1791_Thmmel_094_229.txt

. Ich hatte einen meiner Strümpfe schon halb herunter, als das böse Gewissen neben mich trat, mir ihn ohne Umstände wieder herauf zog, und eine Menge verfänglicher fragen vorlegte. – "Die Hand auf's Herz," zischelte es mir in das Ohr, "stand denn der arme Narr deiner Erziehung allein vor? Wurden dir nicht auch andere Wissenschaften als die Baukunst von den fähigsten Meistern gelehrt? – und in welcher bist du denn über das Mittelmässige gestiegen?" – O des unglücklichen Worts, das mich in eine solche Untersuchung verflochten hat! Jetzt reiheten sich alle die gelehrten Männer, die von Langens Coloquien bis zu Lucians Gesprächenvon Epiktets Enchiridion bis zu Mosheims Moralfür die Bildung meines Kopfes und Herzens auf das redlichste gesorgt hattenan den Angola-Maler an, und eh' ich mir es versah, stand ich in ihrem ernstaften Zirkel. Jetzt räusperte sich der einejetzt der andere. – Jeder schlug sein Compendium auf, und mein Examen rigorosum begann. Von jedem Radio, nach welchem mich meine Angst hindrehte, kam mir eine Frage entgegen, die mich jedesmal in eine neue Verlegenheit setzte. Wenn der eine Docent es aus Ungeduld aufgab, mich länger aus der Diplomatik zu prüfenversuchte es der andere, mit gleich schlechtem Erfolg, über die Pandekten. Wich ich dort dem Tacitus aus, so fiel ich hier dem Vitriarius in die hände. – Bald brachte mich ein Problem der Metaphysik aus der Fassung, bald eine Beweisstelle aus dem Sachsen- und Schwabenspiegel und der Aurea bulla. Stumm und gedemütigt blickte ich vor mir hin, und spielte an meiner weissen Hutfeder. – Endlich fassten die Herren meine sichtbare Beschämung zu Herzen, hoben ihre Sitzung auf, und trösteten mich noch oben darein auf das herablassendste mit der allgemeinen beichte: Quantum est, quod nescimus! Sobald ich über die Schwelle meiner Schulstube war, schwenkte ich meinen Hut, und hüpfte trällernd davon. – Ach ich hüpfte nicht weit, so befand ich mich wieder auf meiner Spur, und folgte ihr nun so hartnäckig, als ob mich ein böser Geist triebe, über Stock und Stein durch alle die geraden und krummen Gänge des Labyrints meines verschobenen Lebens, das, wie ich endlich gewahr ward, mit den Leimruten, den Obstgärten und Salweiden meines Geburtsorts näher in Verbindung stand, als ich heute Morgen mir hätte einkommen lassen.

Eine solche Parforce-Jagdso kurz vor Schlafengehnkann ihr Gutes habennur für die Diät nicht. – Nichts in der Welt greift so sehr an, als wenn man den Hirsch und den Jäger zugleich spielt. Wie soll Schlaf in meine Augen kommen, da ihnen noch in so hellen Farben alle Mühseligkeiten meines Wildstandsalle die Schlingen, Netze und Hecken vorschweben, wo ein teil meiner selbst hängen blieb? Wie kann ich Ruhe auf meinem Kopfkissen erwarten, wenn ich an die Meute grosser Hunde, die mich mit ihren Zähnenan die Wespen, die mich mit ihrem Stachel verfolgten, zurück denke, und wie darf ich hoffen, dass mich solche Klagetöne einschläfern werden, als sich jetzt in nächtlicher Stille aus meinem Hüftorn erheben?

Wohl jedem, den der hören Schwung

Auf einen Hügel hebt,

Wo kühlende Erinnerung

Der Jugend ihn umschwebt! –

Dem bei des Tales Uebersicht,

Das ihm im rücken liegt,

Des Alters Krücke schwerer nicht,

Als sein Spazierstock, wiegt!

Wer blickt gern nach dem Irrweg hin,

Auf dem er nurder Scham

Und Reue, statt dem Hauptgewinn

Des Wettlaufs, näher kam

Gern nach der Bahn, die sein Gestirn

Im Schöpfungsraum beschrieb,

Indess sein Herz, wie sein Gehirn,

Gehüllt in Nebel blieb? –

Seit ich den Pädagogen floh,

Als einst sein Marschallsstab

Der Träumerei des Scipio1

Den Rang vor meiner gab,

Und ich kraft meines Steckenpferds,

Das keinen Kappzaum litt,

Zum Rektor meines Vogelherds,

Dem grossen Uhu, ritt;

Seit mein gelehrter Müssiggang

drei Lustra weggeräumt,

Gleichgültig, was Homer einst sang

Und Scipio geträumt,

Ich auf dem nächsten Ritterzug

Zu neuem Zeitverlust

Erfuhr, mein Kopf sei schwer genug

Für eine Mädchenbrust;

Und seit der Ehre Sporn mich stach,

Da jener Rausch entwich,

Ich nun das Audienz-Gemach

Als Supplikant durchschlich;

Unwissend, ohne Kraft und Kern,

Bei mässigem Verstand,

Doch in dem Kreis der Kammerherrn

Mich nicht verloren fand

Was offenbarte mir die Zeit,

Die diesen Raum durchflog?

Nichtsals dass Lust und Eitelkeit

Mich täglich mehr betrog

Dass leider! zwischen Mann und Kind

Kein Unterschied besteht,

Als der: D o r t kam der Trost geschwind,

Und h i e r kommt er zu spät.

Den 13ten Januar.

Hätte ich mich nicht bei meinem alten Zeichenmeister auf diesen Morgen versagt, der es gewiss übel aufnehmen würde, wenn ich sein Frühstück an den Nagel hinge, wie vormals seine Lehrstunden, so würde ich mir eins aus Quassia und Rhabarber vorsetzen; denn mir ist gar nicht wohl. Unter den neuen Bekanntschaften, die ich vorgestern an der Tafel des Herrn Frege machte, muss eine gewesen sein, die einem Deutschen Magen nicht zuschlägt. – Deren trifft man in Frankreich gar viele an. Ich habe vor andern einen Seefisch in Verdacht, dem ich mir viele unnütze Mühe gab Geschmack abzugewinnen. – Bewegung wäre mir wohl am dienlichstenaber, wenn mich auch Herr Passerino nicht darum brächte, so würde es doch das unfreundliche Wetter tun. Es ist