eben so viele, ehe sie sich wieder zu Dir findet. Du hast über Dein eigenes Selbst hinweg, starr auf die Menschen gesehen, bis es Dir vor den Augen flimmerte. Du hast gelesen, gelesen, bis Du Dich selbst nicht mehr verstanden hast. – Du hast so viel über das Leben und Weben des Erschaffenen nachgedacht, bis Du am Ende nicht wusstest, Dich in Dein eigenes Dasein zu finden – hast Schlüsse an Schlüsse gekettet, und so fest um Dich her geschlungen, dass Du keinen Schlupfwinkel mehr vor Dir siehst, durch den Du ungedrängt und unbeschädigt Dich retten könntest. Törichter, törichter Freund! – Und um so hohe Vollkommenheiten zu erlangen – was hast Du von dem Deinigen darauf verwendet? Das grösste Gut, das die natur geben kann – Gesundheit! – In ihr liegt die wahre Weisheit. Dein Kopf ist geschwächt, Dein Magen verdorben, Deine Brust ausgetrocknet, Dein Eingeweide zusammen gezogen, und Dein Puls in Unordnung. – Und Du verlangst mit dieser knarrenden, verstopften, schwerfälligen Maschine menschliche Pflichten erfüllen zu können? Wie will so ein elendes geschöpf ein nützlicher Bürger, ein tätiger Freund, ein gütiger Hausherr, ein zärtlicher Ehemann und ein Vater munterer und gesunder Kinder sein? Zu welcher Rolle auf dem Teater der Welt ist so eine verrostete Puppe geschickt? Gehöhnet, geflohn, gemissbraucht zu werden, unbedauert und unvermisst in's Grab zu schleichen: das ist ihr los, und o! dass ich es sagen muss – ist das Deinige!" –
"Höre auf, lieber Jerom" – unterbrach ich den Fluss seiner Rede mit bebenden Lippen, "Du tödtest mich sonst mit Deiner grässlichen Vorstellung! Hätte ich doch nicht geglaubt, dass man so gesund sein müsse, um nur die achtung eines Arztes zu verdienen? Aber setze den Arzt bei Seite: rate mir als ein schonender Freund, oder nimm nur so viel von jenem dazu, als nötig ist, diese knarrende, ungelenke Maschine wieder in Stand zu setzen!"
Mit mitleidiger Freundlichkeit drückte mir der gutmütige Mann die Hand. – "Höre meinen Rat," – fuhr er traulicher fort, "lieber Wilhelm – und es kann sich noch ändern. Du gehst zu Deinem Glücke in das Land des Leichtsinns: nutze diesen Umstand zu Deiner geistigen und körperlichen Genesung, wie ihn andere zu ihrem Verderben missbrauchen. Suche den Scherz und das lachen auf, wo Du es antriffst. Die Wahl unter ihrer Sippschaft lasse ich ruhig Dir frei. Meide alle und jede, die man Dir als grosse Männer ankündigt – alle Schriftsteller – die Wunderdoktoren aller Fakultäten – und fliehe besonders jene Magazine der Vielwisserei, die Biblioteken, die jetzt fast alle Städte verengen, die Mieten teurer, und die besten Säle unbrauchbar machen – die, wenn die Wut sie zu sammeln noch tausend Jahre so fortgeht, endlich die weite Welt einnehmen und das Menschengeschlecht daraus verdrängen werden, ohne es um einen Grad glücklicher zu machen."
"Hörst Du von Wunderkraft entflammte Zungen
schrein:
Auf unserm Markt ist Himmelsbrod gemein! –
So geh vorbei und glaube keiner;
Der Kot wird immerfort gemeiner
Als Himmelsbrod auf ihren Märkten sein. –"
"Die W e n i g s t e n sind klug." Auf diesen Grund
erbaue
Dir Dein System; und hüte Dich und traue
Der Stimmen M e h r h e i t nicht, obgleich die
schwache Welt
Sie über uns zum Richter aufgestellt.
Wie leicht vereinigen sich Toren
In einem Zweifelspunkt! Sie achten Deiner Ohren
Und Deines Widerspruches nicht –
Geht es ad plurima am letzten Weltgericht,
So ist der Philosoph verloren –
Und dennoch sei's ihm eins der nützlichsten Geschäfte,
Verirrten nachzuspähn. Sein scharfes Auge hefte
Vor allen sich auf das, was Untersuchung flieht! –
Die Rose, die auf unsern Beeten blüht.
Zieht aus dem Dünger ihre Balsamkräfte;
Und aus dem stinkenden Gebiet
Des Truges und der Torheit zieht
Die Weisheit ihre Nahrungssäfte.
"Suche nirgends Erbauung, als in den Wäldern unter dem Gesange der Vögel, und an dem rieselnden Bache! So lange das Blöken der Lämmer Dir nicht näher an's Herz tritt, als das Blöken der Menschen, sage noch nicht, dass Du gesund bist, und werde noch wachsamer über Dich selbst! Ueberlass Dich auf einige Zeit ganz jener glücklichen Art von Müssiggange, die mehr Tätigkeit in sich entält, als manches Aemtchen im staat."
"Wenn von dem Morgenschleier nun
Dein Liebesblick das Land entüllet,
Die Saaten tief im Rauche ruhn,
Der aus der Aehren Blüte quillet,
Und sich Dein Herz mit Freude füllet,
Und Dir es Not wird wohlzutun;
Wenn alles mit Dir lebt und fühlet,
Sich sympatienvoll Dein Fuss
Am Tausendschön vorüber stiehlet,
In dessen Kelch mit Schnellgenuss
Des Lebens – eine Mücke wühlet:
Dein Geist in Harmonie gewiegt,
Kraftvoller durch sein Wohlbehagen
Die Lobgesänge überfliegt.
Die Deiner Zunge sich versagen;
Dein volles Herz die Adern spannt,
Mit Rosenöl die Wangen schminket,
Und von Gefühlen übermannt
Im Strudel der natur versinket –
Sprich! ob dann besser angewandt
Dir einer Deiner Tage dünket? –
Und will ein Tor, den im Gebrauch der Zeit
Nur Sorgen der Geschäfte quälen,
So fromme Tage für entweiht
Im Laufe Deines Lebens zählen,
So lache der Vermessenheit.
Ein so genossner Tag trägt Samen und gedeiht
Zu guter Frucht in guten Seelen,
Und gibt als treuster Freund zuletzt uns sein Geleit,
Wenn alle andre sich von unsrer Seite stehlen