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damals, als diess vorging, zu viel mit unsern Leimruten zu tun hatten, so weisst Du vielleicht gar nicht, worauf ich ziele, und was für einen ärgerlichen Prozess ihm seine Unbekanntschaft mit jenem Worte auf den Hals zog. Ich habe mir die Akten dieses sonderbaren Rechtshandels zu verschaffen gesucht, und sie liegen jetzt vor mir; doch zweifle ich, dass Dir der Auszug daraus denselben Spass machen wird, als mir, ob er gleich, nachdem man es nimmt, keine unbedeutende Beilage zur geschichte der Kunst sein würde.

Der Freiherr von K... besass das wichtige Gut in unserer Gegend, das nachher die königliche Domänenkammer an sich gebracht hat. Er war ein Mann von Erziehung und Kenntnissen, hatte seine Reisen trefflich benutzt, kam verheiratet mit einer edlen Römerin zurück, baute sich ein Haus in der Residenz, das in keiner Rücksicht dem Deinigen nachstand, und lebte hier wie ein Kenner, dem sein Reichtum erlaubte, jeden lüsternen Wunsch zu befriedigen, den ihm sein Kunstgefühl eingab. Er buhlte, ohne es satt zu werden, um die Meisterstücke der vergangenen und gegenwärtigen Zeit, stellte deren, so viel er habhaft werden konnte, der Bewunderung der Fremden und Einheimischen aus, und überredete sich und liess sich überreden, dass er glücklich sei, weil er Geschmack habe. Endlich verliess er doch als Wittwer, ziemlich gelbsüchtig und mager, den Schauplatz zwanzig verträumter Jahre, und flüchtete sich und seine Kunstsachen auf sein väterliches Landgut, das indess unter den Händen seiner Verwalter weder an Einkünften noch Ansehen gewonnen hatte. War er in der Stadt der guten Gesellschaft überdrüssig geworden, so wollte er es der auf dem land lieber gar nicht zumuten, ihm die Zeit zu vertreiben; und ob ihm gleich oft das Herz vor Neugier pochte, wenn er über die Gränzlinie blickte, die schon allein der nur zu sichtbare Wohlstand der Güter seines Nachbars um die seinigen zog, so konnte doch der Besitzer so herrlicher Sammlungen es nie über sich gewinnen, den Junker auf der alten Burg zu besuchen, der für keine Sinn hatte, die nicht aus Gerste oder Hafer bestand. Leitete ihn auch manchmal vor seinen Gemälden ein Kunstgedanke auf einen ökonomischen, so war es ihm doch nur eine unangenehme Ueberraschung, der er so sehr auswich, als einem langweiligen gespräche. Er fühlte, dass eine andere Zusammensetzung dazu gehöre, als die seinige war, um den Uebergang von Tomsons Jahrzeitenzu einer Bodenrechnung, oder von dem Viehstück eines van der Velden zu den blökenden Kühen seines Hofs erträglich zu finden; und so wenig Peter Bembus die Bibel lesen mochte, um sich nicht den Styl zu verderben, so wenig Vergnügen fand auch Herr von K ... an Wirtschafts-Kalendern und Saat-Tabellen. Auf diese Weise jagte er sich noch einige Jahre unter seinen Büchern, Bildern und geschnittenen Steinen mit der geschmackvollsten Langenweile herum, bis ihm kein Mittel mehr übrig blieb, um ihrer los zu werden, als sein Sterbebette. Er bestieg es so froh, als einer, der sich eine Veränderung zu machen wünscht; aber auch hier verdarb ihm sein feines Gefühl für das Schöne seine letzte Unterhaltung. Der gute Landgeistliche, der sich andächtig ihm näherte, schüttelte bedenklich den Kopf, als er ihn verliess; denn der Freiherr hatte während der Einsegnung ihn nicht ehrerbietiger behandelt, als Malherbe seine Wirtin und seinen Beichtvater, da er mit sterbender stimme diese noch über ein Wort auszankte, das die grammatische probe nicht hielt, jenen aber höhnisch versicherte, er würde ihm die Freuden des Paradieses verekeln, wenn er in dem Tone, den er angestimmt hätte, fortführe. So wenig erbaulich nun auch der Hingang des Herrn von K ... in die andere Welt sein mochte, so gelang ihm dafür der Beweis desto besser, den er in seinem Testamente ablegte: dass man auch noch in der Todesstunde das reinste Deutsch schreiben könnte; denn er gab einer Gerichtsperson seinen letzten Willen in die Feder, zwar mit schwacher stimme, aber desto stärkern und gewählten Ausdrücken, entwickelte auf das verständigste die Grundsätze zur Erziehung seines unmündigen Sohns, die er einem bekannten Gelehrten in Leipzig, dem Professor Christ, übertrug, und ernannte mit grosser Besinnungskraft Deinen Oheim als Vormund, unter der zutraulichen Bitte, die Verwaltung seines nachgelassenen Vermögens zu übernehmen, und seine in etwas verfallenen Güter in bessere Ordnung zu bringen.

Dein würdiger Oheim fühlte sich nun zwar durch den Auftrag des Verstorbenen sehr geschmeichelt. "Der Mann," sagte er zu seinem alten Hausvogt, "muss mich doch für einen ehrlichen Kerl und guten Landwirt gehalten haben, ob er mich gleich, so lang' er lebte, nichts davon merken liess." Indess konnte er doch dabei eine Bemerkung nicht unterdrücken, die ihm sein gerader Menschenverstand eingab: – "Seinen Nachlass soll ich in Ordnung bringen? Gut! das soll zwar geschehen; aber warum tat es denn der liebe Mann nicht selbst? Wenn ich ein Jahr versäumen wollte, mein Haus kehren zu lassen, machte mich dann aus dem Staube, und bäte meinen Nachbar, dafür sorge zu tragen, was würden die Leute denken? Drollig genug, dass man den letzten Willen eines Mannes, der uns eine ähnliche Zumutung tut, nicht auch, so gut wie jenes, für eine Unhöflichkeit aufnimmt! Er darf sein Leben vergeuden; genug, dass er in seinem Testamente jemanden auf das Korn nimmt, dem er die Mühe und den Schweiss überträgt, die er selbst zu verlieren keine