aufmerksamer Geduld zu; ob ich mich gleich nicht für eben so verbunden hielt, während er sprach, bei seinen gemeinen Gesichtszügen zu verweilen, da ich die Wahl hatte, meine Augen indess mit zwei andern deutschen Gesichtern zu vergnügen, die freilich nicht so alltäglich waren, als das seinige. Doch ich ward bald genug seiner ganzen redseligen person los.
Der Kapitän, dem die witwe zu St. Domingo die Ueberfahrt ihrer Verwandten als eine Rückfracht verdungen, so wie sie jenen zugleich die Zeit, wo sie mit ihrem Führer zusammen treffen sollten, bestimmt hatte, liess ihnen jetzt wissen, dass er wegen seiner nunmehr beendigten Geschäfte sie mit ihrer Habe an Bord erwarte, um noch diese Nacht abzusegeln. Mit dieser Nachricht schickte er ihnen zugleich Träger, um die Koffer zu holen. Der arme Visitator und seine Nichten hätten nun wohl gern noch diese Nacht auf festem Boden von ihrer Landreise ausgeruht; da es aber die Umstände nicht erlaubten, so gaben sie sich heroisch darein, und, nachdem er hastig eine Tasse von der Chokolate und zwei Gläser von dem Champagner hinunter gestürzt, die der Kellner für meine Rechnung eben auf den Tisch gepflanzt hatte, so eilte er seinen Koffern nach, versprach seine Nichten abzuholen, wenn es Zeit zur Abfahrt wäre, und überliess uns mit einem freundlichen Winke den Ueberrest der Kollation.
Das Zimmer kam mir zwar viel aufgeräumter und geputzter vor, als er weg war: doch machte mich das grosse Zutrauen eines Onkels nicht wenig stutzig, der mich in der Dämmerung, bei s o l c h e n Erfrischungen, mit s o l c h e n Mädchen allein lassen konnte, die jetzt in der lustigsten Laune von der Chokolate zu dem brausenden Wein übergingen, und abwechselnd, dem festen land, wie sie sagten, zur letzten Ehre, trällernd um den Tisch tanzten, bis es für diese Art Leibesbewegung zu dunkel ward. Fürchte aber nur nicht zu sehr für mich, Eduard. Denn, ungeachtet die Gefahr wuchs, als die fünfzehnjährige Schwester, nach wohl errungener Müdigkeit, der sechzehnjährigen den Tummelplatz allein überliess, und sich mit der Bitte in das anstossende Kabinet begab, sie möge sie ja nicht eher wecken, bis es die höchste Not sei – und, ob ich Dir auch gern gestehe, dass ich in einem gefährlichen Augenblicke vorher, wo die erhitzten Schönen ihre Halstücher abwarfen, und mir nur desto vorteilhafter in die Augen fielen, mir in geheim die spitzfindige Frage vorlegte, ob nicht der strengste Sittenrichter – auf den zwar traurigen, aber doch möglichen Fall, dass diese Rosenknospen auf dem Meere verloren gingen – mir die wenigen im Raub gepflückten Blätter immer noch lieber gönnen würde, als einem Haifische? – und ob es gleich nicht dunkler werden konnte, als die noch muntere Schwester einen Sitz neben mir auf dem Kanapee einnahm, und mich launig aufforderte, ihr die Seekrankheit, vor deren neuer Bekanntschaft sie sich am meisten fürchte, aus dem kopf zu treiben: so schützte mich doch – und ich setze es dankbar auf die Rechnung des vielen Guten, das sich daher entspann – die Erfahrung der vorigen Woche vor jedem kasuistischen Gedanken. Ich nahm vielmehr von unserer baldigen Trennung gelegenheit, dem schönen Geschöpfe, das neben mir sass, noch einige gute Lehren mit auf den Weg zu geben.
"Ihre Bekanntschaft, meine lieben Landsmänninnen," sagte ich mit rührender stimme, "hat mir meinen heutigen Tag recht wert gemacht, und es wird mich herzlich freuen, wenn ich erfahre, dass es Ihnen in der Entfernung wohl geht. Bald eilen Sie nun auf den Flügeln des Windes einem land des Wohllebens und der Freude entgegen. Mit so vielen Reizen geschmückt, als Ihnen beiden die natur gab, werden Sie dort mehr aufsehen machen, als selbst in Berlin; und dort, wo bewahrte Unschuld, mit Schönheit verbunden, ungleich seltener ist als Reichtum, wird gewiss bald eine glückliche Ehe – auf die Sie in unserer verarmten Vaterstadt noch lange vielleicht vergebens hätten warten müssen, Ihr teil werden. Es muss auch von nun an Ihr einziges Ziel sein, lieben Kinder! Denken Sie, wenn Sie es erreichen, und mit dem stolzen Bewusstsein einer unbefleckten Tugend die Freuden der Liebe ernten, die Sie zu geben und zu nehmen bestimmt sind – denken Sie dann an das Wahre und Uneigennützige meiner Vermahnung. Erinnern Sie Sich, in welcher für Sie und mich gefährlichen Stunde ich sie Ihnen an das Herz legte – in der Stunde unsers Abschieds – unter der Einladung der Nacht – während der fröhlichsten Stimmung Ihres Bluts, das Sie, wenn ich es sagen darf, meine lieben Kinder, ein wenig leichtsinnig, durch unbekannte hitzige Getränke in eine Wallung gebracht haben, die der Aufmerksamkeit auf uns selbst nur zu nachteilig ist." –
Es ging mir zwar hier wie manchem andern Prediger. Die eine Hälfte des Auditoriums, an das meine Rede gerichtet war – schlief, und die mögliche Erbauung der andern – musste ich Gott anheim stellen. Indess hätte ich doch um vieles nicht der hülfe entbehrt, die ich mir gegen meine eigene Zerstreuung dadurch leistete, dass ich meinen Vortrag an eine Seele mehr richtete, als mir zuhören konnte. Diese Kleinigkeit benahm der Dunkelheit, die uns umgab, alle Gefahr; denn ich weiss nicht, ob ich mich so deutlich und ohne Stocken über den Wert der Tugend würde erklärt haben, wenn ich an die Bequemlichkeit meiner Kanzel, in Verbindung mit dem lieben kind, so einzeln, wie es neben