1791_Thmmel_094_230.txt

ein Glück, dass der hiesige Winter nur wenige solcher Tage aushängt. Ja wohl! Aber warum muss denn eben einem so armen Schwächling wie mir diese Seltenheit über den Hals kommen? Uebelkeiten und Fieberfrost von innenein heulender Wind von aussen herkeinen Lumpen von Winterstaat in meinem Vermögen, und nun ein solches Frühstück in der Aussicht! – Wo soll in dieser verzweifelten Lage Erwärmung des Bluts herkommen? von der Wasserseite seines Pinsels oder seines Kaffees? Ich zittereund, wenn ich es genau untersuche, weniger vor den Wohltaten, die er mir aufdringen, als vor den Opfern, die er mir abnötigen wird. Ich sehe mich schon im geist gähnend vor seinem Tische sitzen, indem er ein paar Pappendeckel voll seiner elenden Skizzen geschleppt bringt, sie bedächtlich aus einander schlägt, kein Blatt überhüpft, und bei jedem einen Aufruhr meines Erstaunens erwartet; und, wenn nun darüber eine ganze Stunde zerbröckelt istwie er mich, unter schlauem Lächeln, beim Aermel fasstmich der Wand gegenüber in das rechte Licht stellt, und mit Einem Ruck den grünen Vorhang zurück zieht, um mich durch das Wunder seines neuesten Gemäldes zu überraschenund wie er endlichum das Mass seiner Sünden voll zu machenmich bei der Heiligkeit unserer Freundschaft beschwört, ihm offenherzig meine Meinung über die Kleinigkeit zu sagen, die er mir gezeigt hat. Tät' ich ihm sein Recht anso gnade mir Gott! Und doch ist es eine verwünschte Zumutung, selbst unter vier Augen, mit Verläugnung alles Menschenverstandes das Machwerk eines solchen Meisters zu loben. In meiner heutigen Stimmung übersteigt das meine Kräfte. – Es wäre Gewalttätigkeit gegen mich selbst, und ich müsste wahrlich befürchten, mir meine kalten Krämpfe auf die edlen Teile zu jagen. –

Wenn man seinem Brauskopfe nur Zeit vergönnt! Nach einem halbstündigen heftigen Zanke mit ihm, fing er an sich eines bessern zu besinnen, und die Sache mit der grössten Billigkeit abzutun. "Gehen wir ruhiger zu Werke!" sprach ich mir zu. "Worauf kommt es denn an? Auf Worte ohne Sinn und Bedeutung und ein wenig Mimik. – Die, dächte ich, könnte ich doch wohl am hof gelernt haben! Warum sollte mir denn das Hauptingredienz unserer Staatsvisiten und Kourtage, die Sucht nach Schmeicheleien und Lob, in der Werkstatt des armen Passerino stärker auf die Nerven fallen als dort? und wie konnte es mir einen Augenblick in den Sinn kommen, diesen liberalen Tauschhandel unserer kultivirten natur zu stören, auf Gefahr, mir und meinem alten Lehrer das Morgenbrod zu verbittern? Verlust und Gewinn liegt jetzt, auf das genaueste berechnet, vor mirdarnach will ich mich richten. Ich werde seinen herzhaften kräftigen PinselEr wird meinen feinen richtigen Geschmack bis an die Wolken erheben. Ich werde ihn über RubensEr wird mich über Lessing und Winkelmann setzenjedem übrigens ganz unbenommen, den andern in Gedanken so niedrig, sich selbst aber so hoch zu stellen, als es sein Schwindel erlaubt."

Diese fliegenden Betrachtungen, wie ich mit Vergnügen bemerkte, bildeten sich, während Bastian mir das Haar kräuselte, zu einem förmlichen System. Ich dachte Wunder was ich zur Beförderung menschlicher Zufriedenheit neues erfunden hätte: – als ich mich aber an meinen Schreibetisch setzte, um es noch mehr zu entwickeln, sah ich wohl, dass es das uralte war, dem ich von jeher, unter gewissen Einschränkungen gefolgt bindas sowohl in dem Tumulte der Gesellschaften, als in einem Zweikampfe, wie mein heutiger ist, unser liebes Ich am sichersten deckt, und für geringe Kosten es äusserst bequem bettet. Unbegreifliche Menschen, die, unter dem Deckmantel der Wahrheit, gegen die Selbstliebe anderer mit Spiessen, Schwertern und Lanzen bei dem geringsten Anlasse vorrükken, keinem nach Beifall bettelnden Auge das Almosen ihres Lächelns zuwenden, oder sich überwinden können, einem unbedeutenden Dinge zu huldigen, das sich ihr Mitgesell als einen Vorzug anrechnet! Was erbeuten sie? Für Schmerzen, die sie erregen, Wunden, die sie erhalten; denn in keinem Gefechte sind die Gegenhiebe so gewiss, als in diesem. Setzen wir den Fall, du wärest so verhärtet, um nicht einmal teilnehmend nach meiner Braut zu fragen, so kannst du lange passen, eh' ich deiner allerliebsten Kinder nur mit einer Sylbe erwähne. Hast du keinen blick für die Strahlen meiner modischen Schnallen, so habe ich gewiss auch keinen für das Pour le merite deines Sterns. Sie können alle in der Gesellschaft den neuen Musenalmanach in der tasche habentrotz deiner hervorstechenden Ballade, wird keine Seele tun, als habe sie ihn gelesen, wenn du unbekümmert um die Stelzfüsse oder die Quersprünge der andern da stehst, oder gar, als Klopffechter deines geraden Sinnes, mit alten Damen von Runzeln, mit jungen von Tugend sprichstdich wunderst, dass ich schon Oberster binüber den witzigen Einfall des einen, über die hohe Frisur des andern die Achseln zuckst, oder sonst durch den Knall deiner Peitsche mein Steckenpferd scheu machst. Und wenn du ein Fürst wärest, man trägt dir den Stoss nach, den du gabst oder zu geben gedachtest, und niemand stellt dir lieber ein Bein, als den du aus dem Sattel gehoben hast. – Und wärest du, wie Achill, in den Styx getaucht, ein Apoll oder Paris wird doch den verletzbaren Fleck an deiner Fusssohle entdecken, geschäh' es auch nicht eher, als wenn du deine Polyxene umarmst.

Weg mit den