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alten Burg Deiner Vorältern auffasste, und den ich bei meinem diessjährigen Besuche in diesem neuen Palaste alle Musse fand vollends auszuspinnen. Wäre noch der geringste Anschein geblieben, dass meine stillen Wünsche für Dein Glück und alle die schönen Hoffnungen sich mit der Zeit erfüllen würden, um die mich nun Deine Abreise bringt, wahrlich, Du hättest nicht einmal von meinem heimlichen Gespinnste etwas erfahren sollen. Jetzt aber, da Dich die Unruhe, die Du von Deinen ehemaligen langen Reisen zurück brachtest, aufs neue wieder in die weite Welt jagt, und Dich von Deiner prächtigen wohnung, wie von den schmucklosen Hütten Deiner Freunde, entfernt, jetzt, da ich mir nicht anders zu helfen weiss, musst Du mir vergeben, dass ich Dir den ganzen Knaul auf der Post nachschicke, so voll ich ihn, ohne meinen ländlichen Geschäften Abbruch zu tun, habe aufwikkeln können.

Erinnere Dich, lieber August, der Zeit unserer gemeinschaftlichen Erziehung. Damals vertrauten wir einander so gern unsere kleinen Geheimnisse. Wenn einer von uns ein Vogelnest fand, zog er immer den andern zur Frage, ob es wohl Nachtigallen wären oder Sperlinge? Wenn einem von uns sein Strohhut der Quere sass, rückte ihn der andere ohne viele Umstände zurechte. Warum wollten wir in älteren Jahren und bei wichtigern Dingen zurückhaltender sein, und nicht eben so treuherzig als ehedem unsern Bemerkungen Luft machen? Der Tod Deines rechtschaffenen Grossoheims, meines Erziehers und Wohltäters, trennte uns arme Spiel- und Schlafgesellen, und gab jedem eine andere Richtung. Die Deinige ging in das Edle, Erhabene und Weite; die meinige hingegen nötigte mich, auf dem väterlichen Boden, wie Epheu, fortzukriechen, und aus eigener Kraft Wurzel zu schlagen. Funfzehn Jahre vergingen, ehe Du mir wieder unter die Augen kamst; und Wie falsch waren meine Urteile über Dich, eh' ich Dich sah! Ich berechnete nach der Summe der vielen frohen Empfindungen, deren ich mir bewusst war, und zu denen ich auf die einfachste Art ohne Aufwand gelangte, wie gross erst die Masse der Deinigen sein müsse, die, unter der Leitung verständiger gelehrter Männer, aus Bestandteilen zusammen gesetzt wurde, die sich gegen die Materialien meines Glücks wie polirter Marmor zu rohen Feldsteinen verhielten. Meine Neugier trieb mich nicht weniger zu Dir, als der Drang meiner unveralteten Liebe. Als ich seit meiner Kindheit nun zum erstenmale wieder den alten Turm Deiner Burg in der Ferne erblickte, ja, bester August, da war es mir so warm um das Herz, als ob alle die verlaufenen Blutkügelchen meiner Jugend wieder zurück strömten. Es grübelte mir in der Nase, und ich würde geweint haben, hätte nicht die Hoffnung, Dich nach einigen Augenblicken zu umarmen, den Strom meiner Tränen bis dahin noch in seinem Ufer gehalten. Du weisst, wie viele ich in dem ersten Ausbruche der Freude an Deinem Busen vergoss, und wie zugleich meine Blicke arbeiteten, Dich aus den fremden Federn zu heben, in die Dich Zeit und Verhältnisse tiefer gebettet hatten, als ich erwartete. Ach, es gelang mir nicht! Und wie konnte es auch? An die Stelle des muntern, offenen, launigen Jungen, wie ich gewohnt war mir meinen August zu denken, war ein feiner, behutsamer, zurückhaltender Denker getreten, der durch bestimmte wohlklingende Ausdrücke mir meine zudringlichen, regel- und zwanglosen fragen eher zu verweisen, als zu beantworten schien. Eine gewisse Aengstlichkeit schritt, selbst an dem arme Deines Freundes, durch die prunklosen Zimmer neben Dir her, die Dein Oheim mit immer gleicher Zufriedenheit bis an sein seliges Ende bewohnte. Du warest verlegen in meiner Gegenwart, und sicher dachtest Du nicht viel besser von mir, als von dem alten Hausgeräte, das Dich umgab. Wie war doch jetzt alles Deinen kritischen Augen so anstössig, von dem russigen Turm an, der mir so frohe Herzensbewegungen verursachte, bis auf die unschuldige Sammlung von Hirschgeweihen, die den Saal Deines Oheims schmücktenbei denen allein er das Wort: P r ä c h t i g ! in den Mund nahm, und die er, als das Journal seiner glücklichsten Tage, mit mehr Freude betrachtete, als Ludewig die Tapeten, auf die Le Brün seine Schlachten gemalt hatte! Was für ein fest der Erinnerung war es mir nicht, als ich hinein trat, und dieselben veralteten Armstühle noch in ihren Ecken stehen sah, die mir in so manchem schwierigen Augenblick Schutz gaben! Alle die lieben süssen Spiele meiner Kindheit, schien es mir, schlüpften hinter den schweren wollenen Fensterbehängen hervor, und bewillkommten ihren alten Bekannten. Der grosse blaue Gewehrschrank, der mir damals keine geringe Ehrfurcht einflösste, tat es wahrlich um nicht viel weniger, als ich ihn wieder sah, und ich glaubte, das Herz würde mir springen, als ich die hölzerne Wanduhr mit dem Guckuck noch in demselben Tone schnarren und schlagen hörte, wie in jenen flüchtigen Stunden, wo sie so despotisch meine Zeit beherrschte, und der ich mich nie ohne Zittern näherte, weil sie unstreitig das kostbarste Hausgerät Deines Oheims war. Die Mode, wie Du weisst, verrückte ihm nie einen Stuhl, und eher würden ihn die Würmer um die Kisten und Kasten seiner Vorältern gebracht haben, ehe es einem Rost, Röndchen oder Martin gelungen wäre.

Du, mein kluger Freund, brachtest andere Augen von Deinen Reisen mit, als mir die natur, Gott sei Dank, bis jetzt erhalten hat. Für Dich waren alle die freundlichen Winke verloren, die mir der Schauplatz