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aufloderte und die dunkle stube bis an die Decke erleuchtete, riefen Sie ein Bravo über das andere, und: "Sehen Sie nicht, Herr Prokurator," sagten Sie halb leise zu dem Herrn, "wie lustig die heiligen Engel den brennenden Scheiterhaufen umflattern?" – Wohl gut, dass der Quacksalber der Exekution Ihres Tagebuchs nicht mit beiwohnte: er hätte sicher Ihr strenges Urteil für eine Selbstülfe Ihres bösen Gewissens erklärt. Für eine wohltätige Krise hielten wir es indess alle; denn Sie fielen gleich darauf, zum erstenmale seit acht Tagen, in Schlaf, und atmeten so frei, als ob Ihnen eine drückende Last von dem Herzen genommen sei. Auch ich begab mich nun zur RuhePasserino löste mich ab. – Als aber der Tag anbrach, kam ich so neu gestärkt wieder auf meinen Posten, dass der fremde Herr kein Bedenken fand, mir seinen Stuhl an Ihrem Bette einzuräumen, und sich auf einige Stunden zu entfernen. Sie schliefen noch eine gute Weile ununterbrochen fort. Aber ach! wie rührten Sie mich durch Ihre freundlichen Phantasien, als Sie aufwachten! Sie hielten mich für meine Schwester. "Meine gute Margot," wendeten Sie Sich in sanfter abgebrochener stimme nach mir, "wie freut mich dein lieber Besuch! O wie übel ist es mir die vielen Jahre her ergangen, seit ich von deinem Bette weg bin! – Lebt denn mein treuer Johann noch? – Nun das höre ich gern. Wie viel habt ihr Kinder? – Deine Mädchen sind wohl sehr schön? Nimm sie um Gottes Willen vor den Domherren, vor den Pröpsten und vor denMönchen in Achtdasbitte ich dich. – Lass sie weder schreiben lernen, noch lesen; denn sonst stänkern sie in allen Legenden. Sprich nie mit ihnen von Tugend, damit sie gar nicht erfahren, dass es Laster gibt; sondern erziehe sie häuslich, reinlich, fröhlich und ganz so wie du warest, als ich dir deinen Strohhut aufsetzte. – Das versprich mir. Was aus deinem Bruder geworden ist, mag Gott wissen. Hiess er nicht Bastian? Ich höre und sehe nichts von ihm. Er hat mir etwas mitgenommen, das mir sehr wert wardein liebes Gesichtchen. – Gott verzeihe es ihm! – Aber was ist dir denn begegnet, Margot? warum weinst du? Hier, nimm mein Schnupftuchtrockne deine Tränen damit ab. Ich habe es nicht nötig, denn in meine brennenden Augen ist seit Jahr und Tag keine gekommen." – – Zu meinem Glücke verfielen Sie hier in Ihren vorigen Schlummer, und ich bekam Zeit mich zu erholen; denn jedes Wort Ihres Selbstgesprächs zerriss mir das Herz. – Ob wohl meine gute Schwester es empfunden haben mag, wie gegenwärtig sie Ihnen war? Das möchte ich wissen. Nun verging wieder eine volle Stunde, ehe Sie aufwachten, und es war eben Zeit, dass Sie einnehmen sollten. Ich reichte Ihnen die Tasse. Sie sahen mich bedächtig an. – "Ach, bist du es, Bastian?" sagten Sie endlich. "Gut! Ziehe geschwind deine Livree an; ich muss dich nach hof schicken. Du weisst doch, wo die Frau Oberhofmeisterin wohnt? Mache ihr meine Empfehlung, und sage ihr in meinem Namendoch liess' ich um Verschwiegenheit bittendass ihre so wohl erzogene, schöne, junge Prinzessin ..." Aber auf einmal sprachen Sie wieder Deutsch, und Ihr Auftrag ging für mich verloren. – "Das tut mir leid, Bastian. Verstandest du denn gar nichts davon?" – "Nichts als zwei Worte, die Sie einigemal wiederholten: Kabinet und Kapelle." Mehr brauchte ich nicht zu wissen, um auch dieser Phantasie meines kranken Gehirns auf die Spur zu kommen. Es war der Dunst einer Anekdote, der mir aus der Asche meines verbrannten Tagebuchs zu kopf stieg. Ich hatte sie Dir, kurz vor meiner Flucht aus Avignon, in einem nicht minder fieberhaften Zustande einem pensionirten Kammerherrn nacherzählt. Sie ist drollig genug, und kann uns einst zu Berlin eine müssige Abendstunde vertreiben helfen. Um mich darauf zu bringen, darfst Du nur eines gewissen roten Turms und einer kleinen Prinzessin erwähnen, die Jettchen hiess. – "Doch erzähle Er nur weiter, Herr Kammerdiener. Was ging denn sonst noch mit mir vor?" – "Etwas sehr Erwünschtes!" Die letzten Tropfen mussten mit Mohnsaft versetzt sein, denn Sie schliefen unter dem Reden ein und in Einem fort bis den Abend. Herr Sabatier besuchte Sie inzwischen dreimal, ohne dass Sie ihn hörten; aber Ihr Puls und Ihr hochrotes Gesicht wollten ihm keinmal gefallen. – "Es ist noch nicht der Schlaf, den ich wünsche," sagte er zu mir im Weggehen, "und ich fürchte sehr für den neunten Tag." – Ach er hatte nur zu wahr gesprochen; denn mit dem Eintritte desselben ward Ihr Zustand immer furchtbarer, bis zum zwölften. Ihr unbekannter Wohltäter verliess Sie so wenig als Herr Passerino diese Zeit über einen Augenblick, und hatte sich ein Feldbette neben dem Ihrigen aufschlagen lassen. Sie fielen aus einer Phantasie in die andere. Wenn Sie sprachen, war Ihre stimme laut, feierlich und erhaben. Ihre Reden an Gott, an die natur, und an Sich selbst hätten verdient aufgeschrieben zu werden, und kein Regent würde die Strafpredigten, die Sie als Hofkaplan an einen der Deutschen Fürsten zu richten schienen, ohne Erschütterung angehört haben