Lust hatte. Da greift er ohne Bedenken in die Zeit, zu der er doch eigentlich gar nicht mehr gehört, und setzt seine stinkende Faulheit noch im grab fort, unter der Nase des gutwilligen Narren, dem er seine abgeschüttelte Arbeit aufgehalst hat. Wenn das sein Haus bestellen heisst, so verstehe ichs nicht." –
O du mein verewigter Lehrer und Wohltäter! unschuldiger Landmann – unerfahren in den Künsten, die der Luxus erfand, und Fremdling in allen andern Wissenschaften, als die uns die einfache natur lehrt; was für ein unseliges Geschick öffnete dir den Haushalt eines Mannes von Geschmack, und unterwarf deiner Verwaltung Dinge, die nach ganz andern Regeln beurteilt werden, als nach den Gesetzen der Oekonomie und nach dem Ausschlage des inneren Werts!
Zwar fanden die wüsten, ausgesogenen Aecker ihren Herrn an ihm, die abgestorbenen Obstbäume wurden bald durch frische Stämme ersetzt, die dürren Wiesen gewässert, die verschlämmten mit Gräben durchzogen, und noch grünen die schönsten wilden Zäune zu seinen Ehren um manche Gras- und GemüsGärten; der Viehstand erhöhte, die Ernten verdoppelten sich, und die verfallene Brauerei öffnete den armen Bauern eine Labequelle, die seit vielen Jahren vertrocknet war. Alles kam nach seiner Anweisung in Tätigkeit, Fülle und Segen überströmte die Scheuern und Böden seines Mündels, und Mut und Kraft kehrten in die erneuerten Hütten seiner Untertanen zurück. So sichtbar auf dieser Seite seine vormundschaftlichen Verdienste waren, wie sehr wurden sie nicht auf einer andern durch die Missgriffe verdunkelt, die er in dem schloss des Erblassers mit ehrlicher Unbefangenheit tat! Unerkannte Sünden, die ihm aber ein Verehrer der Kunst, ein Kenner des Schönen, ein Nachtreter Winkelmanns, so wenig vergeben wird, als sie ihm sein Mündel vergab – –
Hier aber, Eduard, muss ich eine Pause machen, denn ich halte es nicht länger aus. Es gehört eine eigene Geduld dazu, seine Feder den Worten oder Gedanken eines andern zu leihen. Man weiss nicht, wo man seinen eigenen Kopf dabei hintun soll. Nein! in der ganzen natur gibt es keine so widrige Handarbeit, als die eines Kopisten. Ich finde das Holzhacken nicht so undankbar und um vieles origineller. Zehnmal kam ich in die Versuchung, um mir den Weg zu verkürzen, ein müssiges oder schleppendes Wort wegzulassen, oder es mit einem aus meinem Gehirne zu vertauschen, und die Sache ungefähr so zu behandeln, wie gewisse Schriftsteller, wenn sie aus anderer Büchern ein eigenes schreiben, oder wie Elias Stapert den König von Pohlen.
Wer ist denn dieser Elias? höre ich Dich fragen. Das will ich Dir noch in der Geschwindigkeit erzählen, ehe ich Feierabend mache. Elias Stapert ist ein abgedankter Skribent, dem ich durch meinen Kredit in Berlin eine Stelle in der dortigen Charité verschafft habe, wo Du ihn aufsuchen kannst, wenn Du Lust hast. Er war ehemals in der Deutschen Kanzellei zu Warschau angestellt, und erzählte mir, man habe ihm dort zu seinem täglichen Geschäfte eine gewisse Anzahl Berichte mit ihren Aufschriften an den König angewiesen. Der Rat, der die Koncepte zum Abschreiben unter die Kopisten verteilte, band sie zwar nicht an die Uhr, wie gemeine Tagelöhner; aber er schien es so gut in der Hand und im Wurf zu haben, dass er genau jedem so viel zumass, als er den Tag über leisten konnte, so dass sich keiner so leicht eine Freistunde zu erschreiben im stand war. Nun hatte der arme Elias ein kleines Haus in der Vorstadt und ein hübsches Gärtchen daran, an das er immer dachte, wenn er zusammen gedrückt an dem Schreibtische sass und nach Luft schnappte. Da kam er nun eines tages zur Zeit der Rosenblüte auf den unglücklichen Einfall, zwar nicht den Koncepten, die vor ihm lagen, aber der langen königlichen Titulatur bald hier bald da ein Wort abzuzwacken. Sein erster schüchterner Versuch gelang so gut, dass er ihn ohne Bedenken wiederholte: endlich gewöhnte er sich mechanisch daran, und gewann durch diesen kleinen Kunstgriff an jedem Kouvert zwei Minuten, mitin an dreissigen eine volle Stunde, die er denn, Gott weiss mit welchen süssen Gefühlen, unter seinen Blumen hinbrachte. So hatte er, verschiedene Jahre vor der Teilung von Pohlen, dem guten König eine Provinz nach der andern, auf dem einen Umschlage Reussen und Preussen, auf dem andern Massovien und Samogitien, bald Podolien und Podlachien, bald Kurland und Semigallien abgenommen, ohne dass die politische Welt darauf achtete. Diess machte ihn, wie das so geht, immer begehrlicher und dreister: er riss nun schon, besonders an heitern Tagen, dem Reiche einen teil mehr ab, und dehnte die noch übrigen desto länger. Endlich, nachdem er sich einmal an dem: Ew. Majestät werden Sich allergnädigst zu erinnern geruhen – matt und hungrig geschrieben hatte, erholte er sich so sehr an seinem schon um sechs Provinzen ärmern Monarchen, dass er ihm auch noch Smolensko und Szarnicovien wegnahm. Das gab nun freilich, so sehr er auch seine Buchstaben in's weite spannte, dem Ganzen ein sehr leeres Ansehen.
Ein junger Rat, der mit den Kouverts spielte, während sich die andern mit dem Inhalte beschäftigten, nahm das Lückenhafte in der Aufschrift wahr, und tat sogleich in pleno eine sehr emphatische Anzeige von seiner ominösen Entdeckung. Die ganze gelehrte Versammlung kam darüber in Aufruhr. Man verschob die laufenden Geschäfte des tages über diesem ausserordentlichen Vorfall, untersuchte nicht weiter die Eingaben, sondern die Aufschriften, liess ältere Akten und noch ältere aus dem