mir sass, und entfernt von seiner Schwester, gedacht hätte, die, wie Du gehört hast, nicht eher gerufen sein wollte, als "b i s e s d i e h ö c h s t e N o t h w ä r e ." Doch da dieser Sinnenbetrug, wie ich wohl merkte, in die Länge nicht dauern konnte, so liess ich es mit dieser kurzen probe genug sein.
"Hum!" sagte ich zum Schluss, "ungerufen, sehe ich wohl, ist es im heiligen geist nicht hergebracht, dass man den Passagieren Licht bringt." Ich griff nach dem Schellenzuge. – Die Schnur lag straff, und um sie ziehen zu können, suchte ich die Quaste. Aber gütiger Gott! wohin hatte die sich versteckt, und wie erschrocken führ meine Hand zurück! Ich bat das schöne Mädchen tausendmal um Verzeihung; aber, kannst Du es glauben? sie hörte mich nicht. Das müde Kind war, trotz meiner Predigt, so tief eingeschlafen, wie in der kammer die Schwester, und machte mir jetzt keine kleine Angst. Da sie gerade unter der Klingel sass, so war es zwar sehr begreiflich, wie die seidene Trottel, durch ihr Köpfchen gehoben, bei der geringsten Bewegung dahin gleiten konnte, wo ich sie fand; aber wie sollte ich sie nun aus der Klemme bringen, in die sie geraten war? und ich brauchte doch Licht. Da war nun weiter nichts zu tun: ich musste mich aus der Verlegenheit ziehen, wie es möglich sein wollte. Ich fingerte auf das behutsamste, und ward endlich der Quaste habhaft, die so warm war als die Hand, mit der ich sie fasste, und nun stürmte ich in die Klingel. Sogleich stürzte der Aufwärter mit zwei Kerzen herein. Ich wollte schmählen – "O sie brennen schon lange," entschuldigte er sich, "aber wir wagen nie, eher Licht zu bringen, als es die Herren verlangen."
Alles das Geräusch konnte die schlafende Schöne nicht erwecken. – Es war wahrlich eine scharfe Kritik auf meine Predigt. – Ich trat ihr endlich mit den Lichtern unter die Augen, nahm jedoch mit Vorbedacht in jede Hand eins – aber sie rührte sich nicht. Dagegen konnte ich sie desto aufmerksamer betrachten. Es war zum Malen, wie fest der sanfte Schlaf die braunen Augenwimpern zusammen drückte, ein feines Lächeln um den Mund, Karmin um die Wangen zog, und mit kurzen Atemzügen eine Brust hob, bei der sich niemand verwundern durfte, dass die Quaste so fest lag. Ich überliess mich dem Vergnügen dieser süssen Beschauung ohne Bedenken; denn durch die Chokolate, den Wein und durch meine Predigt, die zusammen das Mädchen einschläferten, hatte ich es ehrlich bezahlt. Genau genommen, ging auch diese – ob sie gleich keine lebendige Seele vernahm als meine eigene, desshalb nichts weniger als verloren; denn ungerechnet, dass man sich selbst nicht ungern hört, ward es jetzt nur zu sichtbar, wie erbaulich sie auf mich zurück gewirkt hatte. Ich war mit mir zufrieden, hatte, unter dem Schutze des heiligen Geistes, Kirche, wo nicht für andere, doch für mich, gehalten; und ich lasse mir es nicht abstreiten, dass jenes grossmütige Gefühl meiner warmen Hand, das ich mit der seidenen Quaste zurück brachte, mehr Verdienstliches hat, als die paar Groschen, die ein Geizhals in den Klingelbeutel wirst, und sich wunder etwas darauf einbildet.
Ich setzte nun die beiden Lichter, nach dem angenehmen Dienste, den sie mir geleistet hatten, wieder auf den Tisch, und mich mit der heitersten Ruhe an das Fenster. Als ich aber den Mond in dunkeln Wolken über dem Meer hängen sah, und die jetzige Sicherheit der guten Kinder unter meiner Wache mit den Gefahren verglich, denen sie so unbefangen entgegen schliefen, – da, Eduard, ward mir ganz bänglich ums Herz, und es überfiel mich ein Frost, so oft ein Lärm im haus vermuten liess, man würde sie nun wecken und zu ihrer Bestimmung abrufen. Indess verging noch eine glückliche Stunde für sie, bis zu Mitternacht.
Nun trat endlich der Visitator schnaufend herein, war ganz betroffen, wie er sagte, von der wilden Wirtschaft, die auf einer Tartane herrsche, und schon über und über schwindlich von der ersten probe, die seine Füsse in dem Schiffraume gemacht hätten. Seine bekannte stimme schreckte die beiden Mädchen sogleich auf, da sie sich hören liess. Sie traten schlaftrunken neben ihn, und fragten, ob ihre Betten auf dem Schiffe schon gemacht wären? – Ja, ja, antwortete er, es ist alles in Ordnung, bis auf den Schlaf, den ich euch wünsche. – "O," dehnte sich die eine, "wir schlafen heute ungewiegt." – "Ungewiegt?" wiederholte er höhnisch: "das wird sich bald ausweisen – aber kommt nur!"
Ich gab der ältesten Schwester den Arm, die jüngere hing sich an ihren verstörten Vetter. Ein paar fackeln leuchteten uns. Wir gingen, jedes in seine eigenen Gedanken vertieft, einige Gassen durch, bis an den Hafen; denn ob ich gleich dem Mädchen gern einen Auszug aus der Predigt gegönnt hätte, die sie verschlief, so fürchtete ich doch, sie in einem Selbstgespräche zu stören, das, nach den tiefen Seufzern zu schliessen, von denen sie sich los machte, ihr noch zuträglicher schien, als die Warnung eines so frischen Bekannten