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. – Diess warennicht Bemerkungen von mir, wie Sie wohl denken können, sondern die Urteile Ihres Arztes und des fremden Herrn, die sich oft beide über die hohen Wahrheiten wunderten, die in Ihren Schwärmereien lagen. Sobald Sie Sich aber zu den armen Mönchen und in unsere Kirchen verirrten, da ward einem nicht wohl zu Mute in Ihrer Nähe. Ich habe oft Gott gebeten, Ihnen, die Schmähungen nicht zuzurechnen, die Sie in der Heftigkeit Ihres Wahnsinns gegen unsere geheiligte Religion ausstiessen. – Einmal schrien Sie: "O des gottlosen Papsts! seine glühenden Schlüssel leuchten mir vor auf dem Wege zur Hölle." – Dann und wann hatten Sie es mit den Buhlerinnen zu tun. Dann hielten Sie gemeiniglich die hände vor das Gesicht, schluchzten und schlugen sich vor die Stirn. Sie erschreckten uns oft ausserordentlich, besonders einmal den armen Passerino, der sich einfallen liess, Ihre feurigen Augen zu kopirenzu seinen Studien, wie er sagte. Sie fuhren ihm so geschwind nach der Gurgel, dass er kaum Zeit hatte, sich zu retten. – "Elendes Schlachtvieh!" riefen Sie mit durchdringender stimme, "bücke dich nieder, damit ich dich an dem Altare Neptuns erwürge. Stümper aller Stümper, wie konntest du die Grösse der natur so verkleinern? – Das tobende Meer liegt vor deinen Augen, und du malst einen Sumpf. Dein Mond ist ein Irrwisch, und dein Aeter grobfädig und verschossen, wie dein Staatsrock. Gedenkst du mich auch, wie unsre arme Angola, in dem Gestanke deiner Farben zu ersticken? Du willst mich malen? Du?" – "Ach, der arme Herr!" seufzte Passerino, "welcher bejammernswürdige Zustand! Das war unstreitig der stärkste Paroxismus seiner ganzen Krankheit. Am besten, ich schleiche mich weg, damit er meiner nicht gewahr wird. Lassen Sie mir es sagen, wenn er wieder bei verstand ist." – Er ging und kam auch wirklich nicht eher wieder. – Ein andermal ... Doch wie mag ich mich dabei aufhalten? Sie waren ja nicht bei Sich. – Ist das nicht mit Einem Worte alles gesagt? – "Nein, nein, Bastian, damit kommst du nicht los. Was meintest du?" – "Ein andermal also bekamen Sie einen heftigen Anfall über eine Kleinigkeit, die wir vergessen hatten bei Seite zu schaffenüber die Klingel neben Ihrem Bette. – 'Gott Lob,' sagten Sie, 'dass ich die Quaste habe! Jetzt will ich schellen, dass man es in Domingo hören soll.' – Der Wirt kam gelaufen und machte Vorstellungen dagegen. Es blieb uns nichts übrig, um Ihnen den Einfall aus dem kopf zu bringen, als dass ich aussen am Bette in die Höhe stieg und die Schnur vom Dratzuge abschnitt. So phantasirten Sie auch viel von Sparta, Aten und von dem Pontus Euxinus."

Nun halt ein, Bastian, ich möchte noch gern einige vernünftige Worte mit meinem Eduard allein sprechen, ehe mein Bogen zu Ende geht. Das soll mir lieb sein, höre ich Dich sagen: denn was in aller Welt soll ich mit deinem Fiebergeschwätz anfangen? – O, hättest Du nur mein Tagebuch gelesen. Das liegt nun freilich ganz in der Asche; indess ist wenigstens durch dieses Blatt das Register davon gerettet. Meine Phantasien sind, als abgerissene Fäden aus dem Gewebe des Lebens, mir immer noch wichtig, und können mir zum Leitfaden dienen, wenn Du einst neugierig auf den Stoff werden solltest, den ich in der Fremde verarbeitet habeden Nutzen ungerechnet, den diese Nachlese für mich hat. Keine moralische Betrachtung hat mich je so aufmerksam auf die Irrtümer meines gesunden Gehirns gemacht, als die Schwärmerei meines kranken, und kein Auszug aus den Schriften der Weltweisen hat mir mehr Anlass zum Nachdenken gegeben, als Bastians Auszug aus meinem hitzigen Fieber. Wenn ich einmal, diesen Bogen in der Hand, neben Dir sitzen und Dir meine wahnsinnigen Reden kommentiren werde; so wirst Du so gut einsehen als ich, warum unter den Gespenstern, die mein von Angstschweiss triefendes Herz bis in den Abgrund des Grabes zu verfolgen schienen, die einzige freundliche Erscheinung der guten Margot mein Blut besänftigte, und kühlenden Balsam in meine Wunden goss. Ach! wie wurde nicht meine Einbildungskraft durch jeden Tritt gefoltert, den ich mir erlaubt hatte neben dem geraden Wege zu tun! Und doch hatten michwie Dir mein Kommentar zeigen wirdnur Zufall und Leichtsinn nicht weiter verlockt, als bis an den bedeckten Schmutzgang des kasuistischen Lehrgebäudes; und die Flecken lassen sich allenfalls in einem reinen Brunnen noch abwaschen, die ich davon trug. Wie aber muss erst einem Herzen in dem Augenblicke, wo es brechen will, zu Mute sein, das, aus einem schlüpfrigen Irrwege in den andern verführt, mit immer berauschtern Sinnen, bis in das Innere der Freistätte vorgedrungen ist, die in jener unseligen Sittenlehre den scheusslichsten Verbrechen offen steht! In welchem Vorgefühl der Verdammniss muss sich nicht eine Seele vor ihrem Hinüberschweben in die Ewigkeit herumtreiben, wenn der annähernde Todesengel mit seinen Schwingen die Nebel religiöser Täuschung und die Wolken des Weihrauchs zerteilt, die ihr Bewusstsein umzogen! Wie gewaltig muss der Strom des Lichts den seiner Binde entledigten Geist ergreifen, wenn nun die Gegenstände seines Glaubens hinter dem schillernden Schleier hervor treten, der ihre Hässlichkeit so lange verbarg! Welch eine Uebersicht der schrecklichsten Wahrheiten! Blutqualm steigt ihm von den Altären entgegen, auf denen