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zerquetscht werde, gewiss manches schlaff gewordene Knötchen meiner Flechsen wieder an, denen unter allen Lagen keine so nachteilig ist, als die bequeme. Nirgends aber wirken die in Tätigkeit gesetzten Kräfte sichtbarer und wohltätiger auf die meinigen zurück, als wenn ich den Hafen besuche. Mein Körper ahmt alsdann, ohne es zu wissen, die schwersten Originale der Arbeitsamkeit, die sich ihm darstellen, auf das treueste nach, und indem ich zum Beispiele die kräftige Aeusserung des Wollens und Vollbringens derjenigen beobachte, die an einem seufzenden Kran ungeheure Lasten in das Schiff heben, beisse auch ich die Zähne zusammen, dehne meine arme, krümme meinen rücken, die Adern laufen mir auf, und der Schweiss tritt mir so lange vor die Stirne, bis die Schwierigkeit überwunden ist. – Dann aber erleichtere ich auch meine Brust durch einen behaglichen Seufzer, wie jene Kraftmänner die ihrige. Die stärkende Seeluft kühlt uns ab, und von dem köstlichen Hunger, den sie zu ihrer Mahlzeit errangen, trage ich denn auch so viel nach haus, als mein schwacher Magen bedarf. Ich werde diesen Versuch, den ich aus Vorbereitung zu dem Schmause, der meiner heute erwartet, diesen Morgen mit meinem Körper vornahm, täglich wiederholen, so lange ich hier bin; denn, Du glaubst nicht, mit welchem ganz andern Vergnügen ich jetzt an die Einladung des Herrn Frege denke, als gestern, da ich Dir zu Gefallen mich zu einem Abschreiber erniedrigte, und sich viele Stunden hinter einander von meiner armen Maschine nichts als die Finger bewegten.

Warum aber, lieber Eduard, haben denn wir eine solche Scheu vor jeder körperlichen Arbeit? Würden wir denn nicht, da schon die sichtliche Vorstellung derselben so grosse Wunder tut, unsern Lebensgenuss um vieles erhöhen, wenn wir, nach Lockes Rat, neben unserer standesmässigen Erziehung auch ein Handwerkund das trockene Brod wenigstens verdienen lernten, das wir in kleinen Bissen geniessen? Ist es recht, dass wir durch das vornehme Zurückziehen unserer hände dem armen Tagelöhner mehr Hunger aufhalsen, als er befriedigen kann, indess wir uns der Erholungen, die nur den Fleiss belohnen sollten, als Mittel bemächtigt haben, unser unnützes Triebwerk im Gange zu erhalten? Ich dächte, dieser strafende Gedanke müsste jedem in den Weg treten, der, einem Trupp Schnitter vorbei, über Feld reitet, seine müssigen Stunden in einem rollenden Wagen verschnauft, sich auf Bällen und Jagdpartien in Schweiss setzt, und jedes Frühjahr ein Bad besucht, damit ihm nur der Schwamm nicht über den Kopf wachse, der in ihm keimt.

Wir haben alle einen vornehmen Herrn gekannt, dem diess begegneteder sich endlich ein Faulfieber an den Hals, und mit sich sechs nützliche Menschen in das Grab zog, die ihn während seiner ansteckenden Krankheit bedienten. Wir erzählten einander in unsern Gesellschaften diesen Vorfall als die gleichgültigste Sache. Hätte er aber unser Gefühl nicht eben so sehr empören sollen, als die in Indien hergebrachte Ceremonie, nach welcher die Sklaven zur Begräbnissfeier ihres verstorbenen Herrn geschlachtet werden? Wohl gut, dass es kein Philosoph war, dem die Leichenrede unsers verklärten Freundes übertragen wurde! – Aber wie zum Henker komme ich zu diesen moralischen Grillen? den ungeschicktesten, die ich wohl hätte aufjagen können, um mich zu dem Gastmahl eines reichen Banquiers zu begleiten.

Ein Doktorhut hat das Gute an sich, dass man ihn, sei es einer hübschen Dormeuse gegenüber, in dem Kränzchen einer lustigen Gesellschaft, oder in dem Zirkel der grossen Welt, kurz, bei allen Gelegenheiten, wo er uns hindert, ablegen kann, wie jeden andern gewöhnlichen Hut. Er bleibt desswegen doch unser, sammt seinen Ansprüchen, und wir finden ihn gewiss unter allen den feinen und groben Hüten wieder heraus, die sich unterdessen über und neben ihn herwarfen. So habe auch ich den meinen glücklich nach haus gebracht, ohne ihn zu verwechseln, und, da ich ihn schwerlich heute wieder aufsetzen werde, abgestäubt und an den Nagel gehängt. Was sollte er mir jetzt? Er würde die Figur doch nicht sonderlich heben, die ich jetzt in meinem Lehnstuhle mache, so wenig als die Trägheit verscheuchen, die mich allein abhält, Dir die herrlichen Gerichte alle aufzuzählen, denen ich sie verdanke.

Ich habe fünf üppige Stunden verbraucht, um eine Menge neue Bekanntschaftennicht unter den anwesenden Gästensondern unter den Konsumtibilien zu machen; denn gute Gesellschaften sehen sich an jedem grossen Ort einander gleich, aber nicht ihre Schüsseln. Der Erziehungskunst, so hoch man sie auch überall getrieben hat, misslingt ihre Bemühung nur gar zu oft. Sie putzt und spickt und salzt das Wildpret, das sie behandelt, nach verschiedenen Metoden, und bringt doch am Ende nur ein verkünsteltes Gericht, oder höchstens ein Schauessen zuwege, das unter jedem Himmelsstrich einerlei Farbe hat. Sie versteht lange nicht so gut der natur nachzuhelfen, als ihre ältere Schwester, die Kochkunst, die immer das Eigentümliche jedes Landes mit der allgemeinen Erfahrung so geschickt zu verbinden weiss, dass jedes Gemüse seinen gehörigen Zusatz, jeder fisch seine rechte Brühe erhält, und sie unterscheidet viel klüger als jene, welches Stück sie mortificiren, welches sie dämpfen sollwie viel wasser jenes, wie viel dieses Feuer bedarf, um gar zu werden, und weist jedem seinen eigenen Topf an.

Da ich indess immer geglaubt habe, dass nichts mehr zarte Empfindungen, gewürzte Einfälle und neue Wendungen des Geistes hervorbringe, als Gerichte von ähnlichem Gehalte; so nimmt es mich doch Wunder, dass bei den vielen