des ungetreuen Elements, das vor mir lag, mit den Kräften der Menschen, die ihm entgegen arbeiten, und den Vorteil der Schiffahrt mit ihrem Nachteil für unsere Sitten, unsere Ruhe und Gesundheit verglich, machte mir mein Gedächtniss die Freude, mich an die schöne Ode zu erinnern, die Horaz an das Schiff richtete, das seinen Freund Virgil nach A t h e n brachte.2 Das erhabene Vorbild reizte meine Phantasie, ihm von weitem nachzufliegen; und wenn ich auch meinen Landsmann mit seinen Nichten eben nicht animae dimidium meae nennen möchte, so sah sich doch meine Muse gern noch einmal in den Augenblicken nach ihnen um, wo sie mir der Wind – wahrscheinlich auf ewig – entführen sollte.
Ich war eben mit meinem Abschiedsliede fertig, als ich, von der Glastüre aus, die Segel aufziehen sah. – Jetzt schlafen nun die lieben Mädchen, dachte ich. Der Himmel beschütze sie! Und mit klopfendem Herzen trat ich aus meiner Bude an den Strand, und sang – obschon mit etwas heiserer stimme – meine Wünsche dem Schiffe nach, das ganz aufgeblasen den Hafen verliess und in den Strahlen der Morgenröte dahin flog:
Hängt eure Lampen aus, ihr Brüder
Helenens! Cypris, strahle nieder,
Sanft, wie es deinem Stern gebührt!
Und lass auch du, der Winde Vater,
Das Schiff von Stürmen unberührt,
Das unsern Visitater
Und seine Nichten führt!
Ihr Glücksstern bringe durch die Schatten
Der Nächte sie den Hangematten
Der Rudrer unberaubt vorbei –
Und Fama mache mich des Kummers
Um ihre Jugendblüte frei,
Dass sie ja keines Hummers
Und Meerwolfs Beute sei!
Dem war die Brust mit Stahl umzogen,
Der die Bekämpfung wilder Wogen
Zuerst zu seinem Spiel erkohr:
Doch auf den Stufen der Gefahren
Steht ihm die jüngste Schöne vor,
Die nichts von ihren Waaren
Auf dem Verdeck verlor.
Vergebens schied mit weisem Plane
Zeus und Neptun vom Oceane
Das Menschen angewiesne Land:
Verwegen stossen sie vom Stapel,
Und holen von dem fernsten Strand
Peteschen, Mal de Naples
Und andern Konterband.
Ein neuer Dädal, Blanchart, eilet
Vom Piripi hinweg, und teilet,
Den Adlern gleich, der Lüfte Bahn;
Ein Franklin zündet an dem Blitze
Des himmels seinen Wachsstock an:
Auf jedem Musensitze
Erhebt sich ein Titan.
Der Mensch, zu mässigem Genusse
Geboren, nähm dem Ueberflusse
Sein Füllhorn gern auf einmal ab:
Von schwer erstiegnen Schaugerüsten
Stürzt schwindelnd ihn sein Stolz herab,
Und ein Gefolg von Lüsten
Begleitet ihn ins Grab.
Meine tierischen Kräfte waren so erschöpft, wie meine poetischen. Ich fühlte die Schlummerkörner, die ich heute so reichlich ausgesät hatte, wurzeln und keimen, und war froh, als ich d e n h e i l i g e n G e i s t erreichte, wo ich sie bald in meinem Bette zur Reife brachte.
So endigte sich der erste halbe Tag meines Aufentalts in Marseille, den ich aus Drang von Selbstzufriedenheit, dergleichen ich lange nicht empfand, Dir, lieber Eduard, als eine augenscheinliche probe meiner angehenden Besserung, hoffentlich so überzeugend dargestellt habe, als Du nur verlangen kannst. Was wolltest Du mit Grund dagegen einwenden? –
Der heitern Mittagsstunde schlossen
Sich ja die frömmsten Horen an,
Die mich von Psyche's Spielgenossen,
Statt mit vergifteten Geschossen,
Mit Blumen nur verwunden sahn.
Fussnoten
1 La Mecque étoit auparavant occupée par AbuGabshan, qui eut la simplicité de s'en défaire pour une bouteille de vin, dans un malheureux moment où il se trouva d'humeur à boire. Il voulut ensuite se relever d'un marché si préjudiciable et fut appuyé par les gens de sa tribu, mais et lui et eux furent chassés de la Mecque par Cosa, ayeul de Mahomet. vid. Prideaux Vie de Mahomet. p. 3. 2 Ode 3. lib. I. Sic te diva potens Cypri –
Marseille
Den 10ten Januar.
Die volle Sonne hatte Mühe mich zu wecken. Als ich die Augen aufschlug, musste ich mich einigemal fragen, wo ich wäre und wohin ich wollte, eh' ich es deutlich erfuhr. Das erste, was mir beifiel, war ein Wechsel auf Herrn Frege, einen Sohn des berühmten Banquiers dieses Namens zu Leipzig. Ich lernte einen artigen und gefälligen Mann an ihm kennen. Sein Deutsch war mir beinahe lieber, als das, womit ich gestern an der Wirtstafel so angenehm überrascht wurde; denn er zahlte mir Geld, und bat mich auf morgen zu Tische. Mein heutiger Mittag hat nichts für mein Tagebuch abgeworfen. Es wollten keine Berlinerinnen kommen, so sehr ich mich darnach umsah. Unter den Anwesenden fand sich nicht Ein Auge, in das ich hätte blicken mögen; und es war eben so gut: denn ich konnte um so viel ruhiger der Erholung pflegen, die mir nach der Nachtwache von gestern sehr nötig war.
Mit diesem Gefühle in allen Gliedern, und einem Pack Zeitungen, die für die Gäste da lagen, schlich ich wohl gesättigt nach meinem Zimmer. Hier pflanzte ich Bastianen, der mir sie vorlesen sollte, meinem sagte er zu seiner Entschuldigung, lese auch nicht besser. – Ich setzte den Prologus an seine Stelle, einige Zeilen nachher auch den Epilogus: aber der Zeitungstext und ihre Stimmen passten so widrig zusammen, dass ich vor der Hand für das beste hielt, auf die Bequemlichkeit eines Vorlesers Verzicht zu tun. Es greift doch nichts die Gehörnerven so empfindlich an, als wertlose Neuigkeiten, die uns in einem hochtrabenden