Festung Wache hielt, ist so ganz von Regen und Wind verwischt, dass man keine Spur mehr von ihm findet. Auch nicht eine Hand voll Erde bedeckt diesen Felsen mehr, aus dem zu jener Zeit die Leute noch ackern konnten, von denen er die Nachrichten erhielt, die den Kommandanten des Schlosses betrafen, das jetzt, glaube ich, nah und fern keinen mehr hat. Wüsste man nicht, dass mein würdiger Vorgänger sich so wenig in seiner Beschreibung ein unwahres Wort erlaubt hat, als ich in der meinigen, so sollte man es kaum für möglich halten, dass hundert Jahre einen fruchtbaren Berg bis zu der Nackteit abschälen konnten, in der er jetzt den zermalmenden Strahlen der Sonne bloss steht. Hätte mich nicht der eine Halbzirkel durch die Aussicht über das Meer, den Hafen und die Stadt, für die andere Hälfte entschädigt, so würden meine Augen sich sehr übel befunden haben; denn die so genannten Lustäuser, die sich auf den angränzenden eben so kahlen Anhöhen gedrängt an einander herum ziehen, und in dem stärksten Brennpunkte der Sonne liegen, gehören, nach meinem Gefühle, unter die albernsten Einfälle, die je ausgeführt wurden. Eine so versengte Gegend als diese, die einem Baume so wenig Wurzel zu schlagen, als einem Gräschen zu keimen erlaubt, ist doch wahrlich nicht geschickt, menschlichen Geschöpfen einen Zufluchtsort gegen die Langeweile zu bieten. O dass ich nicht diese artigen Tempelchen und Pavillons in die schattigen Gegenden Deutschlands versetzen, und ihnen nicht jene schmaragdfarbigen Teppiche unterlegen kann, die schon den Strohhütten, die darauf kleben, das fröhlichste, lieblichste Licht mitteilen! Ach es geht der Baukunst, wie allen andern Künsten: sie zeigt selbst in ihren prächtigsten Werken Armut und Mangel, wenn sie nicht mit der natur, die sie umgiebt, in verhältnis stehen, da hingegen d i e s e alles hebt und nichts verunstaltet.
Abgewendet von den prahlenden Darrböden des kaufmännischen Luxus, sehnten sich nun meine Gedanken und Blicke nach den vaterländischen Gefilden; aber desto weniger behagte mir auch ein längerer Spaziergang auf dem brennenden Steinwalle dieser zitternden Landwehre. Ich strengte mich an so gut es gehen wollte; doch eh' ich den Fusssteig wieder fand, der mich herbrachte, traf ich in meiner Runde, ganz unerwartet, auf einen Ruhepunkt, der, wie Du sehen wirst, meiner Erschlaffung herrlich zu Statten kam. Es war Notre Dame de la Garde selbst, die mir ihn anbot. Durch eine offene vergitterte Blendung, die durch die Festungs- und Kirchenmauer zugleich geschlagen und zu einer Halle gewölbt ist, gibt sie sich hier, mit nachgelassener Etiquette, zu allen Stunden der Anbetung preis, ohne dass es nötig wird, den dienstabenden Mönch aufzusuchen, um die Haupttüre zu öffnen. Diese Anlage mag zwar wohl wider alle Regeln des Vauban verstossen; sie gereicht aber zur grossen Bequemlichkeit derjenigen Pilger, die mehr noch von dem Aeolus abhangen, als von der Madonna. Da der steinerne Sitz vor der Niche durch den Vorsprung des Dachs in Schatten lag, so benutzte ich die gute gelegenheit, bei diesem wundertätigen Bilde Abkühlung zu suchen, und, aus Mangel eines bessern Zeitvertreibs, alle die ihr geweihten Kleinodien zu betrachten, die mein Auge erreichen konnte; gewiss die sonderbarste Sammlung, die weit und breit anzutreffen sein mag, und die wohl eine genauere Beschreibung verdiente, als ich Dir gebe. Demütig blicket hier durch ein verrostet Gitter Die schmutzigste Kopie der heiligsten der Mütter. Nur eine schwache Lamp' erhellt Die Seegefecht' und Ungewitter, Von denen mancher kühne Ritter Nach einem Schwung um das Spital der Welt Ein grasses Nachbild aufgestellt. Sah ich auch, hinter Glas verwahrt, Geraubte Kränze mancher Art In Siegen – eher nicht gelungen, Als an Mariens Himmelfahrt. Doch, was am meisten mir Erstaunen abgedrungen, Hab' ich bis auf die Letzt verspart. Ein Kinderschwarm von Wachs, der Armut und der
Blösse
Schon früh geweiht, umgab an der Madonna Tron Noch einen Sterblichen in seiner Jugendgrösse, (Mit Ehrfurcht nenn' ich ihn) den ersten Schmerzenssohn Der grossen Wöchnerin T h e r e s e In gutem hartgebranntem Ton. Und mit gerührter Brust liess ich die Worte fallen: "Hört mich, ihr Mächtigen der weisen Klerisei! Wenn eure Zungen einst, bei einer Priesterweih, Am Ende eures Mahls, gelehrte fragen lallen; So zieht doch auch m e i n Quaeritur herbei, Warum der Aermsten wohl von den Madonnen allen Diess irdene Geschenk von J o s e p h s Konterfei – Und in den Wiener Kirchenhallen Den reicheren in köstlichen Metallen Diess grosse los geworden sei? Hat sie allein zu Wien an Gold so viel Gefallen, Und in der Armut Sitz wär' es ihr überlei? Mir g'nügt der laute Ruf: Seit an T h e r e s e n s grab Die fromme Bettelei um eine milde Gabe Sich zwar im Staube noch, doch nicht in Goldstaub
wälzt,
Der gross gewordne Kaiser habe Die kleinen wieder eingeschmelzt."
So wie mich nur meine kühle Stirn und trockene
Haut überzeugten, dass U n s e r e l i e b e F r a u das Wunder, das ich von ihr erwartete, an mir getan hatte, und ich in dem Gedanken an unsern klugen Kaiser, und in der teologischen Aufgabe, die ich mit mir nahm, genug Unterhaltung auf meinem Rückwege fand, so stieg ich, so geschwind als es anging, den schroffen Felsen hinab, dem belebten Hafen zu,