"Ist das nicht," fragte er, "der Schreier von dem Pferdemarkte? – Freund, wie kommt Er hierher?" – "Man hat mich rufen lassen," antwortete der Unverschämte, "aber zu spät. Ich bin übrigens ein guter Bekannter von diesem Herrn – habe ihm schon in Deutschland von einer schweren Krankheit geholfen – leider sind aber diessmal seine Umstände zu gefährlich und ganz hoffnungslos, das muss ich sagen." – "Das soll ein Arzt beurteilen, der es versteht," versetzte der Fremde, "und im äussersten Falle auch die Polizei. – Dem Kranken keine Arzneien weiter bis ich zurück komme," wendete er sich gegen mich und eilte davon. – "O, meine Mittel," setzte nun der trotzige Kerl seine Rechtfertigung gegen mich fort, "werden jetzt weder schaden noch helfen. – Den Wundermann möchte ich sehen, der Seinen Herrn zu retten vermöchte. Die Krankheit selbst hätte eigentlich nichts zu bedeuten. Ich habe den Prinzen von Rohan von einer dergleichen befreit, die noch heftiger war: aber bei einem Protestanten ist ihr nicht beizukommen: denn sein hitziges Fieber ist nur die Folge seines bösen Gewissens. Wäre Sein Herr von unserer Religion, so hätte dieser Umstand gerade am wenigsten zu sagen. Der erste beste Mönch würde die Sache in einer Viertelstunde geschlichtet haben; aber eine Seele mit Verbrechen beladen, auf die kein Weihwasser, keine Monstranz, keine Madonna wirkt, entschlüpft oft dem geschicktesten arzt unter den Händen, und fährt zum Teufel, wenn auch der Körper längst wieder in Ordnung gebracht ist – und das ist hier der Fall." – "Unmöglich," antwortete ich: "Torheiten kann der arme Herr begangen haben, das will ich zugeben; aber Verbrechen gewiss nicht. Ich bin seit dem Neujahrstage in seinen Diensten und tagtäglich um ihn, und weiss doch auch, was Sünden sind; aber ich müsste es lügen, wenn ich ihm die geringste nachsagen wollte." – "Mir darf Sein Herr so etwas nicht weiss machen," versetzte der Zahnarzt; "ein hitziges Fieber ist gar ein plauderhaftes Ding, und zum Glücke verstehe ich die beiden Sprachen, in denen Sein Herr wechselsweise irre redet. Ach, ich könnte Ihm das Verständniss wohl öffnen, lieber Mann; aber was geht es mich an? Ich bin heilfroh, dass ich hier aus dem Spiel komme. – Die Polizei? das ist zum lachen! Habe ich mich denn aufgedrungen? Hat mich denn mein alter Freund nicht rufen lassen? Ohnehin breche ich morgen mein Teater ab, und ziehe weiter. – sorge er ja auch bei zeiten für Sich, Herr Kammerdiener, und lebe' Er wohl! – Meine Rechnung will ich jetzt gleich mit dem Wirte abmachen." – Für die sollte der Esel von Hausknecht haften, der Ihn geholt hat! rief ich ihm nach, und schlug die tür hinter ihm zu.
Nicht lange nachher führte der Fremde den Arzt herein, der Sie mit Gottes hülfe bis hierher gebracht hat. Er fing seine Kur freilich auch damit an, womit der erste die seinige endigte – mit Kopfschütteln; aber es dauerte nicht lange, so setzte er Ihren ganzen Haushalt in Bewegung, und schickte zu gleicher Zeit in vier, Apoteken, damit kein Rettungsmittel über die Zubereitung des andern zu spät käme. Ich musste einen Chinatrank, der Prologus Spanische Fliegen, der Epilogus ein Klystier, und Herr Passerino Blutigel holen. Unterdessen schrieb der Fremde ... "Aber wer ist denn der Mann," unterbrach ich hier meinem Bastian, "der sich meiner so freundschaftlich annahm?" –"Das," antwortete er, "habe ich nicht herausbringen können, weder von ihm selbst noch von dem Herrn Sabatier." – "Er schrieb also," fuhr der Erzähler fort, "ein Briefchen an den Kommendanten, das er durch den Wirt selbst abschickte, und welches die gute Folge hatte, dass die Gasse mit Sand bestreut, für die Wagen gesperrt, und der erschütternde Lärm von aussen gedämpft wurde. Nun setzte er sich mit trauriger Miene an Ihr Bette, und befahl, die Ermüdetsten von uns sollten sich schlafen legen, damit wir Tag und Nacht im Dienste abwechseln könnten." –
Weisst Du wohl, Eduard, wen sich meine Einbildungskraft bis hierher unter diesem für mich so besorgten mann vorstellte? Dich, Teuerster, oder meinen Jerom. Konnte mir der Teufel, dachte ich, einen so abscheulichen Bekannten als den Zahnbrecher nachschicken, um mich in die Hölle zu treiben – warum sollte es nicht meinem guten Genius eben so möglich gewesen sein, mir einen Freund zu meiner Rettung herbei zu führen? Freilich wär' er beinahe zu spät gekommen; aber reist das Verderben nicht immer geschwinder als die hülfe? Die Folge der Erzählung meines Bastian benahm mir diese schöne Hoffnung auf einmal; denn, wie er mir sagte, tat der Fremde fragen an ihn, die allein schon zeigen, wie unbekannt ich ihm sein müsse. Ich fuhr, zum Beispiel, bald nach seiner Erscheinung mit der Hand nach der Stirne, vermutlich weil die Blasenpflaster zu ziehen anfingen, und rief ängstlich dabei: "O Margot, meine liebe Margot, binde mir geschwind dein warmes Halstuch um" – und da glaubte der gute Mann, ich wäre verheiratet, und fragte, ob meine Frau in der Nähe sei? – "Ach nein," antwortete Bastian weinend, "es ist meine Schwester