den Umfang meiner Empfindungen mit den seinigen zu vergleichen. Begreife es, Eduard, wenn Du kannst. Der Winter war während meiner Gefangenschaft, ohne dass ich seinen Abzug nur von weitem geahndet hatte, in den schönsten Frühling übergegangen, der mich jetzt in seinem ganzen Schmuck empfing – die damals kahlen Gesträuche der stürmischen Küste zogen sich jetzt, wie ein Kranz von Sprösslingen geflochten, um das sanft glänzende Meer herum – mancher Baum, den ich bei meinem letzten Frühstücke, das Passerino mir vorsetzte, als das Geripp eines erfrornen Unbekannten, meiner Blicke nicht wert hielt, begrüsste mich jetzt wie einen alten Freund, als Palme – Lorber – Cytisus oder Sumack – die vergilbten runzligen Hügel hatten sich die Zeit über, wo ich dem Verdorren so nahe war, mit frischem Rasen bekleidet, und selbst der Felsen der Madonna spielte in's Grünliche. – Nur an den widrigen Bastiden bemerkte ich nicht die kleinste Veränderung; sie blickten aus ihrer hohen, Ferne noch immer so albern, so vornehm, so versteinert herunter, wie vormals. In jedem kleinen Matrosengärtchen hingegen, über dessen Schilfzaun ich wegsehen konnte, jagten schon halb nackende Kinder unter blühenden Mandelbäumen nach Schmetterlingen, und Käfern – und das Gedränge der Blumen aus der lockern Erde, und das Zwitschern der Vögel um und neben mir, und der Wiederschein des azurnen Gezeltes, das so viele Freuden bedeckte – wie fühlbar machte mir nicht dieses herrliche Ganze das schwer errungene Bewusstsein eines neu angehenden Lebens. Ich glaubte nicht eher, dass noch etwas die süsse Behaglichkeit meines Gefühls vermehren könnte, als da mich die freundliche Gondel aufnahm, in welcher Sabatier ein paar Plätze für uns besprochen hatte. Eine Luft, kaum stark genug um einen Schmerlenbach zu kreiseln, spielte über die schillernde Fläche des Meers; die Inseln Pomegue auf der einen Seite, Ratonneau auf der andern, in der Mitte das Schloss If, auf welches wir zusteuerten, lagen duftend vor uns, wie auf einem Gemälde von Zeemann. Dieses lachende Ziel unserer Spazierfahrt zog so sehr meine Blicke an sich, dass ich beinahe einen Unglücklichen übersehen hätte, der zu einer ganz andern Bestimmung, unter der Bewachung einiger Soldaten, mit mir zugleich in das Boot stieg.
Es war der Sohn eines reichen Kaufmanns – ein junger Wüstling, den vielleicht auch ein hitziges Fieber zur rechten Stunde dem Sturm entrissen hätte, der ihn jetzt aus den Festtagen des Frühlings in die schreckliche Stille eines öden Turmes verschlug. Wie verschieden wirkten nicht hier die Reize der natur auf zwei verbrüderte Wesen! Während ich mit freundlichen Augen die spielenden Wellen verfolgte, die das Schiffchen sanft hoben und senkten, während ich mich in den süssesten Träumereien wiegte, sass der von seinem Gewissen gefolterte Jüngling, mürrisch und menschenscheu, in der fernsten Ecke der Barke, warf dann und wann einen finstern blick auf das plätschernde Ruder, das ihn mit jeder Minute seiner Bestrafung näher brachte, nahm keinen Anteil an unsern Gesprächen, und schien, wenn er mich ansah, selbst dem Mitleiden zu fluchen, das sich für ihn dann und wann mit meinem Frohsinne vermischte. Ach er schien nur in dem Verlust seiner Freiheit den Verlust ihres Missbrauchs zu fühlen, und nur an die bunten Karten, an die feilen Dirnen und an die wilden Gelage zu denken, denen er einen ganzen lustigen Sommer hindurch entsagen sollte. Seine glückliche Bildung war durch Ausschweifungen entstellt, und noch zeigte sich keine Spur von Reue, Trost, oder männlichem Entschlusse zur Tugend in seinen funkelnden Blicken. O möchte er doch, durch Ruhe, Einsamkeit, mässige Kost und durch bittere Erfahrung geläutert, mit gesunderm Blute und bessern Neigungen in einen weiseren Wirkungskreis zurücktreten, als er heute zu verlassen gezwungen wird. Mit diesem stillen bänglichen Wunsch begleiteten meine Augen den armen Verzweifelten bis an den Eingang seiner düstern Behausung, wohin ihn seine Wache sogleich abführte, als wir angelandet waren. Diese Absonderung von dem Lebendigen – diese Versetzung eines meiner Mitgeschöpfe, aus den Sinnlichkeiten einer blühenden Handelsstadt in die Felsenburg, in die Vergessenheit, in die Nebel eines stürmischen Eilandes – diese tragischen Bilder, die sich mir hier, als Augenzeugen, in ihrer ganzen fürchterlichen Wahrheit darstellten, würden nur zu gewiss alle frohen Empfindungen aus meiner Seele verscheucht haben, wäre nicht der glücklichste Zufall, der mir nur begegnen konnte, dazwischen getreten.
Aus dem Trupp einiger Offiziere, die sich von der Festung her der Barke näherten, drängte sich einer unter wiederholtem Ausruf meines Namens auf mich zu, und ich lag in seinen Armen, ehe ich noch begreifen konnte, wer es wohl sein möchte. – Aber wie beschreib' ich Dir mein Glück, als ich ihn erkannte! Es war einer der schätzbarsten Menschen, die ich je geliebt habe – der Marquis von Saint-Sauveur, der vor neun Jahren zu Berlin alle Zirkel belebte, in die er eintrat. Damals war er auf Reisen. Jetzt steht er als Brigadier unter dem Regimente, das zu Marseille liegt, und würde mir keinen Augenblick fremd vorgekommen sein, wenn ich mir ihn unter einer Uniform gedacht hätte. Wie schnell verlosch das Trauerbild des Gefangenen vor seiner himmlischen Erscheinung! Die Gewalt des reinsten Vergnügens bemächtigte sich meiner Seele, und der auffallende Beweis, den mir hier ein Jugendfreund gab, dass weder Zeit noch Krankheit die Physiognomie zerstört hatte, die mir zuerst sein Zutrauen erwarb, setzte mich in eine Selbstzufriedenheit, die ich diesen Morgen vor meinem Spiegel nimmermehr erwarten konnte. Es ist mir noch ein Rätsel, und wäre mir viel begreiflicher