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und Lehrer!" stimmte ich unter einer herzlichen Umarmung an, "erinnern Sie Sich denn gar nicht mehr des jungen Flüchtlings, dem Sie in der Zeichenkunst, in der Perspektiv und der Architektur so mannichfaltigen Unterricht gaben? – gar nicht mehr des Meisterstücks Ihres Pinselsder wolligen Angola, an der sienach drei fleissigen Jahrendoch noch den Schwanz zu malen hattenals sie starb?" – Dieser Lichtstrahl tat wirkung. Jetzt schlug das gute geschöpf seine dürren hände um mich und seine gelben Augen gegen Himmel; aber noch musste er erst der Erinnerung einige bittere Tränen, einige tief geholte Seufzer zollen, eh' er zu sprechen vermochte. – "Ach! mein teuerster Herr und Freund!" stammelte er nun, "sein Sie tausendmal meinem Herzen willkommen! Was für ein glücklicher Stern hat Sie in meine einsame wohnung geleitet, in der ich sonst nur arme Schiffbrüchige und andere durch Kalamitäten ausgezeichnete Menschen zu sehen bekomme, und selten einen Mann, der Wärme für die ewige Kunst fühlt? Ich bin schon vierzehn volle Jahre von meinem Vetter in Anspach und aus meinem vaterland entfernt, das, nur zu gewiss, stille Verdienste nicht zu schätzen weiss, und führe seitdem hieraber auch h i e r , ein kümmerliches Leben. Wie tief habe ich mich herab stimmen müssen, um nur Brod zu haben! – Einiges, mein teuerster gönner, ist auf meiner Tafel zu lesenaber wahrlich, das sind noch lange nicht die schlechtesten arbeiten, die ich ..." "Lassen Sie uns ein andermal darüber sprechen," unterbrach ich ihn, "und wenn Sie heute mein Gast sein wollen, lieber Sperling, so ziehen Sie Sich nur geschwind an, und begleiten mich zum Heiligen geistvorausgesetzt, dass ich Sie von nichts besserm abhalte." – "Ach! wovon wollten Sie?" sagte der gute Alte. – "So einen vergnügten Mittag hätte ich mir heute nicht träumen lassen. – Ich werde den Augenblick wieder bei der Hand sein." – Nach einigen Minuten trat er geputzt aus seiner kammer, und gewiss, ich irre mich nicht, Eduard, in demselben Sonntagskleide, das Dir so gut noch erinnerlich sein wird als mir, nur dass der jugendliche Troquet eine ernstaftere Miene angenommen, und sein verschossenes Papageigrün mit einem tüchtigen Kastanienbraun vertauscht hatte.

Ich hätte gewiss keinen Gast auftreiben können, der weniger nach der Mode gekleidet, und mir doch lieber gewesen wäre, als er. Du weisst zwar, wie ich zeichne, und wie es mit meiner Baukunst aussieht; aber daran dachte ich nicht. Es klebte ihm ein Verdienst an, das ihn meinem Herzen auf das rührendste empfahl, und keinen Vorwurf gegen ihn aufkommen liessdie lebhafte Erinnerung meiner Jugend. – Ja, Freund, ich hätte ihn, wie ein Fürst seinen Hofmeister, belohnensein aufgefärbtes Staatskleid mit einem Orden verzieren, und ihm, trotz seines misslungenen Unterrichts, ein gutes Jahrgeld anweisen mögen, so durchdrungen war ich von jener unbeschreiblich süssen Empfindung. Ist es nicht einerlei, ob uns ein Virtuos oder ein Stümper diess magische Glas vorhält? Wir sehen in solchen Augenblicken nicht ihnsondern uns. Ich lebte nicht mehr in Marseille. Mein Geburtsort, mit seinen Salweiden, seinem Vogelherde und seinen Obstgärten, verschlang alles Land und Meer, das mich umgab. – Ich blieb gern mit ihm so lange an der Wirtstafel sitzen, als ihm noch ein Trunk oder ein Bissen schmeckteja ich trieb meine Freigebigkeit so weit, dass ich ihm sogar mich selbst auf den ganzen Nachmittag preis gab, und nicht allein seine geschichte, die mirimmer noch anziehend genugden gewöhnlichen Streit der Armut mit der Ungeschicklichkeit darstellte, sondern auch den Ausbruch seines Künstlerstolzes, seines Brodneides, und seine schiefen Urteile über gleichzeitige Maler, in kindlicher Geduld anhörte. Ich liess ihm zuletzt noch ein Abendessen auf mein Zimmer bringen, und habe ihn erst, seit der Stunde, die ich Dir vorbehielt, ziemlich spät und mit dem Versprechen entlassen, das er mir abnötigte, morgen bei ihm unter der Ansicht des Meers zu frühstücken. Das wird auch wohl von den Stärkungen, die mir der a r m e N a r r anbieten kann, die beste sein. –

Ich habe in der letzten Zeile ein Wort doppelt unterstrichen, damit es Dir ja nicht entgehe. Es ist mir erst so wichtig geworden, nachdem es meiner flüchtigen Feder schon entwischt war. Seit e i n e r Stundedas siehst Du ihm wohl nicht anhält es mich in Bewegung, und ich brauche wenigstens noch e i n e , um Dir den Hergang deutlich zu machen. "Armer Narr?" – warf ich mich fragend in meinen Lehnstuhl – "Was willst du mit diesem Ausdruckewas entält er? Offenbar nur einen kleinen Spott über die mässigen Talente deines alten Lehrers. Während du deiner Stichelei Luft machtest, und ihn mitleidig über die Achseln ansahest, entschuldigtest du dich zugleich heimlich mit seinem schiefen Unterrichte, dass du kein Zeichner, kein Baumeister geworden bist, und das mit grund. Hätte der gute Mann es übel nehmen können, wenn du ihn geradezu einen Stümper genannt hättest?" – Dass ich doch so gern mit der Ironie spiele! Ich sollte sie nie von der Kette lassen. Sie ist bei mir nur ein Hund, der seinen Herrn immer zuerst in die Waden beisst, sobald er ihn los lässt