenen Aussichten so in die Länge gezogen, dass sich eine so süsse Ermüdung darin erholen lässt, als in den grössten Anlagen? Warum sollten wir denn nicht auf gleiche Art Mannigfaltigkeit in unser beschränktes Leben zu bringen, und die kurze Dauer desselben, ohne Zutun der Langenweile, durch einen desto reichhaltigern Genuss zu verlängern vermögend sein? Du findest mein Zimmer hoffentlich schön, behaglich und freundlich? Ich auch. Und warum? Weil es uns beiden gleich neu ist. Ich befinde mich wohl darin, weil ich es gestern nicht sah und morgen nicht sehen werde. Es stossen ihrer funfzehn an einander, davon ich jedes nur einen Tag hinwärts, einen Tag herwärts, auf einem monatlichen Durchzug bewohne. Keines wird eher geöffnet, als bis die Reihe daran kommt, und jedes, das ich auf diese Weise zweimal gesehen habe, erwartet mich in dem folgenden monat unter einer andern Bekleidung. So wird dem Ueberdrusse keine Zeit gelassen, sich bei mir einzunisten. Nichts ist, Gott sei Dank, mein eigen, als mein Reichtum, dem ich, durch die Ausdehnung, die ich ihm mit meinen Gehülfen zu geben weiss, alles das Lästige und Klebende benehme, das sonst mit ihm verbunden ist. So habe ich keine Bibliotek; aber einen gelehrten und geschmackvollen Bibliotekar, der das Gold, das er in dem Kote der Schriftsteller findet, für mich bei Seite legt, und wo nicht ein Buch ganz gelesen zu werden verdient, – und wie wenig sind deren! mir bloss die Stellen anstreicht, die sich auszeichnen. Hierdurch sind meine Studien mir erst lieb und nützlich geworden; und da ich sonach das Schlechte und Mittelmässige in der Litteratur gar nicht kennen lerne, bleibt mir die Wahl nur unter dem Neuen, Guten und Vortrefflichen, und ich bin sicher mein Gedächtniss nicht zu überladen. Eben so wenig kommt meine Einbildungskraft, die nur über frisch duftende Blumen gleitet, in Gefahr durch abgestorbene, welke oder faule Blätter in ihrem Schwunge gehemmt zu werden. Was noch das beste dabei ist, so trage ich weder Brustschmerzen, Kopf- und Augenweh, oder üble Launen aus der moralischen Welt in meine physische über; und da ich in dieser wie ein Seefisch in immer frischem wasser auf dem Ocean der Zeit schwimme, und mich, kraft meiner Richtung, keine Welle berührt, die der vorhergehenden gleicht, so siehst du wohl ein, lieber Wilhelm, dass vielleicht kein philosophisches Lehrgebäude dem Gefühl, das die natur in mich legte, den Verhältnissen, in die mich der Zufall versetzte, und der geistigen und körperlichen Gesundheit angemessener sein kann, als das meinige. Keines schmiegt und biegt sich mit minderm Zwange nach der Veränderlichkeit unserer natur, nach der Wandelbarkeit menschlicher Freuden und Güter, von denen nichts unter der Sonne selbstständig ist und alle Reize der Neuheit behält, als die Tugend – nichts an Gehalt und Seltenheit zunimmt, je älter es wird, als die Freundschaft. – Aber dass auch selbst diese noch durch mein System gewinnt, hat mich heute dein überraschender Anblick gelehrt. Wie geschmückt und bevölkert schien mir in dem Augenblicke unserer Umarmung der nackende Felsen, der uns nach einer langen Trennung wieder vereinigte! – Wie erweiterte sich selbst vor meinen umfassenden Augen das