, in denen ich keine Stunde an Dich gedacht habe. dafür bist Du mir aber auch jetzt lieber als jemals. – Ich komme aus den dunkelhellen Gefilden zurück, die an die Finsternisse des Todes grenzen, hörte schon in der Nähe den Strom rauschen, der alle Geschlechter der Erde fortschwemmt, und sah die Dämme von Schlamm weit unter mir, die wir in der Selbstgenügsamkeit unseres Stolzes gegen den Zufluss reiner Quellen um unsre Froschgräben ziehen, und die uns jede Aussicht in das Freie versperren. Die Zeit schien schrecklich vor mir vorüber zu fliegen. Jede laufende Minute hing ihr ein Sterbeglöckchen mehr an. Von in ein fürchterliches Geläute zusammen, gegen welches das Geklimper auf unsern Kirchhöfen Harmonie ist. Ich floh dem tod mit heisser Begierde entgegen, um aus diesem Gesause der einstürzenden Welt und aus ihrem Staube zu kommen; und doch trieb mich der Schauer der Ewigkeit immer wieder aus seinen ausgestreckten Armen zurück. So flatterte mein Geist in jener unbekannten Wildniss, die an den Zaun unsres Lebens anstösst, ungewiss umher, ohne dass ihm ein Mondschimmer vorleuchtete, oder ein freundlicher Stern begegnete. So hob sich meine Seele, leicht wie ein Dunst, aus ihrem zerbrochenen Gefässe. – Hinüber – hinüber war der einzige seufzende laut, den ihr die Angst der Verzweiflung abdrang Sie hatte nur noch einen Schwung zu tun, um da zu sein, wo sie hinstrebte, als eine unsichtbare Gewalt sie aufhielt, und eine freundschaftliche stimme ihr zurief: "Kehre um, meine Schwester! Es gibt viel schönere Eingänge in dieses Tal – kehre in das Leben zurück, um sie zu suchen." Und was fand sie, als sie, aus ihrer Höhe herab gewirbelt, wieder auf den Standpunkt kam, von welchem sie aufstieg – als statt der Phantome, die sie umgaukelten, sie wieder Menschengestalten erblickte, und fragen konnte: "Wo ist die schwesterliche Seele, die mich in das Leben zurück zog?" Ach! sie fragte umsonst; aber sie fand ein Herz, das in der Hitze eines schrecklichen Fiebers, unter Prasseln, Toben und Angst zergangen, gleich einem edlen Erz von seinen Schlacken gereinigt, nun abgekühlt auf den Boden gesunken, wie ein funkelndes Goldkörnchen da lag. Die rauhe Schaale, die es sonst umgab, ist verschwunden; was es aber an unnützem Gewichte verlor, hat es an Wert gewonnen – denn die Mühe der Bearbeitung, die Schmelzkosten sind überwunden, und sein wahrer Gehalt ist durch das Feuer bestätigt.
O könnte ich diesen Goldtropfen so glänzend zu Dir hinrollen, als er jetzt aus der Glühpfanne des Herzens geflossen ist, damit Du Dich in seiner Oberfläche spiegeln könntest, ehe er in dem Umlauf unter den Menschen sich wieder verdunkelt und anläuft! Möchte er immer nur von den Blicken derer bestrahlt werden, die ihn zu schätzen verstehn! Möge ein gutes Schicksal ewig alle schmutzige hände von ihm abhalten, und ihn bewahren, damit er nicht in dem Tumulte der Welt in eine Ecke geworfen oder in Kot getreten werde! Fliegen ihm ja Sonnenstäubchen an – wie bald bläst diese ein freundschaftlicher Hauch hinweg!
Ich habe meine Uhr, die mir die Fehltritte meines Lebens zu bezeichnen aufhörte, als mein überirdischer Traum anhob, und die während meines Kampfs mit der Ewigkeit stillschweigend über meinem Kopfkissen hing – heute zum erstenmal wieder in gang gesetzt, und – Gott, mit welcher Empfindung! Jede Sekunde, die den Zeiger jetzt weiter rückt, jeder laut, den sie an die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft anschlägt, jede halbe Note auf der Tonleiter der Zeit, und jeder Schwung derselben, der den Todtentanz unserer Stunden entwickelt – durchzittert die feinsten Fasern meines Herzens, und verstärkt den Nachhall meines bittern Bewusstseins. Doch ich höre meinen Arzt, der unter mir wohnt, die Treppe herauf steigen. – Sein sterblicher Name ist Sabatier. – Er fliesse nie als mit dankbarer Ehrfurcht über meine Lippen! –
Eben ist der menschenfreundliche Mann von mir gegangen. – Aber, welch ein schweres Verbot liess er mir nicht zurück! – "Was schreiben Sie?" – fragte er, nahm mir das Blatt unter den Händen weg und las. Es ist das erstemal, dass ein strenges Auge in mein Tagebuch blickt. – "Nein," rief er, "in diesem Tone dürfen Sie nicht fortfahren. Sie müssen Sich durchaus des Gebrauchs Ihrer Feder noch einige Tage entalten. Wenn es mir auch nicht Ihr Puls verriete, diese Zeilen würden es tun, dass Sie noch krank sind. Im ganzen Ernste, lieber Freund, muss ich Ihnen unter der gewissen Bedrohung einer noch längern Einkerkerung auflegen, Ihren überspannten Vorstellungen, Ihren kostbaren Ausdrücken im Reden und Schreiben nach Möglichkeit entgegen zu arbeiten." – "Und durch was, lieber Doktor?" fragte ich. – "Durch ein Lot Fieberrinde, ehe Sie Ihren Spargel essen," antwortete er mir, "und durch ein Glas Limonade nach Tische." – Und so ging er. – Was will der Mann mit diesem Recepte? Ich dächte, ich hätte nie hellere Vorstellungen gehabt, und sie, seitdem ich schreiben kann, nie so deutlich und natürlich entwickelt, als diesen Morgen. Doch, ich will nicht mit ihm streiten. Meine erste Tugend soll sein, wie bei einem kind – Gehorsam – der pünktlichste Gehorsam. Denn ehe ich den blick ins Freie und den Balsam der Luft noch länger entbehren möchte, wollte ich lieber durch einen Eid ewig auf meine Feder Verzicht tun.
Den 15ten Februar