Tone verkündiget werden. Der erste deklamirte: dass Ludewig der Vielgeliebte zwei Tage und drei Nächte mit Madam Dubarri auf dem schloss zu Meudon zugebracht habe. – Der andere: dass der Herzog von Orleans entschlossen sei, eine Reiherbeitze zu halten. – "Das mag er," unterbrach ich den Epilogus: "trage nur die unnützen Blätter wieder in den Saal, damit nicht etwa gar jemand darauf warte."
Der gute Kerl hatte indess nicht ganz umsonst gelesen. Er erinnerte mich, wie er das Maul so voll nahm, an seine sogenannte Arabische Handschrift, die ich jetzt Zeit genug hatte nach Herzenslust zu untersuchen. – Ja, dachte ich, das soll auch geschehen; denn ich will doch noch lieber einen deutschen Landjunker über einen philosophischen Gegenstand schwatzen hören, als einen französischen Nouvellisten, der immer nur das Volk mit dem Zeitvertreibe seines Königs bekannt macht, nie mit seinen Geschäften. Sind sich diese Schmierer aber nicht in allen Staaten gleich? Ist es nicht, als ob sie dafür bezahlt wären, durch alle den Pomp festlichen Müssiggangs, den sie aus der Tagesordnung der Regenten sorgfältig ausheben, und in ihren Wochenblättern für das Publikum auskramen, dem Untertan seine saure Arbeit noch mehr zu verekeln, und ihm seine drückenden Abgaben noch unerträglicher zu machen?
Ich zog nun den Brief aus seiner kostbaren Verwahrung, tat im Vorbeigehen auch nicht einen blick auf das berüchtigte Bild, und, glaube mir, ich war mit den paar Stunden, die ich verlas, nicht so gar übel zufrieden. War es der sonderbare Kontrast, in welchem mir der Eigentümer der Schreibtafel und des Gemäldes, gegen d a s gehalten, erschien, w a s der Brief von ihm sagte, denn es ist klar, dass er an ihn gerichtet ist; – sind es die Wahrheiten, die hier und da darin vorkommen, und mir oft so hell in die Augen leuchteten, dass sie mir übergingen; – oder waren es die Sophistereien der Freundschaft, die mich so anzogen? Ich weiss es nicht. Genug, ich übersah die schwachen Stellen mit Lächeln und Nachsicht, verweilte mit Vergnügen bei andern, die von stärkerm Gehalte waren – verglich die Empfindungen des Schreibers mit der Erfahrung der meinigen, und geriet darüber in ein Gedankenspiel, das mich, in Ermangelung eines bessern Zeitvertreibs, immer leidlich genug beschäftigte.
Wäre der Brief nicht so unerträglich lang, ich schriebe Dir ihn ab. – Aber könnte ich Dir ihn nicht stückweise vorlegen, und die ganze bunte Masse von Gerichten, die er hier auf einmal auftischt, unter die magern Epochen verteilen, die etwa, wie heute, in meinem Tagebuche, vorfallen? Warum nicht? Aus dem systematischen Zusammenhange werde ich nicht das mindeste reissen: über diesen hat sich der natürliche Menschenverstand des Schreibers glücklich hinweg gesetzt. Dessen ungeachtet, hoffe ich, sollst Du mir meine Mühe verdanken. – Der Brief wird Dich immer mit einem sehr seltenen mann bekannt machen, dergleichen unser guter König wohl nur wenige in seinen Staaten aufweisen kann; mit einem Vasallen nämlich, der zufrieden auf seiner Hufe sitzt, und die Richtigkeit des Satzes praktisch beweist: nihil petenti nihil deest.
Sollte Dir nun vollends der Verfasser des briefes, der, wohl zu merken, als er ihn schrieb, nicht einmal ahnden konnte, neben was für ein Mignaturbild man ihn beilegen würde, die Augen über den nachteiligen Einfluss öffnen, den, wie er es ernstlich gegen seinen Freund und Feldnachbar behauptet, die Entfernung vom vaterland auf unsere Sittlichkeit und Gemütsruhe hat; so bewirkt vielleicht diese Abschrift den guten Gutschluss bei Dir, den auch mein Tagebuch zu entkräften leider nicht gemacht ist, dass Du Deine kranken Freunde künftig nicht mehr so auf geradewohl in die weite Welt schickst.
Lieber August!
In der frohen Erwartung Deines versprochenen Gegenbesuchs auf meinem Landgute, in den Anstalten zu Deiner Aufnahme, die mich eben von dem einen staubigen Winkel meines Hauses zum andern trieben, als ich gestern Deinen Abschiedsbrief erhielt, brauche ich wohl kaum zu sagen, wie sehr er mich überrascht hat. Nichts – ich kann Dich es auf Ehre versichern, nichts in meinem Leben hat es mehr getan, als diese Ankündigung Deines Aufbruchs nach Avignon. Dein Entschluss ist rasch, lieber August. Schwerlich hast Du ihn selbst geahndet, als ich vergangenes Frühjahr einige Wochen bei Dir vertändelte; denn sonst würdest Du mir ihn doch wohl entdeckt, und die Bewegungsgründe dazu entwickelt haben, die Du jetzt meinen eigenen Nachforschungen anheim stellst. Kaum kann ich von meiner Verwunderung zurück kommen. Warum bautest und schmücktest Du Dein stolzes Haus, möchte ich fragen, da es Dir so Not tat, es zu verlassen? Warum übergabst Du, es in der Aufschrift über dem Portal d e r Z u f r i e d e n h e i t , da Du die Göttin erst anderwärts aufsuchen willst, der Du es hier mit goldenen Buchstaben geweiht hast? Du hast durch Deine plötzliche Abreise alle Deine Feldnachbarn an Dir irre gemacht. Einige erblicken nichts weiter darin, als einen beschimpfenden Vorwurf gegen ihren Zirkel und langweiligen Umgang; andere schütteln die Köpfe, und fürchten, dass Dich nur die grossen Schulden in die Flucht trieben, in die Dich die Torheit Deines Baues gebracht habe. Ich allein kenne Dich zu gut, um nicht mehr als zu viel Uebereinstimmung mit Deinem inneren auch in dieser Deiner Handlung zu finden, und befestige mich noch mehr in den Gedanken, wovon ich den Faden schon vor fünf Jahren in der