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zu hülfe rufe, wo es mit unsrer inneren Einrichtung stockt. Dieser dunkle Satz wird erst ganz klar durch die Anwendung. Ich müsste ein Buch schreiben, wenn ich alle die Fälle aufzählen wollte, die seine Brauchbarkeit an den Tag legen. Um diessmal nur von der Unterstützung zu reden, die er mir leistet, so eröffnet er mir ganz allein, mit der Hoffnung, den beleidigten Genius der Moral zu besänftigen, die schöne Aussicht, jenennun einmal verlornen und verschrienen Zeitraum meines Lebens hinterher noch einigermassen zu veredeln, die Anforderung des staates an mich auf dem Wege der Gegenrechnung auszugleichen, und endlich mich selbst der gerechten Bestrafung zu überliefern, die, da sie nur Richtern zukommt, die weniger wider das Sittengesetz verstossen haben als ich, äusserst gelind ausfallen wird. Und dieses ...

Doch erst muss ich den Sturmmaler, der eben glänzend und munter von seinem Mittagsmahl herein tritt, aus der Stille meines Schreibtisches entfernen, und ihm etwas zu tun geben, damit er mich in der Ausführung meines Beweises ungestört lasse. – "Können Sie noch wohl Ihre Muttersprache schreiben, lieber Sperling?" –"Das will ich hoffen," antwortete er mir, nahm eine von meinen Federn, und bewies es mir auf der Stelle durch seinen alten Denkspruch, den er mir auf ein Schnittchen Papier schrieb, wie ehemals in mein Stammbuch:

Wenn, lieber Künstler, dir zum Lohne

Kein Zepter ward und keine Krone,

So tröste dich dein Ruhm! Talente, Geist, Geschmack,

Veredeln selbst den Bettelsack.

"Schön!" rief ich aus. "Ihr Denkspruch beruhigt mich ganz über die Zumutung, die ich im Begriffe bin Ihnen zu tun. Es betrifft die Abschrift eines briefes, die ich zwar angefangen, aber nicht geendigt habe; denn er ist so lang wie eine Abhandlung. Die Arbeit ist dringend: denn übermorgen muss ich das Original in Montpellier seinem Eigentümer zustellen; nun ist aber der heutige Abend meinem Reisejournal, der morgende Tag unserer bewussten Wallfahrt bestimmtwas ist da zu tun? Ich würde sie höchst ungern aufgeben; und doch sehe ich kein ander MittelSie müssten denn die Stunden, die ich dadurch zu kurz komme, übernehmen." – "Herzlich gern," fiel mir Freund Passerino ein. – "Getrauen Sie Sich mit der Abschrift heute noch fertig zu werden, gut: so können Sie die Postpferde nach Cotignac so früh bestellen als Sie wollen. Der Inhalt der Handschrift wird Ihnen übrigens die Mühe des Abschreibens gar sehr versüssen; denn es sind Rhapsodien über Talent und Geschmack." – "O geben Sie her," unterbrach er mich hastig: "über so einem Tema könnte ich ganze Nächte aufsitzen." – "Eine Bedingung jedoch," fuhr ich fort, "müssen wir noch festsetzen, dass keiner nämlich den andern störe. Ich brüte hier über einer häklichen Sache, die keine Zerstreuung zulässt; und doch ahndet mir, dass Ihnen beim Abschreiben nichts schwerer fallen wird, als das Maul zu halten. Es ist natürlich: einem kopf, wie der Ihrige, müssen bei so einer Materie Zweifel die Menge aufstossen. Ich gebe sie Ihnen alle in voraus zu, nur anhören mag ich sie nicht; und müssen sie Ihnen ja über die Leber, so setzen Sie sie neben Ihre Abschrift als Randglossendas soll Ihnen erlaubt sein." – Unter diesen Massregeln, die ich zu meiner Sicherheit für notwendig hielt, stellte ich ihm einen Tisch, dem meinigen gegenüber, in das Fenster, legte ihm den Brief des Landjunkers vorwies ihm die Zeile, bei der ich stehen geblieben, und habe mir durch diesen Ausweg zwei grosse Beschwerlichkeiten mit einem Mal vom Halse geschafftdie Mühe des Abschreibens und seine Unterhaltung.

Und diesesfahre ich nun ruhiger in meinem angefangenen Beweise fortkann wohl auf keine patriotischere Weise geschehen, als dass ich den ganzen Unrat meiner verschwendeten Zeit, wie er sich während der Reise in meinem Tagebuche anhäufte, zusammen kehre, und die körperliche Schwere, die darin liegt, an jenes bekannte Triebwerk hänge, das eine Menge verdienter Staatsbürger sammt Weib und Kindern ernährteine Menge nach Fleiss und Arbeit ringender hände in Bewegung setztvon dem Lumpensammler an bis zu dem Recensentenvon dem Setzer bis zum Verlegervom Kupferstecher bis zum Buchbinder. Welcher Kreislauf von Tätigkeit, Mühe und Erwerb, ehe der Nebel meiner verflossenen Stunden in die Höhe steigt, und nun in sanften Tantropfen auf die Blumenkelche, oderwie es trifftauf die Krautköpfe meiner Leser herunter fällt! Wie gut, dass nichts auf unserm Erdball verloren geht, selbst das nicht, was wir vertun! – Alles kann nützlich werden, und wird es. Versäumen wir es aufzuheben, so tut es die natur von selbst; denn sie hat unzählige, Mittel der Anwendung in ihren immer schaffenden Händen. Lange trugen die emsigen Ansiedler von Holland die tot gebrannte Asche ihres Torfs, wie ich die Belege meines Tagebuchs, einzeln aus ihren Kaminen auf einen Haufen zusammen, der endlich zu einer fürchterlichen Grösse anwuchs. Was soll, fragten sie sich ängstlich unter einander, in die Länge aus dieser unnützen Staubmasse werden, die, hätten wir sie in unsere Kanäle getragen, sie längst so gewiss würde verstopft haben, als sie jetzt unsere Dörfer und Städte verdämmt? Zeit und Nachdenken haben es sie gelehrt. Jetzt befrachten sie ganze Flotten mit diesem, ihnen ehemals so ärgerlichen Material,