Aberglaube, Religionshass und Priesterstolz ihre Schlachtopfer erwürgten. – Falsche durch vorsetzlichen Selbstbetrug gerechtfertigte Eide zerreissen ihm das Ohr. – Manche dem Hohngelächter der Wollust preis gegebene und nach den gotteslästerlichen Regeln der Entsündigung ermordete Unschuld wimmert zu seinen Füssen, und abgetriebene Kinder faulen unter dem Lampenscheine des Götzenbildes, das ihm auf dem dunkeln Hingange in das Unabsehliche vorleuchten soll. – Wird das In profundis des Mönchs, der vor dem Bette des Kranken kniet – wird das Weihwasser, das über seine heisse Stirn fliesst – wird die letzte Oelung, die seine Schläfe salbet, – die Schreckensbilder verscheuchen können, die ihn umgaukeln? Wird der ganze Plunder der geheiligten Spielwerke, die jene gewissenlosen Schwärmer als Hülfsmittel zur Seligkeit ihren Anhängern feil bieten, die Beängstigung eines sterbenden zu lindern vermögen, der die reinen Gefühle der natur gegen so heillose Grundsätze vertauscht hat, die, wie Opium, den Verstand in Träumereien voll süssen Gifts, das Herz in tödtlichen Schlaf verwickeln? – Doch es ist eine glückliche Galgenfrist für die Herren, die damit wuchern, dass die angewiesenen grenzen meines Bogens mir Stillstand gebieten. Auch selbst mir ist es rätlich, dass ich die Feder weglege; denn der Verdruss, den es mir verursacht, dass ich nur die Waaren ihres Schleichhandels beschauen, und mich in gedankenloser Verwegenheit ihren schädlichen Dünsten nähern mochte, treibt mir das Blut nach dem kopf. Träte jetzt mein Arzt herein, er würde es nur zu gewiss an meinem Pulse merken, wie nahe ich daran war, den Vertrag zu verletzen, der unter uns beiden besteht.
Den 17ten Februar.
O dass sich mir in diesem Augenblicke, da ich mich hinsetze, um Dir den ersten Festtag meiner Freilassung zu schildern, der fromme Unbekannte darstellte, dem ich die Rückkehr in das Leben verdanke! Ach warum zögert er? – Ich bin ja wieder stark genug zu erhabenen Empfindungen, und habe heute davon die vollständigste probe gegeben. Wenn es, wie mich mein Arzt vermuten lässt, ein edler Mann von hohem menschlichen Gefühl ist, den ein Gelübde bindet, Kranken beizustehn, Notleidenden zu helfen, so sollte er ja wissen, wie lästig einem guten Herzen Wohltaten werden, die sich unserm Händedrucke, unsern Umarmungen entziehen. – Er komme, er komme! Und wenn, es ein Mönch wäre, ich wollte ihm für das verzu Füssen fallen und seine Kutte mit Ehrfurcht berühren. –
Mein trefflicher Arzt besuchte mich diesen Morgen eine Stunde früher als gewöhnlich, war, wie es schien, mit meinem Pulse und meinen Augen zufrieden, und nachdem er auch in meiner gestrigen Schreiberei nichts zu tadeln fand, sprach er mir mit der stimme eines Engels zu: "Ihr Erntetag ist gekommen, lieber Freund. Geniessen Sie von nun an der Früchte, die in den schwülen Stunden Ihrer Krankheit gereift sind – aber geniessen Sie solche mit der Behutsamkeit eines vernünftigen Wesens. Dieser Rat gehört so gut zu meiner Gerichtsbarkeit, als Körper und Seele zu dem Gebäude gehören, das unsere beschränkte Kunst in Bau und Besserung erhalten, vor feindseligen Erschütterungen schützen, und vor seinem zu frühen Einsturze bewahren soll. – Folgen Sie, um der misslichen hülfe der Kunst zu entbehren – nur den mütterlichen Anweisungen der natur." – "Das," fiel ich ihm in die Rede, "hat mir schon ein anderer grosser Arzt geraten, der Jerom heisst." – "Aber wohl zu merken," fuhr er fort, "der schönen natur." – "Diesen Beisatz," erwiderte ich, "hat Jerom vergessen." – "Desto schlimmer," antwortete der brave Mann; "ohne diesen ist der ganze Rat nicht viel wert, und gibt in unbewachten Stunden zu grossen Missdeutungen Anlass. – Doch ich bin ja nicht hergekommen, um Ihre vorigen ärzte zu mustern, sondern Ihnen noch eine Arznei zu verschreiben, deren erste wirkung ich noch abwarten will, ehe ich Sie ganz entlasse." – "Was für eine?" fragte ich erschrocken. Aber kaum antwortete er: "Die frische stärkende Luft" – so lag ich mit Freudentränen an seinem Halse – so flog ich von ihm nach dem Fenster, nach meinem hut, nach meinem Mantel – so winkte ich Bastianen, mir meine Latwergenbüchsen und Pulverschachteln aus den Augen zu schaffen – so war ich in einer Minute gekleidet und fertig, um meinem Befreier zu folgen. Er schien selbst von dem Strudel meines Entzückens ergriffen zu werden. – "Kommen Sie," rief er mir zu, "wir wollen den reinen Aeter zu wasser, zu land – und überall aufsuchen, wo er sein Spiel hat."
Heute also, den 17. Februar Morgens drei Viertel auf neun Uhr, war es, wo ich an dem arme des besten und edelsten aller ärzte, neugeboren an Leib und Seele, meine Marterkammer verliess. Alle meine Nerven bebten wie die saiten einer Aeolsharfe, als ich in den Wagen meines Apollo stieg. – Aber in welcher Harmonie stimmten sie nicht erst zusammen, als wir in dem Hafen ausstiegen! So unglaublich gross hatte ich mir den Gewinn meiner Krankheit nicht vorgestellt, als er jetzt meinen offenen neu geschärften Sinnen zuströmte. – Mein erster Hinblick in das Freie setzte mich in das wollüstige Erstaunen eines Blindgebornen, der unter der Beleuchtung der Morgensonne, umgeben von dem Kreise blühender Mädchen, in dem ersten Erwachen des Jünglingsalters, den Gebrauch seines Gesichts erlangt. Alle diese glücklichen Umstände müssen bei ihm zusammen treffen, wenn ich mich herablassen soll,