feinen Schüsseln, die Marseille vorzugsweise liefert, die hiesige Akademie der schönen Wissenschaften sich nicht besser auszeichnet. Es waren heute verschiedene ihrer Mitglieder zugegen; aber, so viel ich habe bemerken können, war kein Chaulieu, kein Lafontaine, kein Anakreon darunter, obgleich keiner bei den leckern Bissen, die er zu sich nahm, vergass, dass seine Zunge auch ein Sprachorgan sei.
Bei allem dem kam mir doch den ganzen langen Mittag über auch nicht einen Augenblick das Heimweh an: und wenn es zutrifft, was mir Herr Frege für diesen Abend verspricht, hoffe ich auch den Ueberrest meines Tages von dieser patriotischen Krankheit befreit zu bleiben; denn er denkt, dass ein Ball, zu dem er mir auf das höflichste sein Einlassbillet abgetreten hat, mich sichtlich von dem grossen Vorzuge überzeugen werde, den die hiesigen Damen vor dem ganzen schönen Geschlechte der Erde ohne Ausnahme behaupten. Ich stutzte, als er mir das sagte, ging in der Geschwindigkeit die berühmten Schönheiten unsers Berlins durch, und schüttelte etwas ungläubig den Kopf. "Nun, Sie sollen es mir wieder sagen," versetzte Herr Frege: "vergessen Sie nur nicht, Herr Landsmann, eine gute Lorgnette mitzunehmen!" – "O daran soll es nicht fehlen," erwiderte ich: "ich habe eine der schärfsten, die man finden kann, und die mir zu Caverac, Avignon und Gott weiss wo sonst noch, die vortrefflichsten Dienste geleistet hat." – "Nun, so wünsche ich Ihnen Glück zu Ihrem heutigen Abend; es tut mir leid, dass mich meine Geschäfte verhindern, Sie zu begleiten." –
Diese zuversichtliche Behauptung eines wahrheitsliebenden Deutschen, der Leipzig, Dresden, Frankfurt und Berlin inwendig und auswendig kennt, und an einem Orte wohnt, wo täglich alle Nationen der Erde ihre Waaren auslegen, kann wohl nicht anders als meine Neugier aufs höchste spannen. Wenn er Recht hat, so käme man beinahe in die Versuchung zu glauben, dass jene gepriesenen Nahrungsmittel wohltätiger auf die äussern Organe wirken, als auf die inneren. In einer See- und Handelsstadt mag das hingehen; wäre aber Marseille eine hohe Schule, so würde dieses Phänomen mehr Unglück anrichten, als die philosophische Fakultät verhindern könnte. Glaube mir, Eduard, dass ich weniger zu meinem Vergnügen auf den Ball gehe, als um diese Streitfrage zu berichtigen, die wohl eine der wichtigsten in der Naturgeschichte ist.
Dieser Tag des Wohllebens und der Entscheidung wäre nun vorüber! Und welcher Nation der Erde, fragst Du, gehört denn, unter allen den Schönen, die du sahest, die Mustergestalt an, der du den Apfel reichen würdest? Geduld, Eduard! Ich habe noch Zeit genug übrig, mit Dir zu schwatzen; denn ob es gleich schon einige Stunden über Mitternacht ist, so sind doch meine Augen von den Bildern, die bei meinem Fernglase vorüberzogen, noch viel zu gespannt, als dass ich sie so geschwind schliessen könnte. Bei den optischen Strahlen der Schönheit, bei den magischen Tönen der Musik, die ich in solcher Menge aufgefangen habe, dass ich Feuer geben und klingen möchte wie ein Büstrich, ist es mir nicht allein gelungen, den wichtigen Streit der Schönen aller Nationen gegen einander völlig zu schlichten; sondern ich bin auch nebenher auf die sonderbare Entdeckung gestossen, wie man neue Sylbenmasse, an denen es unserer Poesie so sehr mangelt, ohne grosse Anstrengung finden kann.
Die Operation ist kinderleicht für jeden, dem es während und nach einem Balle so geht wie mir, dass er kein Wort sprechen und denken kann, das nicht Takt hält. Er setze nur die Füsse seiner Verse nach eben der Ordnung, Abwechselung und Mensur, die eine tanzende Schöne den ihrigen gibt, und er wird mit Verwunderung sehen, wie sich manches Sylbenmass unter ihren harmonischen Schritten bilden wird, an das vorher noch kein Dichter gedacht hatte. Zur probe meiner neuen Erfindung will ich Dir den ersten Eindruck des Ganzen auf meine überraschten Sinne in keinen andern, als solchen abgestohlnen Versen erzählen. Ich erwischte den Takt dazu bloss in den letzten Schwingungen des Tanzes, der eben zu Ende lief, wie ich in den Saal trat.
Freund! das war ein Ball! So hat nie ein andrer
Mich, selbst in fürstlichen Sälen ergetzt! –
Hat mich denn, dachte' ich, wie Paulus den Wandrer,
Ein Traum in den dritten Himmel versetzt?
Ich sah hier Tänzer in fremden Gewanden,
Und Schönen mit fremden Federn geschmückt,
Als hätten die fernsten Völker Gesandten
Zu diesem Feste der Füsse geschickt.
Ich sah – –
Doch nein, weiter darf ich nicht fortfahren: denn die Musik schweigt, meine Vortänzerinnen verschnaufen, und der Saal nimmt eine prosaische Gestalt an. Ich machte mich sogleich zu meinem Richteramte geschickt, nahm mein doppeltes Fernglas vor die Augen, und wie ein Blumist in den Gärten zu Harlem in stiller Betrachtung von der Aurikel zur Nelke, von der Hyazinte zur Klatschrose schleicht, mit seinen Bemerkungen von der Krone zum Stängel, und von diesem, mit gewagten Schlussfolgen, bis zu der verborgenen Wurzel herabsteigt, bald in der einen Blume den Umfang ihrer markichten Blätter, bald in der andern die gedrängtern Schönheiten ihres Kelchs bewundert, und sie erst alle mehrmalen beäugelt, ehe ihn der Abschluss seiner Vergleichungen zu derjenigen Blume zurück bringt, die ihn am meisten bezaubert hat; so pünktlich verfuhr auch ich in meiner Untersuchung, konnte des Spiels, das ich immer mit neuem Vergnügen wiederholte, in den vielen Stunden,