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blieb er auch desto hartnäckiger darauf. Zu jedem Unsinne, den er über Haltung, Wärme, Kolorit und Ausdruck vorbrachte, langte er aus seinem Portefeuille auch einen Beleg. Ich musste ihn über alle die Stufen begleiten, die er seit funfzehn Jahren bis auf den heutigen Tag in seiner artistischen Laufbahn erstiegen hatte; und so gelangten wir denn auch endlich zu der Schreckensperiode, die ich diesen Morgen vorher sahzu dem Wunder seines neuesten Gemäldes. Seine Vaterliebe, eh' er es auspackte, glich einem Wirbelwinde, der einem Ungewitter vorhergeht, und war so heftig, dass sie beinahe in Ungerechtigkeit gegen seine ältern Kinder ausartete: denn er erklärte nicht allein die Meisterstücke aus der Zeit seiner Angola für Sudelei, sondern blickte selbst verächtlich auf seine Madonnennannte sie Matrosen-Waare, die er nur nebenher, des lieben Brods wegen, auf den Kauf mache, und die er sich schämen würde, unter seinem Namenausser in der Italiänischen Uebersetzungauszuhängen. "Wie viele Fächer," rief er, "hat mein Genius nicht durchlaufen, eh' er sein rechtes getroffen hat! Von der Blumenmalerei, mit der ich meinen Weg antrat, ging ich zu TierstückenPorträtsBataillen und Landschaften über. Ich brachte es zwar in jeder Art zu einer gewissen Fertigkeit; aber in keiner von allen errang ich den Kranz der Vollendung, den mir die natur an dem Gestade des Meers aufbehielt. – An den Marinen mein Herr, entwickelte sich erst meine ganze Schnellkraft. – Ach wie lange schlummerte sie in träumendem Irrwahn! Anspach war der Ort nicht, um sie zu wecken. – Das Schicksal musste mich hierher schleudern, dass ich erführe, wer ich sei." – Mit diesen Worten, die ihm in dem seligsten Entusiasmus entflossen, trieb er mich von meinem ruhigen Stuhl in die Ecke des Fenstersriss beide Flügel auf, und streckte den Arm so weit vor, als wolle er seinen krummen Zeigefinger in das Meer tunken. – "Hier, mein Herr," überschrie er einen Windstoss, "sprudelt die heilige Quelle, aus der ich schöpfe. Wer beschreibt die Erschütterung meines inneren, als meine erstaunten Blikke zum erstenmale über sie hinflogen! Das ist, rief ich aus, was dein Geist lange im Dunkeln geahndetvergebens gesucht hat. In einer Art von Künstlerwut griff ich nach Farben und Pinselüberliess mich meiner Begeisterung, und erstaunte selbst über die Keckheit meines ersten Versuchs. Doch baldtrinken Sie aber nur erst Ihren Kaffeewerde ich Ihnen meinen letzteren vorzeichneneinen Sturmaber was für einen! Mich überläuft selbst jedesmal ein Schauer, wenn ich ihn ansehe."– "Mich auch," unterbrach ich ihn; "aber bei mir kommt er alleweile vom Original. – Erlauben Sie, dass ich die Fenster wieder zumachedie Zugluft und meine Nerven vertragen sich heute nicht." – "Sehr wohl," sagte er; "aber, um wieder auf meinen Sturm zu kommen, – denn bei einem solchen Stücke schadet es der Täuschung nicht, wenn die Beschreibung voraus läuftso werden Sie sehen, dass ich nicht umsonst über den Hafen blicke, und neben dem Stapel wohne. Ich glaube nicht, dass der grosse Vernet selbst das Tau- und Takelwerk besser versteht als ich, und dass ein Schiff regelmässiger gebaut werden kann, als die meinigen gemalt sind. – Mit einem Vergrösserungsglaseich werde gleich die Ehre haben Ihnen das meine zu borgenkönnen Sie an jedem sogar den Namen und die Jahrzahl lesen. Einer Kleinigkeit muss ich noch gedenken, wertester Herr, – meines Wahrzeichens auf dem Gemäldeeiner glücklichen Erfindung, die aber freilich nur auf mich allein passt. Das Stück kann in der Welt hinkommen wo es willmein Name wird dadurch allen Nationen verständlichjede wird ihn in ihrer Sprache zu nennen wissendenn überall gibt es – S p e r l i n g e ." – "O das ist nur gar zu gewiss," entwischte mir in der Zerstreuung; aber er überhörte den Sinn. – "Befehlen Sie noch eine Tasse? Nicht? – Nun so will ich das Bild holen," – fragte und antwortete er zugleich. Ich hätte das Schubfach des Kastens angeben wollen wo es lag; denn seine verstohlenen Blicke, die er ohne Aufhören dahin warf, verrieten mir längst, dass dort sein grösstes Kleinod verwahrt sein müsse, und ich irrte mich nicht. Er zog das Kunstwerk behutsam heraus, rollte es, seitwärts, auseinander, spannte es in einen Blendrahm, und stellte mir es nun in seiner ganzen Majestät, vor. die Augen, und sich in der seinigen darneben.

Ich für meine person hätte nun wohl die Mordgeschichte, die es von sich strahlt, zur Genüge beäugelt, mit dem Urbild hinter dem Fenster verglichen, und bis zum Mattwerden bewundert. Aber Du, mein armer Freund! Nun Du sollst auch nicht zu kurz kommen. Weder das Ohrensausen, das mir her Missklang so vieler Kunstwörter zugezogennoch das Augenweh, das sich hinter dem Vergrösserungsglase erzeugt hat, sollen mich hindern, Dir die Schilderung des schrecklichen Sturms so poetisch wiederzugeben, als ich sie aus dem mund seines Erfinders erhielt. Wenn er Dir in diesem Wiederscheine nicht das Haar in die Höhe treibt, nicht eben den Schauer erregt, als dem Meisterso weiss ich nur noch Einen Rat, Eduard: das Gemälde steht seit